"Die Anonymen Romantiker" - Interview mit Jean-Pierre Améris

Die Anonymen Romantiker, Filmplakat - Delphi Filmverleih
Die Anonymen Romantiker, Filmplakat - Delphi Filmverleih
Die französische Regisseur sprach bei der Deutschlandpremiere seiner Romantik-Komödie über Hochsensibilität und von Ängsten, denen man sich stellen muss.

Ihre hohe Empfindsamkeit ist für Angélique Delange (Isabelle Carré, „Der Husar auf dem Dach“) ein Problem, das sie mit ihrem neuen Schokolandenfabrik-Chef Jean-René (Benoît Poelvoorde, „Nichts zu verzollen“) teilt. Ohnmachtsanfälle, Schüchternheit, Angst vor Mitmenschen führen sie in die Selbsthilfegruppe, die es in Frankreich wirklich unter dem Namen „Die hochsensiblen Anonymen“ gibt. Regisseur Jean-Pierre Améries („C'est la vie“), der immer gute Gründe findet, Angst zu haben, entfloh ihnen dort selbst und er verarbeitete sie in seiner bezaubernden, therapeutischen, charmanten und amüsanten Romantik-Komödie „Die Anonymen Romantiker“ (mit pittoreskem Ende).

Suite101-Autor Martin Döringer traf Regisseur Jean-Pierre Améris bei der Deutschlandpremiere, die in der Französischen Botschaft in Berlin stattfand und befragte ihn zu seinem neunten Spielfilm „Die Anonymen Romantiker“.

Martin Döringer: „Wie kamen Sie auf die Idee, über Hochsensibilität zu drehen?“

Jean-Pierre Améris: „Ich wollte wirklich einen Film machen, über dieses Problem, das ich habe, seitdem ich Kind bin und vor allem seitdem ich Jugendlicher bin – dieses Problem der Hochsensibilität. Der Auslöser war: als ich selber zu diesen Selbsthilfegruppen-Sitzungen ging – ‚Die anonymen Hochsensiblen‘ – und merkte, dieses Thema berührt viele Menschen und es ist Zeit, darüber einen Film zu machen.“

Martin Döringer: „Hat sich durch diese Sitzungen oder durch die Realisierung des Filmes ihr hoch sensibler Zustand verbessert?“

Jean-Pierre Améris: „Es hat meinem Bewusstsein geholfen. Es ist aber so, dass sich einige Dinge nicht ändern. Situationen wie jetzt zum Beispiel, bei einem Cocktail. Da habe ich immer noch das Problem, dass ich nicht weiß, wie ich mich hinstellen soll, oder wo mein Platz ist. Ich mag’s auch nicht, an ein Buffet zu gehen. Was man schon sagen kann ist: ich habe bereits einen größeren Abstand zu all dem, und ich kann die Sache auch inzwischen mit mehr Humor nehmen und vor allen Dingen mittlerweile damit leben.“

Martin Döringer: „Kann man nicht auch ohne Cocktails und Buffets leben?“

Jean-Pierre Améris: „Sicher, das könnte eine Lösung sein, aber das ist dann ja auch oft so, dass man aus professionellen Gründen auf ein Festival geht, oder dass man zu Ereignissen geht, wo viele Menschen sind. Man muss sich mit der Angst auseinandersetzen. Man muss ihr gegenüberstehen, weil wenn man das nicht macht, kommt man schnell in diese Situation, dass man dann doch alleine zu Hause geblieben ist, man sich auf irgendeine Weise schämt und frustriert ist. Man kommt in diesen Teufelskreis, wo man sich zu sehr auf sich selbst konzentriert. Zu Hochsensiblen sagt man deswegen auch immer, dass sie sich ihren Ängsten stellen müssen.“

Martin Döringer: „Sind Rendezvous eine Qual?“

Jean-Pierre Améris: „Dieses Lampenfieber habe ich aber und aber mal. Vor jeder Art von Rendezvous, vor jeder Art von Treffen. Das ist für mich nie etwas Banales – auch professionelle Treffen nicht. Letztendlich haben diese Form von Lampenfieber viele Menschen, wahrscheinlich sogar fast alle. Aber im Gegensatz zu den Figuren in meinem Film ‚Die Anonymen Romantiker‘ bin ich solchen Situationen nie ausgewichen, bin niemals davor geflohen. Ich hab mich dem immer ausgesetzt, das war eine Art Motor für mich, um mich meinen Ängsten zu stellen.“

Martin Döringer: „Sie sagten nach der deutschen Filmpremiere von ‚Die Anonymen Romantiker‘, sie lieben Berlin. Können Sie sich auch vorstellen, in Deutschland einen Film zu realisieren und wovon würde er handeln?“

Jean-Pierre Améris: „Ich habe da noch keine Idee, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Es stimmt, ich mag diese Stadt sehr. Berlin ist sehr kinematographisch und bietet dem Kino viel.“

Martin Döringer: „Glauben Sie, Hochsensible sind mit dem richtigen und ebenfalls hochsensiblen Partner letzten Endes in glücklicheren Beziehungen?“

Jean-Pierre Améris: „Auf jeden Fall. Man kennt auf beiden Seiten einfach diesen Weg, den man gemacht hat, um der Einsamkeit zu entfliehen. Man hat eben etwas gemeinsam und man bleibt hochsensibel. Der Unterschied ist halt nur, man ist es jetzt zu zweit, und zusammen kann man seine Ängste auch besser überwinden als wenn man allein bleibt.“

„Die Anonymen Romantiker“ startet bundesweit am 11. August 2011 im Verleih von Delphi Filmverleih

Döringer, Martin, (c) Marlonski

Martin Döringer - Martin schreibt nicht nur Online-Reviews, sondern moderierte/interviewte live bei Radio-ALEX und stellte TV-Clips her, diente dabei ...

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