Alexander Gottlieb Baumgarten ist es zuzurechnen, dass das Thema Ästhetik Einzug in die Philosophie gefunden hat. In seinem Werk "Ästhetik" hat er dargelegt, dass auch das Empfinden und Fühlen Wahrheit vermitteln kann. Er hat deshalb gefordert, dass auch die Sinnlichkeit in den Bereich des Erkennens aufgenommen werden sollte.
Ästhetik als sinnliche Erkenntnis
Baumgarten definiert die Ästhetik als Theorie der sinnlichen Erkenntnis, wie sie die Kunst vermittelt. Diese ist bekanntlich eine Frage des Geschmacks. Den Begriff, Geschmack, ersetzt Baumgarten durch den der Beurteilungskraft. Für ihn gibt es eine intellektuelle und eine sinnliche Beurteilungskraft. Unter der Letzteren versteht er den Schönheitssinn eines jeden Menschen. Die intellektuelle Beurteilungskraft ist für ihn die Logik. Zusammengenommen ist die Beurteilungskraft der erste Schritt auf dem Weg zur Erkenntnis. Das heißt, Baumgarten versucht, die Ästhetik als sinnliche Erkenntnis der eigentlichen Erkenntnis voranzustellen und sie damit als hinführend darzustellen, was für jeden nachvollziehbar ist. Auch über die Kunst macht der Mensch eben Erfahrungen, die eine Voraussetzung für die Erkenntnis ist. Insofern ist die Beurteilungskraft nach Baumgarten natürlich eine Vorstufe der Erkenntnis, weshalb sie als Ästhetik Einzug in die Philosophie erhalten muss.
Der Mensch: zwischen begrifflicher Klarheit und sinnlicher Empfindung
Dass auch der Ästhetik als sinnlicher Erkenntnis Wahrheit innewohnt, beruht im Grunde auf metaphysischen Prämissen, insbesondere auf der Monadenlehre. Diese beinhaltet die Annahme, dass das Leben geistiges Leben und das geistige Leben das wahrhafte Sein ist.
Hermann Lotze schreibt hierzu: "Nur die bevorzugtesten Geister bilden in voller Klarheit begrifflicher Erkenntnis die Welt ab, die unvollkommensten nur in verworrenen Vorstellungen; zwischen beide in die Mitte gestellt hat der Mensch für Einiges die gegliederte Klarheit logischer Erkenntnis, für Anderes nur eine unzerdenkbare Mischung undeutlicher Vorstellungen: die sinnliche Empfindung."
Dieser Konzeption schließt sich Baumgarten zum Teil an. Er stellt die menschliche Erkenntnis zwischen die begriffliche Klarheit, als eigentliche Erkenntnis, und die sinnliche Empfindung, die aus Vorstellungen resultiert. Er versucht aber, die Erkenntnismomente des Sinnlichen hervorzuheben und ihnen mehr Gewicht einzuräumen.
Problem: Sinnlichkeit ist an Vorstellungen geknüpft
Lotze bezeichnet die Ästhetik als Theorie der niederen Erkenntnis. Das heißt, sie behandelt Dinge, die unter der Würde der Wissenschaften sind, wie er schreibt. Das Problem ist nämlich, dass die Sinnlichkeit, die das Gefühl für die Schönheit vermitteln soll, an Vorstellungen gebunden ist. Die sind sowohl undeutlich als auch veränderlich. Das hat zur Folge, dass eine Zunahme der Deutlichkeit eine Abschwächung des Gefühls für das Schöne bewirkt und anders herum.
Baumgarten versucht, dieses Problem durch Differenzierung zu lösen. Er fordert eine Begründung der Urteile anstatt bloßer Meinungen über Schönes. Das heißt, das schöne Denken soll ganz der Beliebigkeit der Meinungen entrückt werden. Baumgarten trennt so also die individuellen Meinungen von den Empfindungen als Grundlage der Ästhetik, die Gegebenes beurteilen.
Quellen:
Alexander Gottlieb Baumgarten: Ästhetik, Meiner Verlag, Hamburg 2009, 1396 Seiten, eventuell gebaucht erhältlich
Hermann Lotze: Geschichte der Ästhetik in Deutschland, Nabu Press, ohne Ort 2010, 760 Seiten, eventuell gebraucht erhältlich
