Die Aufgaben von Design und Mode

Vom Bruch mit Tabus bis zur Inszenierung des Hässlichen

Manches Prinzip wie der "Goldene Schnitt" überlebt Jahrtausende. Unsere kapitalistische Gesellschaft fordert jedoch Wandel zumindest im Takt der Saison.

Es mag seltsam erscheinen, dass mit jeder Saison neue Farbkombinationen und Schnitte unserem Wohlbefinden dienlich sind. Während wiederum solche, die noch vor wenigen Jahren als absolutes Muss galten (erinnern Sie sich an Pink-Türkis-Flieder?), dem ästhetischen Empfinden heute nicht mehr entsprechen. Häuser, deren Linienführung einmal Form und Funktion aufs Trefflichste zu vereinigen schienen, werden als Schandflecken abgerissen.

Warum gefällt das, was gestern modern war, heute nicht?

Ganz einfach: Design und ganz speziell Mode muss aus zwei Gründen eigentlich hässlich sein: Zum einen soll eine unverkennbare Handschrift gezeigt werden, die den Zeitgeist widerspiegelt, ihm aber auch einen kleinen utopischen Schritt voraus ist, andererseits soll die Wirtschaft angekurbelt werden, die per definitionem im Kapitalismus auf ständigem Wachstum beruht.

Es dürfte so etwas wie Grundharmonien geben, die – zugegebenermaßen in einem gewissen kulturellen Kontext – alle Zeitenwandel überdauern. Dazu gehören die Tonleitern genauso wie der „Goldene Schnitt“, aber scheinbar auch der Schnitt der Levis 501. Werke, die auf diesen Grundgesetzen aufbauen, gefallen allgemein und anhaltend.

Griechische Tempelbauten und französische Kathedralen waren einmal revolutionär

Allerdings lag das Revolutionäre nicht in ihrer Wohlgefälligkeit, sondern darin, welche neuen Möglichkeiten fortschreitende Technik und Ansammlung von Reichtum boten. Solche Wohlgefälligkeit, die das ästhetische Empfinden über Jahrtausende bedient, wäre der Niedergang der westlichen Kleidungsindustrie. Mode muss erst gerade durch ihr Modern-Sein legitimiert werden. Das heißt, gesellschaftlicher Konsens muss erreicht werden, dass das Tragen von eigentlich Unästhetischem unter gewissen Bedingungen erlaubt, ja sogar erzwingt. (Es wird nicht umsonst vom „Diktat der Mode“ gesprochen.) Wobei selbstverständlich auch Subkulturen bedient werden, die bestimmtes Design zur Eigendefinition und Abgrenzung benötigen.

Um Aufzufallen, müssen Tabus gebrochen werden

Das „augenbrauenlose Haus“, die Zwölftonmusik, Hosen, deren Schritt in den Kniekehlen hängt – sie alle sind Beispiele für Design, das der Ästhetik nicht nur seiner Zeit widersprach. Aber sie erfüllten die wesentlichen Aufgaben von Design insofern, als sie mit Wohlgefälligem brachen und gewissen Personen erlaubten, sich über die Akklamation des Neuen zu definieren. Und wiederum in Folge – bis zu leider überaus tragischen Exzessen - in der Ablehnung desselben Gruppenbildung zu betreiben und klare „Hier wir – dort ihr“ Grenzen zu ziehen.

Damit sei nicht jedem Designer unterstellt, er oder sie brächte bewusst Hässliches in Umlauf. Eine weitere Aufgabe des Designs besteht auch darin, neuen Gegebenheiten Ausdruck zu verleihen.

Gutes Design lässt immer etwas vom Pulsschlag der Zeit spüren

Darüber hinaus wird der Designer versuchen, diesem vorauszueilen, eine Utopie zu kreieren. (Und auch Utopien sind ein Bild der Zeit, in der sie entstanden sind.) Das Bewusstwerden von gesellschaftlichem Wandel – wie zum Beispiel die Multikultigesellschaft – wird von Künstlern und hart an ihren Fersen von Designern eingeläutet, begleitet und nicht zuletzt auch ein wenig gelenkt.

Christine Teichmann, Christine Teichmann

Christine Teichmann - Christine Teichmann ist Ingenieur für Innenausbau und Möbelbau und seit fast zwanzig Jahren im Ladenbau tätig. Ihr ...

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