Die Augsburger Fuggerei - älteste Sozialsiedlung der Welt

Stiftungstafel der Fuggerei über dem Nachttor - K.R. Krieger
Stiftungstafel der Fuggerei über dem Nachttor - K.R. Krieger
Der reichste Mann der Welt, die Familie Mozart, Stadttore und Nachtwächter: genügend gute Gründe, einen Blick hinter die „Stadt"-Mauern zu werfen.

Anfang des 16. Jahrhunderts war die Augsburger Kaufmannsfamilie der Fugger auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Oberhaupt der Familie war der Kaufherr und Bankier Jakob Fugger der Reiche (1459 bis 1525). Internationaler Handel, Beteiligungen und Bankgeschäfte hatte die Familie vermögend gemacht. So vermögend, dass ihr Geld wesentlichen Einfluss auf die Geschicke von Staat und Kirche nahm. Ihr Geld bestimmte den Ausgang von Kriegen und wer Papst, König oder Kaiser wurde.

Die Dynastie der Fugger

Auf die Gegenwart bezogen, war die wirtschaftliche Bedeutung des Unternehmens Fugger zu dieser Zeit mehr als doppelt so groß wie der heutige Börsenwert aller DAX-Unternehmen zusammen. Niemals wurde ein einzelner Mann wieder so reich wie Anton Fugger (Neffe und Nachfolger Jakob Fuggers) um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Fugger-Bank, 1486 von Jakob Fugger gegründet, besteht heute noch als exklusive Privatbank im Zentrum von Augsburg.

Unternehmerischer Weitblick, religiöse Zwänge und soziales Bewusstsein mögen Gründe für die Entstehung der Fuggerschen Stiftung gewesen sein. Jakob Fugger schuf sich damit ein Denkmal, das wie kein anderes den Namen der Familie sichtbar und erlebbar erhalten hat.

Die Entstehung der Fuggerei

Zwischen 1519 und 1523 ließ Jakob Fugger 53 Häuser errichten, mit je zwei abgeschlossenen Wohnungen zu 60 Quadratmeter. Jede Wohnung hat einen eigenen Hauseingang, der direkt in die untere und über eine Treppe in die obere Wohnung führt. Zur unteren Wohnung gehört ein kleiner Garten mit Schuppen, die obere hat einen Dachspeicher.

In der Stiftungsurkunde von 1521 wurde Ziel und Zweck der Stiftung festgelegt. Sie ist unverändert bis heute gültig: Unverschuldet verarmte, katholische Bürger Augsburgs sollten hier eine Bleibe finden gegen einen symbolischen Mietpreis von einem rheinischen Gulden jährlich und drei täglichen Gebeten zum Wohle ihrer Gönner.

Die Stiftung unterhält aus ihren Erträgen und den Tourismus-Einnahmen bis zum heutigen Tag diese weltweit einmalige Einrichtung, auch ihr Zweck ist unverändert geblieben, ebenso der Mietzins für die Bewohner: er beträgt heute 0,88 Euro pro Jahr. Nur bezüglich der täglichen Gebete kann man nicht ganz sicher sein.

Leben in der Fuggerei – damals und heute

Breite Gassen und der schmucke Renaissance-Baustil vermittelten damals wie heute Gediegenheit und keineswegs den Eindruck einer Armensiedlung. Hohe Mauern umgaben die Siedlung und boten Schutz und Sicherheit, machten die Fuggerei zu einer „Stadt in der Stadt“. 1580 bekam sie sogar eine eigene Kirche, später auch eine Krankenstation und eine Schule. Laufende Hausnummern gab es in dieser Zeit in ganz Augsburg nicht, obwohl die Stadt zu dieser Zeit eine der bedeutendsten in Europa war.

Viele kleine Handwerksbetriebe innerhalb der Siedlung machten die Bewohner bis heute in vielen Dingen autark. Hilfe zur Selbsthilfe statt Almosen war ein weitsichtiges Motto der Fugger.

So entstand ein lebendiges, sich ständig wandelndes Sozialsystem in einem festgefügten Umfeld, dass über 500 Jahre praktisch unverändert geblieben ist.

Zu den Bewohnern gehörte auch der Maurermeister Franz Mozart, der bis zu seinem Tode 1694 hier lebte. Er war der Urgroßvater des berühmten Komponisten Wolfgang Amadeus, dessen Großvater Johann Georg und Vater Leopold unweit der Fuggerei im heutigen „Mozarthaus“ lebten.

Zerstörung und Wiederaufbau

Im Zweiten Weltkrieg wurden rund 80 Prozent der Fuggerei zerstört. Die alliierten Bomber trafen die Stadt in der Nacht auf den 25. Februar 1944.

Die Stiftungserträge ließen einen raschen Wiederaufbau nicht zu, aber 1971 war es soweit: die Fuggerei war komplett wiederhergestellt, sogar um einen Flügel mit kleineren Wohnungen für Alleinstehende erweitert, dem „Witwenflügel“. Natürlich wurde der Mietpreis der Wohnfläche angepasst: zwei Drittel des sonst üblichen sind hierfür fällig.

Die Fuggerei heute

In den 67 Häusern mit insgesamt 140 Wohnungen leben heute 150 Menschen. Man legt Wert auf Tradition: die Stadttore erfüllen bis heute ihren Zweck: um 22 Uhr ist Schluss, das Tor zu. Wer später kommt, dem steht eine kleine Pforte gegen entsprechende Gebühr beim Nachtwächter offen. Bis Mitternacht sind´s 50 Cent, später das Doppelte. Heute erhellen stilgerecht Gaslaternen die Straßen, in früheren Zeiten umgab oft stockdunkle Nacht den Heimkehrer, der ja nach Zustand nicht immer gleich den eigenen Eingang fand bei all den gleichen Häusern. Gemeinsam wurde eine Lösung gefunden: der Griff des Klingelzugs, der bis heute an jedem Hauseingang seinen Dienst tut, ist so unverwechselbar wie die Hausnummer: so hatte man das Heimkommen buchstäblich im Griff.

Museum und Gastlichkeit

Während die Häuser heute modernen Wohnkomfort bieten, ist das Haus in der Ochsengasse Nr. 53 noch im Zustand des 18./19. Jahrhunderts erhalten und dient als Museum.

Fürs leibliche Wohl dient das „Himmlische Fugger-Lädle“: ein Souvenir- und Buchladen, Wohnzimmer-Café und Biergarten zugleich, zu späterer Stunde Bewohner-Treffpunkt, wenn die Touristen abgezogen sind.

Täglich von 10 bis 18 Uhr ist geöffnet, bei gutem Wetter auch länger. Von Oktober bis April reduzierte Öffnungszeiten. Einfache Gerichte, Kaffee und Kuchen stehen auf der Karte.

Lage und Anfahrt

Die Fuggerei liegt am östlichen Rand der sehenswerten Augsburger Altstadt, das Rathaus auf deren westlicher Seite.

Daraus lässt sich bestens eine Stadttour durch die Geschichte Augsburgs, ein anheimelnder Bummel zum Shoppen in kleinen gemütlichen Lädchen oder eine Altstadt-Kneipen-Tour zusammenstellen.

Wer auf dem Rathausplatz steht und die prächtige Renaissance-Fassade vor sich hat, geht links am Rathaus den Perlachberg hinunter (die Bezeichnung „Berg“ ist hier eine enorme Übertreibung), quert den Mittleren Graben (eine Hauptstraße in der Altstadt), weiter geradeaus auf der Jakoberstraße bis man rechts den Eingang zur Fuggerei erreicht (genau hinsehen, sonst läuft man vorbei).

Zu Fuß vom Rathausplatz in ca. 5 Minuten. Kleine grüne Tourismus-Beschilderungen und Hinweistafeln weisen überall in der Innenstadt den Weg. Die Straßenbahnlinie 1 vom Königsplatz oder Moritzplatz aus ist die bequeme Alternative; das Auto sollte tunlichst draußen bleiben angesichts der prekären Parkplatzsituation in der Altstadt.

Infos und Kontakt:

Öffnungszeiten: täglich 8:00 bis 20:00 Uhr, von Oktober bis März 9:00 bis 18:00 Uhr.

Eintritt 4 Euro inklusive Museum, ermäßigt 3 Euro, Kinder 2 Euro

Adresse: Fuggerei 56, 86152 Augsburg, Haupteingang Jakoberstraße

Quelle: Fugger

Klaus Rainer Krieger, K.R. Krieger

Klaus Rainer Krieger - Klaus Rainer Krieger freier Journalist für Bild und Text, Schwerpunkt Sport und Reisen. Mitglied im Verband Deutscher ...

rss