„Ein Selbst ohne Geschichte schrumpft auf die Dünnheit eines Personalpronomens zusammen.“ Stephen Crites
Sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen, etwa beim Schreiben einer Autobiografie, ist Identitätsarbeit. Wir erzählen uns und anderen unsere Geschichte, wir identifizieren uns mit ihr. Etymologisch lässt sich der Begriff Identität von dem mittellateinischen Wortstamm „idem“, zu Deutsch „dasselbe“, ableiten. Aber was meinen wir eigentlich damit, wenn wir von Identität sprechen?
Identität als Label
Ich bin Programmierer. Ich bin Krankenschwester. Ich bin Deutsche. Ich bin die Schwester von dem und dem. Solche sprachlichen Äußerungen geben einen Hinweis. Wir identifizieren uns, das heißt, wir setzen uns gleich mit etwas, das sich zunächst außerhalb unseres Selbst befindet. Wenn ich sage: "Ich bin Krankenschwester", dann setze ich mich gleich mit den Vorstellungen und Erwartungen, die mit der beruflichen Position Krankenschwester verbunden sind. Ich ordne mich in eine soziale Gruppe ein, verweise auf meinen Platz in der Gesellschaft und definiere mich über ihn. So zumindest oberflächlich gesehen. Aber sind es wirklich diese Label, die mir Identität verleihen?
Identität als Gefühl von Selbst-Gewissheit
Auf psychischer Ebene meinen wir mit Identität ein Gefühl von Kontinuität, Einzigartigkeit und Kohärenz: ein Gefühl von Selbst-Gewissheit, die uns unsere Lebensgeschichte vermittelt. Mit dieser Lebensgeschichte verbinden wir weitläufig die Vorstellung eines Fortsetzungsromans. Er beginnt mit der Naivität und Ungeformtheit der Kindheit. Mit zunehmendem Alter werden wir bewusster, sicherer und wir entwickeln uns zu einer bestimmten Person. Die herauszuschälen, ist gemeinhin Aufgabe der Jugend. In dieser stürmischen Phase gilt es, Krisen und Prüfungen zu bestehen und am Ende steht die ausgereifte Persönlichkeit, so die Vorstellung.
Kontinuität als gesellschaftliche Forderung
Es gibt eine gesellschaftliche Forderung nach Kohärenz und Kontinuität. Ein Mittdreißiger, der zum vierten Mal das Studium abbricht und immer noch bei den Eltern lebt, gilt schnell als gescheiterte Existenz. Um Kontinuität und Kohärenz herzustellen, bedienen wir uns dem Mittel der Erzählung, der Narration. In einer traditionellen Gesellschaft sind die Erzählungen im Wesentlichen programmiert. Beruf, Heirat, Kinder, Bausparvertrag und alles in den Grenzen sozialer Konventionen. In postmodernen individualisierten Gesellschaften gibt es hingegen einen ungleich größeren Spielraum für individuelle Geschichten und Lebensläufe. Und die Forderung, an der individuellen Geschichte zu arbeiten, wird entsprechend größer. Das Projekt Leben ist wandelbarer und das Ende offener. Das ermöglicht Spielräume, die Beziehung zur Welt aktiv zu gestalten.
Identität als erzähltes Selbst
Träume, Hoffnungen, Zweifel, Wünsche, Pläne beginnen und werden begleitet durch Geschichten, die wir uns erzählen, um uns zu vergewissern, um uns zu motivieren, um uns Bilder zu geben, um uns zu rechtfertigen. Wir brauchen Erzählungen aus der Vergangenheit, um Zukunft zu gestalten. Die Erzählungen sind es, die uns unvergleichlich machen, nicht die Positionen, die Label, die wir im Leben annehmen. Es ist für uns nicht interessant, dass der Großvater sein Leben lang Architekt war. Wir wollen wissen, was seine Geschichten in diesem Leben waren: seine Träume, seine Überzeugungen, seine Wünsche, seine Ängste, seine Niederlagen und Siege.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …
Dabei muss die Geschichte des Lebens nicht die wohlgeformte Geschichte aus dem Märchen sein mit einem positiven Ende, also mit dem Erreichen eines sinnstiftenden Ziels. Geschichten im Leben sind vielmehr brüchig, widersprüchlich und gleichen oft eher einer Odyssee als einer Punktlandung. Wendungen, Orientierungslosigkeit, Fremdheit, Vertrautheit, Wechsel, Stabilität: all das hat Platz in einem Leben und hat Platz in einer Autobiografie.
Quelle: Stephen Crites: Storytime – Recollecting the past and projecting the future, S. 172, in: Narrative psychology. The storied nature of human conduct. Hg. v. Th. R. Sarbin. New York, 1986, S. 152-173.
