
- Ein Prosit der Bavaria - H. Gebhardt/Tourismusamt München
Jedes Jahr in der zweiten Septemberhälfte fällt besonderes Augenmerk auf sie: die Bavaria. Mancher Oktoberfestbesucher, der sich für den Gerstensaft etwas mehr interessiert, als für bayerische Geschichte, kennt vielleicht gerade noch den Namen der wuchtigen Dame, mehr weiß er jedoch nicht über sie. Was aber hat es denn nun auf sich mit der Bavaria?
Patronin Bayerns
Zunächst einmal ist Bavaria die latinisierte Bezeichnung für Bayern und die Darstellung der Bavaria personifiziert somit das Land Bayern und ist dessen weltliche Patronin. Darstellungen der Bavaria auf Gemälden oder als Statue finden sich in Bayern einige, doch die kolossale Dame hoch oben über der Theresienwiese ist sicher die bekannteste. Sie wurde in den Jahren 1843 bis 1850 erschaffen und von König Ludwig I. in Auftrag gegeben, jenem König also, der als Kronprinz im Oktober 1810 Therese von Sachsen-Hildburghausen geehelicht hatte, was mit Feierlichkeiten verbunden war, aus denen das Oktoberfest hervorging. Auch den Namen Theresienwiese verdankt die einstmals tatsächlich grüne Wiese der Gattin des Königs. Dem Literaturprofessor Wilfried F. Schoeller, der in seinem Buch „Deutschland vor Ort“ auch der Bavaria ein Kapitel gewidmet hat, zufolge sagte König Ludwig I. über die geplante Errichtung der Bavaria „Nero und ich sind die Einzigen, die so Großes gemacht haben, seit Nero keiner mehr“.
In der Tat ist die Bronzestatue die erste Kolossalstatue seit der Antike, jener Zeit, für die Ludwig, seit 1825 König, eine solch große Begeisterung hegte, dass er aus München ein „Isar-Athen“ machen wollte. So ließ er Bauten wie die Glyptothek am Königsplatz, die Alte Pinakothek, die Feldherrnhalle oder das Siegestor errichten. Nachdem er bereits als Kronprinz Pläne für eine bayerische Ruhmeshalle geschmiedet hatte, schrieb der König im Jahr 1833 einen Wettbewerb aus, um Ideen für eine solche Halle, die er oberhalb der Theresienwiese zu bauen gedachte, zu sammeln. Aus den Entwürfen der vier Teilnehmer Friedrich von Gärtner, Leo von Klenze, Daniel Ohlmüller und Friedrich Ziebland wählte er schließlich jenen Leo von Klenzes aus. Nach Plänen Klenzes, eines Vertreters des Klassizismus, war schon die Glyptothek erbaut worden und auch die Entwürfe für die Walhalla bei Regensburg stammten von ihm.
Klenze und Schwanthaler
Enthalten sollte die Halle die Büsten verdienstvoller Männer, „die sich um ihr Land, um Wissenschaft und Kunst verdient gemacht haben“, so heißt es auf der Website der Stadt München, angefangen vom 15. Jahrhundert bis in die zeitgenössischen Tage. An Frauen war zu jener Zeit natürlich nicht gedacht, erst in den vergangenen Jahrzehnten gesellten sich auch ein paar Büsten verdienstvoller Damen zu den Herren dazu. Klenzes Entwurf sah nun eine dreiflügelige offene Halle mit dorischen Säulen vor und vor dem Ruhmestempel eben jene vollplastische Riesen-Statue, wobei dem Architekten eine Bavaria im griechisch-antiken Stil vorschwebte. Mit dem Entwurf der Bavaria beauftragt wurde jedoch der Bildhauer Ludwig von Schwanthaler – gegossen werden sollte sie von den Erzgießern Johann Baptist Stiglmaier und seinem Neffen Ferdinand von Miller − und dieser hatte bald andere Vorstellungen.
Schwanthaler fühlte sich der romantischen Bewegung zugehörig und wollte eine Bavaria mit deutschem Charakter. So warf er ihr ein Bärenfell über den Oberkörper, das sie nun tatsächlich über ihrem Kleid trägt, und nahm im Lauf der Planungsjahre weitere Veränderungen vor, etwa am Kleid, aber auch an der Kopfbedeckung. Aus dem Helm wurde ein Kranz aus Eichenlaub und in die linke Hand bekam sie schließlich ebenfalls einen Eichenkranz, der, so Wilfried F. Schoeller, auf die bürgerlichen Tugenden hinweist. „Sie erscheint als Inbild der bayerischen Lebenskraft und Stärke“, schreibt der Wissenschaftler.
Ein Guss mit Hindernissen
So waren also etliche Änderungen vorgenommen worden, als mit dem Guss begonnen wurde, für den, nachdem Johann Baptist Stiglmaier im September 1844 verstorben war, nun Ferdinand von Miller alleine verantwortlich war. Begonnen wurde mit dem Guss des Kopfes, die anderen Körperteile folgten Jahr um Jahr, bis die Dame auf der Theresienwiese aus ihren Einzelteilen zusammenmontiert und aufgestellt werden konnte. Bis dahin war jedoch keineswegs alles glatt gelaufen, denn dem König, der das Projekt privat bezahlte, war im März 1848 infolge der Revolution und seiner Affäre mit Lola Montez sein Amt abhanden gekommen, was finanzielle Folgen für die Ruhmeshalle samt Statue hatte. Der neue König, Ludwigs Sohn Maximilian II., hatte zwar zugesagt, die Pläne weiterzuverfolgen, sah aber eine viel zu geringe Summe für das Projekt vor. Erzgießer von Miller, der die Kosten für den Guss vorgestreckt hatte, hatte bereits finanzielle Probleme und so übernahm der abgedankte Ludwig die Finanzierung wieder aus seinem privaten Geld.
Ein besonderer Rohstoff
Von den einzelnen Teilen der Bavaria geht übrigens eine besondere Kunde. Es heißt, die dafür verwendete Bronze stamme von den Kanonen der 1827 in der Seeschlacht von Navarin gegen die Russen, Franzosen und Engländer untergegangenen türkisch-ägyptischen Flotte. Diese Kanonen habe Otto I., zweitgeborener Sohn Ludwigs I., der nach der Befreiung Griechenlands aus türkischer Herrschaft griechischer König geworden war, heben und nach München transportieren lassen, was Schoeller eher für eine hübsche Anekdote als für wahrscheinlich hält. Woher die Bronze auch immer stammte, jedenfalls wurde die Bavaria in Stücken zu ihrem Standplatz gefahren, wobei der Transport des Kopfes einem Festzug glich.
Als die Statue zum Oktoberfest 1850, es wäre Ludwigs silbernes Regierungsjubiläum gewesen, feierlich enthüllt wurde, war auch der in Frankreich lebende abgedankte König eingeladen und wurde gefeiert. Die Ruhmeshalle dagegen war erst im Jahr 1853 fertiggestellt und so steht nun seither eine stilistisch nicht ganz zu ihrem Hintergrund passende, mit germanischen Attributen versehene Bavaria vor dem klassizistischen Ehrentempel. Wer die zirka 18 Meter hohe Statue auf ihrem knapp neun Meter hohen Sockel von innen sehen und einen besonderen Ausblick über die Wiesn und die angrenzenden Stadtviertel genießen möchte, kann über eine Wendeltreppe im Inneren in ihren Kopf steigen. Zwei Bänke bieten Platz zum ausruhen. Geöffnet hat die Bavaria vom 1. April bis zum 15. Oktober jeweils von 9 bis 18 Uhr, während der Wiesn bis 20 Uhr.
Quellen:
- "Das hohle Weib" in "Deutschland vor Ort" von Wilfried F. Schoeller, Hanser 2005
- muenchen.de
