Entgegen zahlreicher Kassandrarufe bei der Einführung der sechsstufigen Realschule in Bayern im April 2000 wurde diese Schulform von Schülern, Eltern und Wirtschaft zunehmend mehr angenommen. Trotz der oft unsachlichen Kritik am dreigliedrigen Schulsystem und insbesondere auch trotz geburtenschwächerer Jahrgänge steigen die Anmeldezahlen kontinuierlich, mit der Folge, dass laufend die Kapazität der vorhandenen Realschulen durch Umwidmungen und Erweiterungsbauten vergrößert werden muss, neue Realschulstandorte entstehen und die Zahl der Lehrerplanstellen erhöht wurde, um die Klassenstärken in einem einigermaßen erträglichen Rahmen zu halten.
Wie aber ist dieser unerwartete Zulauf zu erklären? Hauptsächlich wohl durch das breitgefächerte Bildungsangebot der Realschule, das sowohl eine wissenschaftliche wie auch praktische Begabungsförderung in Form von drei Wahlpflichtfächergruppen ermöglicht. Der Pflichtunterricht wird zudem noch ergänzt durch außerunterrichtliche Aktivitäten, zahlreiche Angebote im Wahlunterricht und eine Vielzahl von schulinternen und schulübergreifenden Projekten.
Die Wahlpflichtfächergruppe I
Häufig wird von der Industrie und der Politik der Mangel an Fachkräften besonders im naturwissenschaftlichen Bereich beklagt. Die Wahlpflichtfächergruppe I, auch mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Gruppe genannt, berücksichtigt durch sein Lehrangebot, dass nur über eine fundierte Ausbildung, für die sich zum Glück auch zunehmend an technischen Inhalten interessierte Mädchen entscheiden, dieser Mangel behoben werden kann. Schwerpunktfächer in dieser Wahlpflichtfächergruppe sind Mathematik, Physik und Chemie sowie das Fach Informationstechnologie (Grundlagen von Technischem Zeichnen/CAD,Textverarbeitung und Informatik), das in unserem vernetzten Zeitalter für jeden Beruf unentbehrliche Kenntnisse vermittelt. Die schriftliche Abschlussprüfung ist in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik I und Physik abzulegen. Realschulabsolventen dieser Ausbildungsrichtung bringen gerade für technische Berufe beste Voraussetzungen mit. Sie können etwa im Elektrohandwerk oder in der Computertechnik zu Technikern oder Meistern aufsteigen, einen mittelständischen Betrieb gründen oder aber über die Fachoberschule und Fachhochschule zum Beispiel als Ingenieur oder Architekt arbeiten. Darüber hinaus besteht auch die Möglichkeit, auf diesem Weg die Allgemeine Hochschulreife zu erlangen.
Wahlpflichtfächergruppe II
Junge Menschen, die sich gerne mit Fragen des Handels, der Geldwirtschaft oder des Versicherungswesens beschäftigen oder sich selbständig machen wollen, indem sie einen Betrieb gründen, können über den Besuch der Wahlpflichtfächergruppe II beste Voraussetzungen für die Umsetzung ihrer Berufswünsche schaffen. Neben dem für alle Gruppen verbindlichen Fächerkanon wird in der Wirtschaftsgruppe der Schwerpunkt auf die Fächer Betriebswirtschaftslehre/Rechnungswesen, auch Bestandteil der schriftlichen Abschlussprüfung, Wirtschaft und Recht sowie Informationstechnologie gelegt. Gerade in dieser Wahlpflichtfächergruppe werden über den regulären Unterricht hinaus verstärkt Betriebspraktika vermittelt, damit die Schüler frühzeitig Einblick in ihre zukünftigen Berufsfelder wie Handel, Banken, Versicherungen oder Verwaltungen gewinnen.Sie erleben hier, wie im Unterricht vermittelte Inhalte, zum Beispiel Betriebsmanagement, Werbung, Menschenführung oder rechtliche Fragen, praktisch umgesetzt werden. Und auch die Gruppe II ermöglicht über Fachoberschule und Fachhochschule den Zugang zu einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium.
Wahlpflichtfächergruppe III
Die dritte Wahlpflichtfächervariante teit sich in eine sprachliche Gruppe IIIa sowie eine musisch gestaltende, hauswirtschaftliche oder soziale Ausrichtung (IIIb).
Gerade in einer Zeit der europäischen Integration und der Globalisierung, insbesondere auch in der Wirtschaft, genügt es für viele Berufsfelder nicht, nur Englisch als Fremdsprache zu beherrschen. Mit der sprachlichen Gruppe bietet die Realschule in Form der zweiten Fremdsprache Französisch die Möglichkeit, sich in vielen Bereichen, sei es in der Wirtschaft, der Kultur, im Tourismus oder der Politik, beruflich zu entfalten. Realschüler, die diese Ausbildungsrichtung wählen, pflegen auch in der Regel über Schul- und Städtepartnerschaften den Kontakt mit französischen Schülern, indem sie sich regelmäßig gegenseitig besuchen und dann bei den Gastgeberfamilien wohnen. So verfestigen sie ihre Sprachkenntnisse, lernen die Kultur unseres Nachbarvolkes und die Mentalität der Franzosen besser kennen und tragen zudem zur Völkerverständigung bei. Der besondere Vorzug der Gruppe IIIa besteht auch darin, dass sie wegen der zweiten Fremdsprache den direkten Zugang zum Gymnasium und damit zur Allgemeinen Hochschulreife ermöglicht.
Die Wahlpflichtfächergruppe IIIb eignet sich für Schüler, die im handwerklich-gestalterischen, hauswirtschaftlichen oder sozialen Bereich ihre berufliche Zukunft sehen. Je nach Profilfach (Kunst, Werken, Haushalt und Ernährung oder Sozialwesen) werden die Schüler auf künstlerisch- kreative, handwerkliche oder soziale Berufe vorbereitet. Gerade mittelständische Unternehmen und unter anderem wegen der demographischen Entwicklung der soziale Sektor benötigen dringend gründlich ausgebildete Fachkräfte.
Die Wahlpflichtfächergruppe IIIb wird diesem Anspruch gerecht und bietet darüber hinaus – wie die übrigen Wahlpflichtfächergruppen auch – über die Fachoberschule Zugangsmöglichkeiten in den Fachhochschul- und Hochschulbereich.
Quelle:
BRN – Bayerisches Realschulnetz
