"Weltstadt auf Zeit" nennt der Volksmund unter vorgehaltener Hand die Richard Wagner Festspiele auch. Denn für einen Monat im Jahr blickt die Welt auf die sonst verschlafene oberfränkische Stadt Bayreuth, wo alljährlich die berühmten Festspiele auf dem grünen Hügel stattfinden. Allein die Radioliveübertragungen in die weite Welt zeugen von globalem Interesse.

Dann, wenn im August die Tore des Festspielhauses geöffnet sind, beginnt für die Stadtbevölkerung eine spannende Zeit. Zur Eröffnungsvorstellung warten die Zaungäste auf die herannahenden Prominenten, die auf dem roten Teppich ins Festspielhaus schreiten und hinter Türen verschwinden, die Normalsterbliche während einer Vorstellung nur von außen zu sehen bekommen.

Eintrittskarten oder Orchestergraben

So mancher hätte auch gerne die Türen von der Innenseite gesehen und eine Eintrittskarte ergattert, doch das Kontingent ist begrenzt. Durchschnittlich wartet der gewöhnliche Kartenbesteller 7 Jahre, bis er zum Zuge kommt. Wer so lange nicht warten möchte, kann stattdessen an einer der Führungen durch das Festpielhaus teilnehmen. Besonders spannend hierbei ist der Orchestergraben, der vom Zuschauerraum aus, anders als in den meisten Operhäusern, nicht sichtbar ist. Die sagenhafte Akustik des Hauses soll unter anderem auf diese Tatsache zurückzuführen sein. Dadurch, dass die Orchestermitglieder vom Publikum nicht gesehen werden, besteht keine feste Kleiderordnung. Das im heißen August aufgeheizte Festspielhaus darf also schon mal von leger kurzärmelig gekleideten Musikprofis bespielt werden. So ganz inkognito können sie sich unerkannt in den Pausen unter die Festspielgäste mischen.

Pausenrituale auf dem grünen Hügel

Gerne gegessenes Mal während der Festspielpausen sind die nicht wegzudenkenden, vorzüglichen fränkischen Bratwürste, die bei Verzehr ein vergleichsweise unübliches Bild erlauchter Festspielgäste vermitteln, scheinen sie doch ein verhältnismäßig karges Essen entsprechend des vornehmen Anlasses zu sein. Wer keine Bratwurst ißt, köpft vielleicht stattdessen am nahegelegenen Parkplatz an der frischen Luft eine Flasche mitgebrachten Prosecco und erlabt sich an seiner Brotzeit. Wenn die einstündige Pause zu Ende geht, wird der Besucher nicht mit banalem Klingeln daran erinnert, nein, auf dem Balkon des Festspielhauses spielen mitwirkende Bläser des Orchesters ein Motiv aus dem folgenden Akt. So bekommt übrigens der Zaungast auch einen kleinen Leckerbissen ab. Wer als Operngast zu spät aus der Pause kommt, darf nach begonnener Vorstellung übrigens nicht mehr hinein und muß bis zum nächsten Akt warten.

Im Festspielhaus

Diejenigen die im glücklichen Besitz von Karten sind und es geschafft haben in den Zuschauerraum vorzudringen, brauchen sprichwörtliches Sitzfleisch. Die Sitze sind zwar leicht auf der Sitzfläche gepolstert, in Anbetracht der Länge der Opern, die von Nachmittag 16 Uhr bis spät in die Nacht dauern können, jedoch für manchen Besucher unbequem. Während der Aufführung selbst, herrscht absolute Stille im Zuschauerraum. Wer sich nicht beherrschen kann, fällt schnell in Ungnade des Sitznachbarn.

Akkustik

Die Akkustik des Hauses ist weltberühmt. Ein Grund dafür ist die gänzliche Innenaustattung aus Holz. Außerdem gibt es an den Seitenflügeln keine Zuschauerlogen, wie in den meisten anderen Häusern. Und hier kommt der Grund für die unbequemen Sitze zum Tragen. Je weniger die Sitze gepolstert sind, desto weniger Schall wird geschluckt. Geheimtipp: Die freundliche Dame an der Garderobe gibt Kissen aus. Wenn es aber regnet, passiert es schon mal, dass der "Chef" (gemeint ist Festspielleiter Wolfgang Wagner) die Herausgabe von Kissen aus akkustischen Gründen untersagt.

Opern im Festspielhaus

In bestimmten Zyklen und Abwechslungen finden folgende Aufführungen Richard Wagners im Bayreuther Festspielhaus statt:

- Die Meistersinger von Nürnberg

- Der Ring des Nibelungen (Rheingold, Siegfried, Walküre, Götterdämmerung)

- Der fliegende Holländer

- Lohengrin

- Parsifal

- Tannhäuser

- Tristan und Isolde

Übrigens dürfen laut Richard Wagners Testament ausschließlich seine eigenen Opern und während der Festspiele aufgeführt werden. Für den Rest des Jahres sind keine Aufführungen vorgesehen.