
- The Beatles - Apple Corps Ltd.
Die Beatles machten Pop und Rock’n’Roll salonfähig. Durch sie wurde der Pop zunehmend auch für akademische Kreise interessant. Musikwissenschaftler, Musikkritiker, Dirigenten und klassische Musiker wandten sich nun der Popmusik zu: Die „musikalische Intelligenzia“ (z.B. Leonard Bernstein) fand Gefallen an den Beatles.
Äolische Kadenzen und Mahler-Vergleich
Schon 1963, also noch in der Anfangszeit der Beatles, erregten sie die Aufmerksamkeit von Klassikkritikern. Eine Kritik in der London Times gipfelte in der Aussage, Lennon/McCartney seien die „größten Komponisten seit Beethoven“. Eine andere fand im Beatlessong „Not a Second Time“ eine äolische Kadenz und Parallelen zu Mahlers „Lied von der Erde“. „Äolische Kadenzen? Hört sich an wie exotische Vögel“, sagte Lennon dazu. „Es sind einfach nur Akkorde wie andere Akkorde auch“. Diese Kritiken amüsierten die Beatles – sie waren Autodidakten und konnten mit musikalischen Fachbegriffen und Vergleichen nicht viel anfangen.
Lennon gegen die Musikkritik
Die Beatles selbst sahen sich nicht als Intellektuelle, im Gegenteil, sie machten sich über diese Kreise eher lustig. Vor allem Lennon, der im Nachhinein oft als der „intellektuelle Beatle“ gesehen wurde, verabscheute intellektuelle Kreise regelrecht. Mit Vorliebe sprach er von „Bullshit Intellektualismus“ und nannte in einem Gespräch mit dem Journalisten Ray Connolly den Musikkritiker William Mann, der 1963 von der äolischen Kadenz gesprochen hatte, einen „verdammten Idioten“. Im selben Atemzug räumt Lennon aber ein: „Trotzdem hilft es, wenn so ein Mist über dich geschrieben wird“.
Lennon-Nonsense: „In His Own Write“
Vor allem Lennon reagierte ziemlich verschnupft auf die Tatsache, dass die Menschen zuviel in die Musik der Beatles und in seine Songtexte hineininterpretierten: „Es ist nett, wenn unsere Musik den Leuten gefällt. Aber wenn sie anfangen, sie zu ‚würdigen‘, große, tiefe Dinge aus ihr herauszulesen, ist das Quatsch. Die Leute glauben, die Beatles wüssten, was sie da tun. Wir wissen es nicht. Die Leute wollen, dass alles bedeutsam ist“, sagte er dem Beatles-Biografen Hunter Davies.
Die Beatles dachten nicht nach; sie machten einfach. Vor allem, nachdem „Sgt. Pepper“ herausgekommen war, begannen viele, auch die frühen Texte der Beatles zu analysieren und nach Bedeutungen zu suchen. Dabei hatte Lennon eben erst mit seinen Büchern „In His Own Write“ (1964) und „A Spaniard in the Works“ (1965) der Welt seine Vorliebe für surreale Nonsense-Texte präsentiert.
„Unlogische“ Akkordfolgen
Viele Musikwissenschaftler vertreten die Meinung, die Beatles hätten sehr wohl gewusst, was sie tun – andernfalls hätten sie solche Akkordfolgen nicht schreiben können. Tatsache ist, dass die Beatles ein unvoreingenommenes Ohr hatten und deshalb auch „unlogische“ Akkordfolgen verwendeten. Sie verwendeten das, was sich für ihre Ohren gut anhörte: dass sie ein gutes Ohr für Melodien hatten, ist ohnehin unbestritten. Sie hätten es bloß nicht theoretisch untermauern können.
Karajan als Beatlesfan
Gerade McCartney heimste für seine Songs viel Lob ein: Der Komponist Peter Maxwell Davies etwa sagte, dass „Yesterday“ beweise, „über welche geistige Fülle an Melodien und beispielhaftes, instinktives Know-how McCartney verfügt“. Und Herbert von Karajan meinte sicher nicht musiktheoretische Kenntnisse, als er nach einer Unterhaltung mit George Harrison und Ringo Starr sagte: „Nicht zehn Prozent meiner Musikleute verstehen so viel von Musik wie diese beiden Buben“.
Vergleich mit Schubert und Beethoven
George Martin, Beatles-Produzent und studierter Musiker, bezeichnete die Beatles als die „Cole Porters und George Gershwins ihrer Generation“ und sagt, dass die Beatles die bedeutendsten Komponisten ihrer Zeit waren. Die Vergleiche mit Schubert oder Beethoven findet er anmaßend, sagt aber auch: „Wir vergleichen sie trotzdem. Die große Bedeutung der Beatles bestand darin, dass sie ihrer Zeit Ausdruck verliehen. Die Musik, die wir in den Sechzigern zusammen produziert haben, war die beste, die es damals gab. Wenn wir also über zeitgenössische Musik reden, meinen wir Boulez ebenso wie die Beatles“ (Mark Hertsgaard: "Die Beatles und ihre Musik"). Lennon bezeichnete die Songs der Beatles lieber als „die Volkslieder des elektronischen Zeitalters“.
Bizarre Beatles-Studien und ein Beatles-Studium
Vor allem amerikanische „Beatleologen“ (z.B. Professor Terence O’Grady) widmen sich akribischen Beatles-Studien, in denen sie sämtliche harmonische Bewegungen in jedem Song untersuchen oder Graphiken erstellen, die die Häufigkeit der Phrase „yeah yeah yeah“ in der Popmusik vor den Beatles darstellen sollen. Eine bizarre Studie befasst sich mit der Häufigkeit aller in Beatlessongs verwendeten Wörter. Wenig überraschend, steht das Wort „the“ an erster Stelle. (Platz 6 ergeht an das Wort „love“, während durch den Song „Hey Jude“ die Silbe „nah“ einen unerwartet hohen Platz 25 erreicht).
Ernster zu nehmen ist das neue Beatles-Studium an der Liverpooler Hope-Universität. Dort kann man nun postgraduell den „Master of Arts in the Beatles, Popular Music and Society“ machen. Kostenpunkt: 3.500 Pfund.
