Die Bedeutung des Militärs im DDR-Sozialismus

Alltägliche Kriegsvorbereitungen im ostdeutschen "Friedensstaat"

Viele Begriffe sozialistischer Militärpropaganda sind heute für Menschen ohne DDR-Vergangenheit regelrechte Fremdwörter. Ein Beitrag zur "innerdeutschen Verständigung"...

Erich Honecker, langjähriger Staatschef der DDR, hat es mehr als einmal verkündet: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen!“ Auch die allgegenwärtige Parteipropaganda der SED erklärte den fast 17 Millionen eingesperrten Bürgern des Landes immer wieder: Die DDR ist ein Friedensstaat. Dennoch wurden Abrüstungsgegner, kirchliche Friedensaktivisten und Wehrdienstverweigerer mit extremer Härte verfolgt. Wie passt dieser scheinbare Widerspruch zusammen? Ganz einfach: Wie vermutlich jede andere Diktatur der Welt, sicherte das kommunistische Regime in der DDR seine „Friedenspolitik“ durch militärisches Drohgebaren ab. Vermeintliche und wirkliche Feinde sollten dadurch abgeschreckt werden. So erscheint es nicht verwunderlich, dass (para)militärische Begriffe und Strukturen auch im öffentlichen Leben zur Normalität gehörten. So manches Schlagwort aus DDR-Zeiten stellt deshalb „Altbundesbürger“ sowie unter 30-jährige vor sprachliche Rätsel. Es folgt eine kleine Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Verpflichtungsgespräche: Die versüßte Offizierslaufbahn

Bereits die jüngsten DDR-Bürger sollten möglichst frühzeitig vom Militär fasziniert werden. Dazu dienten entsprechend illustrierte Kinderbücher ebenso wie das einschlägige Sortiment der Spielzeugläden. Ab dem achten Schuljahr wurden die jungen Menschen dann schon intensiver bedrängt: Die Mehrzahl der Jungen musste zu sogenannten „Verpflichtungsgesprächen“ erscheinen. Ein Gremium aus Parteifunktionären, Pädagogen und Militärs leistete dann „Überzeugungsarbeit“ mit dem Ziel, den Teenager zu drei, zehn oder sogar 25 Jahren Militärdienst zu verpflichten. Wer die angebotene Offizierslaufbahn akzeptierte, konnte auf inoffizielle Belohnung hoffen: Regelmäßig verbesserten sich die Schulnoten der Willigen auf wunderbare Weise ganz erheblich... Eine unvorsichtig formulierte Ablehnung der Offerte hingegen war gefährlich und konnte schnell als staatsfeindliche Einstellung gebrandmarkt werden.

Vormilitärische Ausbildung: Wie der Krieg geübt wurde

Doch auch Schüler mit zivilen Zukunftsplänen lernten das Soldatenleben kennen. Im neunten und zehnten Schuljahr stand das Fach „Wehrerziehung“ auf dem Unterrichtsplan. Der theoretische Unterricht schloss allerdings keine echten Bildungslücken. Interessanter waren da schon die praktischen Übungen: Am Ende des neunten Schuljahres durften die Jungen in sogenannten „Wehrlagern“ endlich lernen, wie man einen Menschen tötet. Ein halbes Jahr später sowie während der Berufsausbildung folgten entsprechende Wiederholungen.

Die Mädchen wiederum verblieben in dieser Zeit zwar meist an ihrer angestammten Schule, doch sie erhielten eine zweiwöchige Unterweisung in sogenannter Zivilverteidigung: Uniformiert übten sie dabei so wichtige Disziplinen wie Marschieren, Geländebeobachtung und Anschleichen. Immerhin verfügten wenigstens die Ausbildungseinheiten „Katastrophenschutz“ und „Medizinische Ersthilfe“ über einen zivilen Nutzwert. In niederster Rangordnung durften auch jene Jungen an den Übungen der Zivilverteidigung teilnehmen, welche eine bewaffnete Ausbildung im „Wehrlager“ ablehnten.

Kampfgruppen: Die (un)heimliche Armee gegen das eigene Volk

Ab einem Mindestalter von 25 Jahren hatten Männer und Frauen die Möglichkeit, den „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ beizutreten. Als Belohnung winkte eine höhere Altersrente. Die zuletzt rund 200.000 Mitglieder dieser paramilitärischen Organisation rekrutierten sich aus Angestellten staatlicher Betriebe und Bildungseinrichtungen. Angehörige der Kampfgruppen übten an Wochenenden und Feiertagen in freier Natur das Spiel vom großen Kampf gegen den „Klassenfeind“. Theoretische Aufgabe der schwer bewaffneten Kämpfer war es, im Fall einer feindlichen Invasion direkt vor Ort Widerstand zu leisten. In der Praxis hielten sich die Kampfgruppenmitglieder unter anderem fit, indem sie desertierte Soldaten der russischen Besatzungsmacht jagten, den Bau der Berliner Mauer 1961 absicherten und 1989 gegen Demonstranten vorgingen. Wenige Wochen später begann glücklicherweise die Entwaffnung und Auflösung dieser Organisation...

Militär light: Die GST

Eine paramilitärische Organisation für Jugendliche stellte die „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST) dar. Doch der anfängliche Wehrsport-Charakter der GST trat recht bald in den Hintergrund. Stattdessen fanden in der Vereinigung viele Technikbegeisterte eine Heimat, denn hier bot sich die Möglichkeit, an Fahrzeugmotoren zu basteln oder Funkgeräte zu nutzen. Zudem bestand die Chance, ohne mehrjährige Wartezeit die Fahrerlaubnis (das Wort „Führerschein“ war politisch stigmatisiert) zu erwerben.

Kein Studium ohne Militärzeit

Von zukünftigen Studenten erwartete das DDR-Regime besondere Staatstreue, denn diese staatlich finanzierte Intelligenzschicht des Landes sollte natürlich möglichst systemkonform sein. Wer sich als männlicher Studienbewerber daher nicht für mindestens drei Jahre Militärdienst verpflichtete, hatte meist keine Chance auf Zuteilung eines Studienplatzes. Einzige Ausnahme: Ein Studium der Theologie.

Bausoldaten: Der Kompromiss zwischen Staat und Kirche

Als 1962 in der DDR die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, standen praktizierende Christen vor einem Dilemma: Es gab kein Grundrecht auf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen und auch keine Möglichkeit zum Zivildienst. Zwei Jahre später wurde jedoch ein Kompromiss zwischen Kirchenvertretern und der Regierung ausgehandelt: Die sogenannten Bausoldaten waren zwar Angehörige der Nationalen Volksarmee NVA, durften ihren Dienst jedoch waffenlos versehen. Allerdings wurde der Kontakt zu anderen Armeeteilen weitestgehend unterbunden. Bausoldaten sahen sich oftmals zahlreichen Schikanen ausgesetzt. So verfügten Bausoldaten - im Gegensatz zu den bewaffneten Pionier-Bataillonen - in der Regel nur über wenige technische Hilfsmittel. In den letzten Jahren der DDR wurden Bausoldaten zunehmend auch in Produktionsbetrieben oder im sozialen Bereich eingesetzt.

Ironie der Geschichte: Als letzter Verteidigungsminister der gewendeten und bereits untergehenden DDR fungierte der Pfarrer und ehemalige Bausoldat Rainer Eppelmann.

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