Die Berliner Fashion Week 2012

Veruschka in rot neben Anja Gockel im bunten Kleid - Hw. Kruse
Veruschka in rot neben Anja Gockel im bunten Kleid - Hw. Kruse
Die Love Parade der Mode - ein Streifzug durch die Berliner Fashion Week 2012 bei Bred & Butter, Premium, Seek und Mercedes Benz

Vincent jault sich vor dem Feinspitz die Hundeseele aus dem Leib. Auch der Dogshop in „Mitte“ führt neueste Mode. Aber einen Dog-Walk? „Nein, das machen wir nicht“, sagt etwas pikiert die Besitzerin. Rundherum sind die meisten Kunstgalerien und Modedesigner Berlins angesiedelt, dazwischen die Flagchip-Stores großer Marken wie Boss oder Adidas. Selbst ein Metzger verkündet mit seiner kunstvollen Leuchtschrift, „Würste machen glücklich!“

Zwei typische Berliner Brands

Hier begann vor 20 Jahren der lange Marsch der Berliner Mode an die Weltspitze. Zwei damals kreierte Marken sind in den Heckmann Höfen angesiedelt: Hut Up machte einst nur gefilzte Hüte, daher der Name. Mittlerweile werden Seidenträume wie Blusen, Umhänge oder Hochzeitskleider, nicht genäht sondern nur mit gefilzter Edelwolle zusammen gefügt. Christine Birkle, die Künstlerin, fertigt Unikate und gestaltet Kleider für Sasha Waltz’ Tanz-Company.

NIX - der Name ist Programm, denn die Designer wollten seinerzeit ihre Ideen gegen den Markenrummel setzen. Ihre feminine und zugleich strenge, an architektonische Strukturen orientierte Frauenkleidung in kleinen Kollektionen, ist längst etabliert und zur Marke NIX geworden. So weit, wie die beiden Werkstätten von ihren Ideen auch auseinander liegen, symbolisieren sie doch die Bandbreite der Berliner Mode.

Die Premium-Messe

Vor dem alten Paketpostamt am Gleisdreieck ist ein kleiner Wald aufgebaut. Neben silbrig glänzenden Wohnwagen stehen warm angezogene Schaufensterpuppen. Im Vorhof des historischen Gebäudes sind an einer haushohen Wand von Liebeskind ausstaffierte Schaufensterpuppen in mehreren Ebenen drapiert, die von einem angeseilten Graffitikünstler besprüht werden.

Liebeskind, die Berliner Manufaktur für Accessoires, produziert jetzt auch Kleidung und dominiert die Premium-Messe. Auf einer alten Verladeebene, in den Hallen zwischen rauen Backsteinmauern, lungern Jugendliche vor einem Graffitibild und fangen erst beim Ansehen an zu modeln. Sie tragen die neuesten Kreationen von Liebeskind, enge Hosen, schlabberige Jacken, coole Ledersachen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die edlen Materialien, aus denen die Sachen gefertigt sind.

„Ein Chaneliges Spiel mit den Stoffen“, erzählt allen Ernstes eine Mitarbeiterin der Firma und freut sich, „die Leute ziehen sich wieder mehr an“. Vom „selbstsicheren Erwachsenenlook“ wird man in diesen Tagen öfter hören und Noe frohlockt schon, „die Girls kicken ihre Sneakers in die Ecke und wollen sich mit schicken Pumps als echte Ladys fühlen.“

Deutschen und internationale Aussteller inszenieren abwechslungsreich ihre Stände, die gezeigte Mode allerdings ist nicht besonders aufregend. Es gibt Retro Look, Zeitloses oder Folklore und viel, viel quietschbunte Unterwäsche, Jeans, Kleider oder Schuhe. Ausgeflippte Dinge, wie Elisabetta Franchis Flamingofederkleider, bunte Folklorestiefel von Mexicana oder grelle Edelregenkleidung von Ilse Jacobsen, sind selten. „Langweilig“, findet eine Berliner Zeitung die Premium, die dennoch der traditionellen Düsseldorfer Textilmesse den Todesstoß versetzt.

Bei den ehrlichen Seeks

Daneben residiert die Seek-Messe in einem vergammelten Lagerhaus, in dem es lecker nach Essen riecht. In der Mitte tafeln die Besucher an langen Tischen, dazu dröhnt Musik der 50er-Jahre. Drumherum und oben auf der Empore gibt es ein paar Dutzend Stände mit „hochwertiger Streetware“, also Kapuzenjacken, Baseballkappen oder Sneakers aus teuren Stoffen. „We are honest“, wir sind ehrlich, verkündet Oliver der britische Macher der Messe, Seek mache keine große Show und wolle nicht das große Geld. Aber vom Angebot und den Preisen ist kein Unterschied zur Premium nebenan.

Auf der Straße lässt die Jeansfirma Mac Currywürste an vorbei hastende Besucher verfüttern. Der Verteiler „Curry Queen“, will mal Manager von Ramstein gewesen sein, verkauft jetzt aber lieber Wurst. Schnell kommt er mit dem Begleiter einer Münchener Designerin ins Gespräch, der wohl mit einem sehr bekannten Deutschen Rockstar zu tun hat. Dieser Sänger wiederum ist der beste Kunde ihrer „gehobenen Herrenmode für individualistische Männer“. „Ob der denn wohl auch mal designen will, so wie Justin Timberlake?“ Sie wird blass bei der Frage: „Schreiben Sie das bloß nicht…“

Über Claudia Effenberg, die soeben ihr Designerdebüt gab, reden alle im riesigen, superfeinen Mercedes-Benz-Zelt am Brandenburger Tor. Mittlerweile hat die Autofirma die Fashion Week übernommen und bis auf die großen Pariser Häuser wie Chanel oder Dior sehr viele Modemacher nach Berlin geholt. Hier trifft sich die Prominenz, die den Journalisten täglich im Voraus angekündigt wird, und posiert eitel auf dem roten Teppich.

Auf dem gut Hundert Meter langen Runway laufen die Models bekannter Designer und Marken. Am ersten Tag staksen Mädchen in ungesunden Kleidergrößen von 32 oder 34 mit Dimitris luftiger Chiffon- und Lederkollektion über den schneeweißen Boden. Niemand von den zahlreichen, meist grell ausstaffierten VIP-Guests wird sich in die Kleidung des Italieners hineinzwängen können. Tragbarer wirkt da schon der Retro-Mix von Rebekka Ruétz.

Bei Bred & Butter auf dem Flughafen Tempelhof

Hilfiger hat eine große Winterlandschaft mit Eisbahn und weißen Pinguinen aufgebaut, Desigual zeigt hinter einem Ananasberg seine bekannte tropisch-bunte Kollektion und Mavi hat einen Bastelshop eingerichtet, in denen Künstler fröhlich an Jeans herumwerkeln. Durch die Halle wummern Bässe einer gigantischen DJ-Anlage, in kleinen Lounges der Jeansfirmen trinken aufgedrehte Besucher Champagner: Kein Einkäufer wird hier bei Lewis oder Wrangler Hosen bestellen.

Diese riesige „Denim Base“ ist das Herzstück der Messe Bread & Butter Berlin (BBB) und inszeniert vor allem sich selbst: „Es sind drei aufregende Tage voller Business und Kommunikation, Inspiration und Vision, in denen zeitgenössische Bekleidungskultur und progressiver, kreativer Lifestyle präsentiert und gelebt werden“, meint völlig unironisch Karl-Heinz Müller, der Macher von BBB. Das heißt vor allem, dass bis weit nach Mitternacht Partys mit DJing oder Live-Bands in einem Seitenhangar gefeiert werden.

Doch in allen weiteren, thematisch geordneten Hallen der gesamten (!) Fläche des ehemaligen Flughafens Tempelhof werden durchaus Geschäfte gemacht. Schließlich geht es ja um „die gleichberechtigte Mischung aus Fun und Profit“, wie Müller meint.

Die Marken aus aller Welt zeigen auch hier keine wirklich neue Mode, Bekanntes wird gemixt, Gediegenes wild gemacht und Wildes fashionable: Anything goes! Alles ist möglich und etliches ist auch auf der Premium zu sehen. Auffällig sind, ganz subjektiv, norwegische One Pieces, schräge bunte Ganzkörperturnanzüge aus Baumwolle, wunderbare alltagstaugliche Ballettschuhe einer australischen Firma oder die fröhliche Kleidung der spanischen diKsi.

Michalsky empfängt Miss Piggy...

Eigentlich wollte die zur Premiere ihres Films „Die Muppets“ in Berlin weilende Miss Piggy nicht zur Fashion Week kommen. Aber der Neuberliner Designer Michael Michalsky, „Mode ist Unterhaltung“, hat ihr ein asymmetrisches Kleid aus fließender, grauer Seide geschneidert und damit zum Karneval der Mode gelockt.

...und Veruschka ist der Star!

Freitagfrüh um 10 Uhr, die Besucher im Mercedes-Benz-Zelt sehen alle noch etwas fertig aus, beginnt die Show der Deutschen Designerin Anja Gockel mit fröhlichem Gekrähe aus den Lautsprechern. Veruschka Gräfin von Lehndorff zeigt inmitten einer Horde recht fraulicher Models die neuesten fröhlich-farbigen und luftigen Kreationen der in Mainz lebenden Gockel.

Die 72-jährige Veruschka war einst das erste Deutsche Supermodel und genoss Freitagfrüh ausgiebig ihren umjubelten Auftritt auf dem Runway im Zelt. Die Mode Gockels ist nach eigener Aussage „für Frauen, die sinnlich ihr Leben gestalten und an das Gute glauben und es verstärken wollen.“

In Interviews wandte sich die bodenständige und sozial engagierte Designerin, die vier Kinder hat, gegen die Magersucht vieler Models. Für die führenden Homosexuellen unter den Designern sei die knabenhafte Figur das Idealbild: „Deshalb dürfen die Models nicht zu viel Busen und nur wenig Hüfte haben. Alles Volumige ist für sie unerotisch, nicht akzeptabel.“

In diesem Text fehlt die Green Fashion oder Öko-Mode mit ihren Berliner Ausstellungen im Hotel Adlon und E-Werk. Das Thema ist so wichtig, dass ich darüber in der nächsten Zeit einen eigenen Text über meine Recherchen schreiben will.

Zu meinem Text über Green Fashion bzw. Öko-Mode

Quellen:

  • Museum für Kunst und Kommunikation, Fashion Talks, Ausstellungskatalog Berlin 2011 (zu Michael Michalsky und Karl-Heinz Müller)
  • Neue Osnabrücker Zeitung Online, 6. November 2009 (Anja Gockel)
Hanswerner Kruse, Privat

Hanswerner Kruse - Hanswerner Kruse, 63 Jahre alt mit abwechslungsreichem Lebenslauf: * Hauptschule, Feinmechanikerlehre, Abitur * Arbeit als ...

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