
- Weihnachtsmärchen für die ganze Familie - Bloomsbury im Berlin Verlag
Wolfdietrich Schnurre (1920-1989) war ein schriftstellerisches Multitalent. Der Büchner-Preisträger verhalf nicht nur der deutschsprachigen Kurzgeschichte als Nachfahrin der amerikanischen Short Story zu einem Genregipfel der literarischen Nachkriegszeit. Er schrieb Gedichte, Romane, Filmdrehbücher, Essays, Aphorismen, Literaten-Tagebuch und Feuilletons. Offenbar zeichnete er auch, und zwar ganz wunderbar, und er illustrierte und verfasste eine gar nicht so göttliche Weihnachtsgeschichte, eine Handreichung über "die besten Geschenke der Welt". Wer könnte diese Tipps in der Adventszeit nicht gut gebrauchen?
Weihnachtsmärchen über Maria, Josef und das Jesuskind
Das Weihnachtsmärchen "Die besten Geschenke der Welt" widmete Schnurre 1973 seinem kränkelnden Sohn Nenad und seiner damals krebskranken Frau Marina: "zu Weihnachten vom Pappa". Er erzählt die Geschichte von Josef, Maria und Jesus neu und bringt die 2000 Jahre alte biblische Story in eine verständliche Kinderlogik, die nicht skurriler, aber auch nicht verständlicher auf den modernen Erfahrungsschatz von Kindern eingehen könnte. Denn "das Christkind wurde genau am 24. Dezember zu Weihnachten geboren", welch Zufall!
Christkinds Weihnachtsgeschenke
Das für Kinder allerwichtigste Weihnachtsthema, die Geschenke, erhalten die größte Beachtung in dem Bilderbuch: Jesus wird von allen Seiten mit sinnvollen Dingen beschenkt, die er gut gebrauchen kann: Fantasie, Ungeduld, Disteln (für den Esel), einem Hund. Sogar der Bettler hat etwas zu bieten, er schenkt Jesus eine Flasche Schnaps "für die kalten Nächte". Herodes wird ganz neidisch und schickt seine Soldaten aus. Natürlich gibt es ein Happy End: "Die Soldaten trafen nur Maria an. Sie stand in der Küche und kochte. 'Jesus ist unterwegs', sagte sie."
Berlin Verlag brachte die Bücher von Wolfdietrich Schnurre neu heraus
Anlässlich des 90. Geburtstags von Wolfdietrich Schnurre publizierte der Berlin Verlag in einem sehr anerkennswerten Wurf in wunderbarer Aufmachung die wichtigsten und schönsten Bücher dieses Schriftstellers, der in der aktuellen Literaturbetrachtung hinter den Ikonen der Nachkriegsliteratur und der ehemaligen "Gruppe 47" Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Martin Walser, Alfred Andersch etwas zurücksteht. Schnurre bekam auch nie den von 1950 bis 1962 achtmal vergebenen Literaturpreis der "Gruppe 47". Immerhin hatte er 1947 die erste und 1962 die letzte Geschichte bei den legendären Lesungen vorgetragen. Allerdings bekam er später aber den Georg-Büchner-Preis, die höchste literarische Anerkennung Deutschlands. Neben den Kurzgeschichten gilt das in 14 Kapiteln 1978 erschienene Tagebuch-Spätwerk "Der Schattenfotograf" als Schnurres wichtigstes Buch. Der Buchumschlag zeigt den Schriftsteller mit seinem Hund.
Wunderbares Weihnachtsbilderbuch für die ganze Familie
Das Weihnachtsbilderbuch eignet sich durchaus auch für Erwachsene ohne kleine Kinder – in Erwartung künftiger Babys oder Enkel zum Beispiel, oder einfach so zur Freude über Weihnachten. Wolfdietrich Schnurre war ein begnadeter Zeichner und Illustrator, umso erfreulicher, dass anlässlich seines 90. Geburtstags das erstaunliche Büchlein "Ein Leben - eine Bildergeschichte mit Aufgaben" herauskam. Auch dieses Werk widmete er seiner Frau Marina Schnurre "zum Namenstag am 18. VI. 72 auf dem Monte Sole".
Ideales Geschenk - Bildergeschichte von Wolfdietrich Schnurre
Mit dieser witzigen Beschreibung eines typischen Kleinbürgerlebens beweist Schnurre sich als einer der besten deutschen Polit- und Gesellschaftssatiriker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Den Reigen einer im Ergebnis ziemlich langweiligen und fast schon deprimierend normalen Biografie eines Menschen von der Zeugung bis zum Tod verpackt Schnurre in eine pseudo-naive Sprache und scheinbar schlichte Strichzeichnungen. Er erklärt das Leben seiner Figur aus der jeweils altersentsprechend subjektiven Perspektive mit einfachen Worten, verständlich, logisch, bitterböse – und unvermeidlich.
Lieber Hippi als Drogist
Rebellion gehört auch zu diesem Leben: "Mein Vater wollte, ich sollte Drogist werden. Meine Mutter meinte, ich sei musikalisch. Aber ich wurde erst einmal Hippi, ich brauchte Bedenkzeit. Meine Mutter überlebte das nicht." Nach solch lakonischen Sätzen, verfasst vom Pionier und Meister der deutschsprachigen Kurzgeschichte, folgt immer eine pädagogische Aufgabe, denn der Schüler, äh Leser, soll mitdenken: "Ist es denn so schlimm, ein Hippi zu sein? Frage die Eltern! Frag einen Hippi! Vergleiche."
Wolfdietrich Schnurre: Die besten Geschenke der Welt. Eine Weihnachtsgeschichte. Farbig illustriert vom Autor. Empfohlen ab 4 Jahren. Bloomsbury im Berlin Verlag 2010. Gebunden. Format 24, 8 cm / 30, 9 cm / 1, 0 cm ( B/H/T). 48 Seiten. 13,90 Euro
Wolfdietrich Schnurre: Ein Leben. Eine Bildergeschichte mit Aufgaben. Berlin Verlag 2010. Gebunden. 57 Seiten. 15 Euro.
