
- Waleczek: Max Frisch - dtv
"Auf der Welt sein: im Licht sein ... standhalten dem Licht, der Freude ... im Wissen, daß ich erlösche im Licht über Ginster, Asphalt und Meer, standhalten der Zeit, beziehungsweise Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: gewesen sein." ("Homo Faber", 1957)
Der Prosaautor Max Frisch: "Stiller" und "Homo Faber"
Nach Jahren der Zerrissenheit, nach Rückschlägen und Zweifeln folgt der doppelte Bruch: Geradezu symptomatisch für die Biografie von Max Frisch stehen das in eine Rolle gepresste Individuum sowie der schwierige Weg zu Selbsterkenntnis und -annahme im Mittelpunkt seines ersten großen Romans. "Stiller" (1954) stellt nicht nur den Durchbruch, sondern auch einen Wendepunkt in seinem Leben dar: Frisch trennt sich von seiner Familie und schließt 1959 sein Architekturbüro, um sich fortan ganz der Tätigkeit des Schriftstellers widmen zu können. Sein Roman "Homo Faber" (1957) wird zu seinem größten Erfolg. Er ähnelt thematisch dem Vorgänger, zugleich ist der rationale Protagonist Faber ein Gegenentwurf zum emotionalen Stiller.
Themen von Max Frisch: Rolle, Bildnisgedanke und Ringen um das Ich
Das Max Frisch existenziell beschäftigende Ringen um das Ich steht thematisch im Mittelpunkt vieler seiner Werke und nimmt über autobiografische Details immer wieder den direkten Weg von der Person in die Fiktion. Einige Details sollen das Bild des Schriftstellers farbiger machen – trotz der nicht nur im "Stiller" erhobenen Maxime: "Du sollst dir kein Bildnis machen." Frisch arbeitet diszipliniert, ist dem Alkohol nicht abgeneigt und passionierter Pfeifenraucher. Er liebt die Natur und verschafft sich auf zahlreichen Wanderungen körperlichen Ausgleich zur Schreibtischarbeit. Sein ambivalentes Verhältnis zur Heimat schlägt sich in vielen Texten, zuletzt in "Schweiz als Heimat?" (1990) nieder. Und obwohl eher öffentlichkeitsscheu, besitzt er eine starke Anziehungskraft auf das andere Geschlecht.
Max Frisch und Ingeborg Bachmann
Auf einer Vorführung seines neuen Stückes "Biedermann und die Brandstifter" lernt er 1958 die Dichterin Ingeborg Bachmann kennen und geht ein Verhältnis mit ihr ein. Anfang 1959 ziehen sie zusammen. Im Mai erkrankt Max Frisch an einer schweren Hepatitis. Nach seiner Gesundung wohnen er und Bachmann gemeinsam in Rom, dort entsteht das Bühnenstück "Andorra" (1961). Zum Jahreswechsel 1962/63 endet die Beziehung, die für Frisch von Eifersucht und Hörigkeit geprägt war. Die seelisch erkrankte Bachmann kommt mit der Trennung schwer zurecht und zieht sich zunehmend zurück. Der Schriftsteller lebt bis 1965 in Rom.
Marianne Oellers, "Mein Name sei Gantenbein" und "Biografie. Ein Spiel"
1963 beginnt Frisch eine Beziehung mit der 23-jährigen Studentin Marianne Oellers. Im Jahr darauf veröffentlicht er seinen Roman "Mein Name sei Gantenbein" und erwirbt ein Bauernhaus im Tessin. Das frischgebackene Paar pendelt zusätzlich zwischen verschiedenen Wohnungen und reist viel, unter anderem 1966 in die Sowjetunion. Dort macht sich Frisch ein eigenes Bild. Der ehemals eher konservative Autor – nun der Sozialdemokratie nahestehend – setzt sich unvoreingenommen mit politischen Ideen auseinander.
1967 vollendet er die Arbeiten an dem Theaterstück "Biografie. Ein Spiel". Dieses greift ein Motiv des Gantenbein-Romans auf, indem es anhand von Varianten der fiktionalen Biografie des Verhaltensforschers Kürmann verschiedenste Möglichkeiten aufzeigt, die dem Leben im Denken und Handeln innewohnen. 1968 heiraten Frisch und Oellers in Berzona. Einer Japanreise folgen Reisen in die USA. Eindrücke davon finden sich neben Porträts von Schriftstellerkollegen und aktuellen Bezügen im "Tagebuch 1966-1971" (1972) wieder.
"Wilhelm Tell für die Schule" und "Montauk"
1971 erscheint der in der Schweiz stark kritisierte Text "Wilhelm Tell für die Schule", 1972 nehmen die Frischs eine Zweitwohnung in Berlin. Dort pflegen sie viele Bekannt- und Freundschaften, unter anderem zu Günter Grass und Jurek Becker. 1975 wird "Montauk" veröffentlicht. In der stark autobiografisch gefärbten Erzählung – im Kern beinhaltet sie das komplexe Verhältnis von Wahrheit und Fiktion, von erzähltem Leben – gibt Frisch viel von sich und seinem Privatleben preis. Gegen den Willen von Marianne.
Spätwerk und Tod von Max Frisch
In der Ehe kriselt es, sie wird für beide Seiten zunehmend schwieriger und 1979 geschieden. Im selben Jahr wird die Max-Frisch-Stiftung ins Leben gerufen und der Autor publiziert "Der Mensch erscheint im Holozän". Gemeinsam mit dem 1978 erschienen "Tryptichon" und dem "Blaubart" (1982) bildet die Erzählung sein Spätwerk. Nach zwei Jahren in New York, die er mit der früheren Geliebten Alice Locke-Carey verbringt, kehrt er endgültig in die Schweiz zurück. 1989 verschlechtert sich sein Gesundheitszustand, Darmkrebs wird diagnostiziert. In seinen letzten Jahren engagiert sich Max Frisch noch einmal stark für die Abrüstung und geht in seinem letzten Text "Schweiz ohne Armee? Ein Palaver" kritisch auf Fragen der Verteidigungspolitik ein.
Am 15. Mai 1991 endet das Leben eines der größten deutschsprachigen Schriftsteller. Seine Asche wird dem letzten Willen folgend auf einer Abschiedsfeier verstreut.
Dieser Artikel orientiert sich weitgehend an dem dtv-Portrait von Lioba Waleczek, das die Biografie im weitreichenden Kontext werkimmanenter und zeitgeschichtlicher Bezüge anschaulich erarbeitet:
Lioba Waleczek: Max Frisch. Deutscher Taschenbuch Verlag 2001. Taschenbuch, 159 Seiten. Euro 9,00.
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