
- Brennessel-Portrait - Schuhrk
Der Schnee ist gewichen, der Frost des Bodens wird seltener und die erste Erntezeit des Jahres beginnt: Schon jetzt zeigen sich inmitten noch verdorrter Gräser die jungen Triebe der Brennessel. Von vielen Menschen als unangenehm empfunden, ist sie doch schon seit Jahrtausenden unserer facettenreicher Begleiter und darf von nun an bis zum Herbst „geerntet“ werden.
Denkt man an die Brennessel, so erinnert man sich zunächst an das unbändige Jucken, das die Berührung ihrer Blätter verursacht. Doch bereits für die Kelten war die Brennessel eine ganz besondere Pflanze - und der Freund des Menschen: Noch heute wächst sie mit Vorliebe in der Nähe menschlicher Siedlungen und umstellt gewissermaßen die Gebäude.
Bauernphilosoph Arthur Hermes, der noch ganz aus der Weisheit unserer Ahnen schöpfte, sah sie gar als Beschützer des Gehöfts: Wie das Kettenhemd, das einst der gewappnete Ritter trug, fange sie die Pfeile der schlechten Gedanken, des Neids und der Missgunst ab und beschütze die Bewohner des Hauses vor ihnen. Auch negative Strahlungen aller Art soll die Kriegerin unter den Pflanzen abfangen und umzuwandeln wissen. Der Wiedehopf, dem mittelalterlichen Aberglauben nach ein Vogel der Hexen und Dämonen, soll aus diesem Grunde sein Nest mit Brennesseln ausstopfen.
Rutengänger haben oftmals bestätigt, dass Brennesseln gern an Strahlungsorten wachsen, etwa dort, wo Wasseradern sich kreuzen. Für solche Orte waren unsere Vorfahren sehr empfänglich, den sie galten als Treffpunkt von Verstorbenen und unsichtbaren Wesen, die sich nur hier offenbarten.
Doch nicht allein die Empfänglichkeit der Brennessel für Strahlen war bereits in unserer Vergangenheit bekannt: Ihre Samen wurden in den „Frauendreissigern“ gesammelt und bei Bedarf als Kräftigungsmittel gegessen. Sie haben eine dermaßen vitalisierende Wirkung, dass es im Mittelalter den Mönchen und Nonnen verboten war, Brennesselsamen einzunehmen.
Tatsächlich enthalten sie hormonähnliche Substanzen: Sitosterin und Vitamin E - Fruchtbarkeitsvitamine, die zur Anregung der Körperfunktion, bei chronischer Müdigkeit, Leistungsschwäche hilfreich sind. Bei stillenden Müttern regen sie die Milchbildung, bei Männern die Samenproduktion an und bei Prostataleiden soll eine Tinktur der gelben Wurzel neben Kürbiskernen eines der besten Phytotherapeutika sein.
Die Germanen und vermutlich auch die Kelten weihten die Pflanze ihrem Donnergott Donar, der für Fruchtbarkeit und männliche Potenz ebenso wie für das Bierbrauen zuständig war. Uralt ist der Brauch, bei drohendem Gewitter Brennesselruten auf den Bierbottich zu legen, damit das Gebräu nicht umschlägt und sauer wird. In England ist noch heutzutage das aus Nessel gebraute "nettle beer" zum Ausspülen von Schlacken aus dem Blut beliebt.
Die Volksheilkunde weiß auch heute noch vieles mit der brennenden Pflanze anzufangen. Als Tee wirkt sie harntreibend und entschlackend, gut für Ekzeme und Hauptprobleme, für Nierensteine und Harngrieß, Rheuma und Gicht. Der Tee eignet sich auch als Zusatzbehandlung bei Zuckerkrankheit, da er die Funktion der Bauchspeicheldrüse günstig beeinflusst. Ebenso soll man bei Milzleiden und Abgeschlagenheit Brennessel-Samen essen und Tee aus den Blättern der Pflanze trinken.
Wie genau die Kelten und Germanen das Kraut einsetzten, wissen wir heute nicht mehr. Vermutlich aber nicht viel anders, als es die Volksmedizin noch immer tut.
Marcellus Empirucus schreibt, dass zu seiner Zeit die Samen als Magenmittel und die Wurzeln gegen Nasenbluten verwendet worden sind. Im Frühjahr wurden Nesselwecken gegessen - eine Kultspeise. Auch wir kennen noch die Nesselküchle und Nesselkrapfen, die je nach Region nach dem langen Winter einen Vitaminstoß geben und die Frühjahrsmüdigkeit vertreiben. Genauso bekannt ist der köstliche Brennesselspinat.
Mittels dieser Speisen verbanden sich die Kelten mit dem aufstrebenden Geist der Vegetation, wussten die Natur zu verstehen. Und zwar in Umgang und auch Gebrauch, wie man bereits an der Bezeichnung erkennen kann: Das gallische Wort für Nessel war ne-nadi. Es bezieht sich auf die Nessel als Faserpflanze. Außer Hanf und Leinen diente auch die Brennessel damals zum Weben und Spinnen. Die Kelten stellen aus Nesselfasern Stricke, Säcke und Hemdenstoffe her. Schon in der Altsteinzeit wurden aus der Pflanze Netze, Reusen, Tragtaschen und Fallstricke produziert.
Tatsächlich ist die Brennessel auch eine bewusstseinsverändernde Pflanze - aber entgegen jenen, die als Drogen missbraucht werden, um in andere Dimensionen zu schwinden, versetzt die Brennessel uns durch ihr Stechen jäh und unmittelbar ins Hier und Jetzt.
Vielleicht findet sich darin auch der Grund, warum in der Bevölkerung heutzutage zunächst mit Skepsis auf die Verwendung der Brennessel als Faserpflanze reagiert wird: Allein die Vorstellung lässt rote Pusteln auf der Haut wachsen. Ein überflüssiger Gedanke, entstammen die verwendeten Bastfasern doch dem Stengel der Pflanze und nicht den Blättern, wo jene Brennhaare sitzen, die uns oftmals zurückschrecken lassen.
Nachdem man im 12. Jahrhundert Brennesselfasern dazu nutzte, Segel und Fischernetze zu produzieren, versuchte man ab dem 15. Jahrhundert, die Pflanze zu kultivieren, bis schließlich die Baumwolle aufkam. Dennoch gewann der Nesselstoff immer dann an Bedeutung, wenn Baumwolle knapp wurde - zuletzt nach den beiden Weltkriegen.
Da Brennnesseln sich aber nicht nur zu Textilien verarbeiten lassen, sondern vor allem die Wildform lecker und gesund ist, finden heutzutage überwiegend die frischen Blätter und das getrocknete Kraut (Herba Urticae) Verwendung.
Analysen haben beachtliche Wirkstoffe an den Tag gebracht: Chlorophyll, Histamin, Gallus-, Gerb- und Ameisensäure, Glukokinin, Acetylcholin, Vitamin A und E, Mineralsalze wie Eisen (blutbildend), Magnesium, Silizium, Natrium, Kalzium und Phosphor. Hinzu kommen pflanzliche Hormone als Phyto- oder Biostimulantien, sowie viele Enzyme.
Geerntet werden die jungen Triebe der Brennessel, die Wurzeln und die jungen Blätter laufend von März bis September.
