
- Pandora - Jules-Joseph Lefebvres
Die bekannte Redensart von der Büchse der Pandora dürfte den meisten ein Begriff sein. Doch woher diese Ausdrucksweise stammt, ist vielen nicht bewusst. Wer war Pandora und was hatte es mit dieser ominösen Büchse auf sich?
Prometheus formt den Menschen aus Ton und wird sein Lehrmeister
Der griechischen Mythologie zufolge war es Prometheus („der Vorausdenkende“), der die Menschen geschaffen hat. Prometheus selbst ist zwar nicht göttlicher, jedoch titanischer Herkunft. Er wird zum Freund und Kulturstifter der Menschheit. Als Himmel und Erde bereits geschaffen waren, da betrat Prometheus die Erde. Aus Ton formte er nach dem Ebenbild der Götter die Menschen, entlehnte von den Tierseelen gute und böse Eigenschaften und schloss sie in die Brust des Menschen ein. Athene, die Göttin der Weisheit, die Prometheus wohlgesonnen war, gefiel die Schöpfung des Titanensohnes und so blies sie den halbbeseelten Geschöpfen den Geist ein, den göttlichen Atem, Verstand und Vernunft. Prometheus nahm sich seiner Geschöpfe an, lehrte sie die Beobachtung der Gestirne, die Kunst zu zählen und zu schreiben, Ackerbau und Schifffahrt, die Heilkunst und noch viele andere gar wunderbare Dinge.
Der Zorn des Zeus und die Bestrafung des Menschengeschlechts
Da wurden die Götter auf die Menschen aufmerksam und verlangten von ihnen Opfer und Anbetung. Zugunsten der Menschen verfiel Prometheus auf eine List, damit ihre Opfergaben nicht ein ungebührlich Ausmaß annehmen sollten. Dies erzürnte Zeus, so dass er den Sterblichen die letzte Gabe versagte, derer sie bedurften, das Feuer. Durch eine weitere List aber konnte Prometheus den Menschen das Feuer vom Himmel hernieder bringen.
Dieser Raub jedoch erzürnte Zeus noch mehr. So ließ er das Trugbild einer wundervollen Frau schaffen. Die Götter statteten sie aus mit allen Gaben: Schönheit, musikalisches Talent, Geschicklichkeit, Neugier und Übermut. Zudem schmückte Athene sie mit einem Gewand aus Blumen, Hermes verlieh ihr eine bezaubernde Sprache und Aphrodite, die Liebesgöttin, schenkte ihr holdseligen Liebreiz. Man nannte sie Pandora, die Allbeschenkte. Sie sollte werden die erste Frau auf Erden.
Zeus reichte ihr aber eine Büchse angefüllt mit unheilbringenden Gaben, stieg mit Pandora zusammen zur Erde hinab und überreichte sie Prometheus‘ Bruder Epimetheus („der Nachherbedenkende“) als Geschenk. Prometheus hatte seinen Bruder nachdrücklich gewarnt, keine Geschenke der Götter anzunehmen, damit den Menschen kein Leid widerführe. Epimetheus ließ sich jedoch von der wunderbaren Gestalt Pandoras hinreißen und nahm sie als Geschenk an. Da öffnete Pandora den Deckel ihrer Büchse und alle Übel dieser Welt schwebten sogleich aus derselben hervor. Nur die Hoffnung sollte in der Büchse zurück bleiben, als Pandora sie schnell wieder verschloss.
Die Hoffnung kommt in die Welt
Einer anderen Version zufolge, wies Zeus Pandora an, die Büchse den Menschen zu schenken, ihnen aber mitzuteilen, dass sie die Büchse unter keinen Umständen öffnen dürften. Von der Neugier übermannt öffneten die Menschen, vielleicht war es auch Epimetheus selbst, die Büchse gleichwohl und alle Laster und Übel konnten ihr so entweichen. Von da an eroberte das Schlechte die Welt. Die Erde wurde zu einem trostlosen Ort. Erst als Pandora nach langer Zeit ein Einsehen hatte und die Büchse erneut öffnete, konnte endlich auch die Hoffnung entweichen und die Trostlosigkeit auf der Erde fand ein Ende.
Parallelen und Unterschiede zum biblischen Sündenfall
Die Parallelen zwischen dem altgriechischen Pandora-Mythos und dem biblischen Sündenfall liegen auf der Hand. Hier die wunderschöne Pandora, der Epimetheus nicht widerstehen kann, dort Eva, die Adam mit der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse verführt. In beiden Fällen ist es die Frau, und zwar jeweils die erste Frau auf Erden, von der sich der Mann verführen lässt. Dies bringt erst die Übel in die Welt respektive zieht die Vertreibung aus dem Paradies nach sich, was dem letztlich gleich kommt. Und sowohl Epimetheus als auch Adam hinterlassen einen eher einfältigen Eindruck. Im griechischen Mythos gibt es jedoch einen klugen Bruder, der den Verführten warnt. Und es ist nicht die Schlange, die die Frau verführt, sondern es ist der rachsüchtige Gott selbst, der die Menschen bestrafen möchte und sie überlistet.
Sowohl Zeus als auch der Gott des Alten Testamentes sind aber strafende Götter. Beide wollen sich an den Menschen rächen. Jahwe aus gekränkter Eitelkeit, weil "seine" Geschöpfe es gewagt haben, sein Gebot zu übertreten, Zeus weil Prometheus den Menschen das Feuer bringt, obwohl er dies ausdrücklich untersagt hat. Die Menschen werden hier also sogar bestraft für eine Tat, die ein anderer begangen hat, nämlich ihr Schöpfer. Dies erinnert sehr stark an das Prinzip der Sippenhaft. Nicht nur Prometheus selbst wird von Zeus bestraft, sondern auch seine Geschöpfe für die Tat des "Vaters".
Die Büchse war gar keine Büchse
Interessant ist auch, dass das Wort Büchse aus einem Übersetzungsfehler resultiert. Erasmus von Rotterdam machte bei der Übertragung des Textes vom Altgriechischen ins Lateinische den Fehler, pithos (= großer irdener Vorratskrug) in vasculum (= Büchse, Dose) zu übersetzen. So wurde also aus dem großen Krug eine viel kleinere und damit auch tragbare Büchse.
Zur Rezeption des Mythos
Der Pandora-Mythos wurde in vielfältiger Weise rezipiert. Frank Wedekind verfasste Ende des 19. Jahrhunderts eine Tragödie mit dem Titel Die Büchse der Pandora. 1928/29 wurde diese von Georg Wilhelm Pabst sehr frei verfilmt. In diesem Stummfilm wurde erstmals eine lesbische Frau auf der Kinoleinwand gezeigt. 1991 veröffentlichte die britische Pop-Band OMD (Orchestral Manoeuvres in the Dark) den Song Pandora's Box. In dem dazugehörigen Videoclip, der eine Hommage an die Hauptdarstellerin darstellt, sind zahlreiche Originalszenen aus dem Stummfilm von 1928/29 zu sehen.
Quellen:
- Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums
- Matthias Vogt: Griechische Mythologie
- Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers
- Thomas Koebner: Die Büchse der Pandora, in: Reclam Film Klassiker
