Die Chancen sind so gut wie nie

Günther Richter, Landesgeschäftsführer des BVMW in Thüringen. - Sebastian Keßler
Günther Richter, Landesgeschäftsführer des BVMW in Thüringen. - Sebastian Keßler
Interview mit dem Landesgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) in Thüringen, Günther Richter, zum Thema Ausbildung.

Mittelständische Unternehmen stellen rund 80% aller Ausbildungsplätze. Dabei fällt es vielen Betrieben zunehmend schwer, geeignete Auszubildende zu finden. Der Landesgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Günther Richter, spricht im Interview über Ausbildungsplätze und Jobchancen in Thüringen.

Herr Richter, in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Schulabgänger in Thüringen halbiert. Wie nehmen die mittelständischen Unternehmen diese Entwicklung wahr?

Viele Unternehmen würden gern mehr ausbilden und haben erkannt, dass sie selbst aktiv werden müssen. Im vergangenen Jahr hat die Thüringer Wirtschaft auf 100 Schulabgänger 119 Ausbildungsplätze bereit gestellt. In dieser Situation dürfen die Unternehmen nicht mehr darauf hoffen, dass sich genügend Schüler bei Ihnen bewerben. Sie müssen in die Offensive gehen und sich als attraktiver Ausbildungsbetrieb bekannt machen.

Wie kann das geschehen?

Zum Beispiel mit unserem Projekt „Unternehmer an Schulen“. Wir organisieren Gesprächsrunden an Schulen, in denen Unternehmer sich und ihre Firmen vorstellen. Sie erklären den Schülern, welche Produkte sie herstellen, wie Arbeitsplätze entstehen und welche Anforderungen sie an ihre Auszubildenden haben.

Anforderungen sind ein gutes Stichwort. Worauf legen die Ausbildungsbetriebe besonders wert?

Viele Berufsbilder haben sich verändert. Nehmen Sie zum Beispiel die Landwirtschaft. Hier kommen heute modernste Technologien zum Einsatz. Computer und GPS-Systeme sind unentbehrlich geworden. Die Auszubildenden müssen daher fit sein in den naturwissenschaftlichen Fächern Mathematik, Chemie und Physik. Auch Sprachkenntnisse sind gefragt. Viele Thüringer Unternehmen sind international aufgestellt. Neben der deutschen Sprache ist Englisch eine wichtige Voraussetzung in den meisten Berufen geworden.

Die Schulnoten bleiben also wichtig?

Gute schulische Leistungen sind wichtig. Außerdem suchen die Unternehmen motivierte Auszubildende, die sich engagieren wollen und einen guten Abschluss anstreben. Dazu kommen wichtige Eigenschaften, wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Höflichkeit.

Sicher haben die Auszubildenden ähnlich hohe Ansprüche an ihren Lehrbetrieb?

Das stimmt. Es geht nicht nur um ein attraktives Lehrlingsentgelt. Auch das Betriebsklima muss stimmen. Aber leider wissen viele junge Leute zu wenig über die Unternehmen in ihrer Region. Ich empfehle daher, sich frühzeitig über die breite Palette der Ausbildungsberufe zu informieren. Das Internet bietet da eine gute Orientierung. Außerdem ist wichtig, dass die Jugendlichen sich sachkundig machen, was für Unternehmen es in ihrer Region gibt. So können die Jugendlichen bei einem Praktikum oder einem Ferienjob den möglichen Ausbildungsbetrieb kennen lernen.

Welche beruflichen Chancen haben die Jugendlichen nach ihrer Ausbildung in Thüringen?

Meiner Meinung nach sind die Chancen, in der Heimat eine Beschäftigung zu finden, hier zu leben und zu arbeiten, so gut wie nie.

Vielen Dank, Herr Richter, dass Sie sich für dieses Gespräch Zeit genommen haben.