Die große Cholera-Epidemie von 1892 in Hamburg

Hygiene, Quarantäne und die Erkenntnisse des Geheimrats Robert Koch

Reiche Vororte: Andere Perspektive aufs Elbwasser - www.ancestryimages.com
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Wie die tödliche Epidemie der Cholera das Tor zur Welt verschloss und in nur zehn Wochen Tausenden der rund 640.000 Hamburger Einwohner das Leben kostete.

Hamburg gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Nadelöhr für zahlreiche Amerika-Auswanderer aus ganz Europa, aufstrebende Hafenstadt und doch mit zahlreichen überfüllten Armenvierteln durchsetzt. Offen für technische Innovationen wie elektrische Straßenbeleuchtung und erste Telefone, doch ohne ausreichende Trinkwasserversorgung. Besonders im außergewöhnlich sommerlichen Klima des Jahres 1892 sahen sich viele der 10.000 bis 15.000 Tagelöhner und Arbeiter im Hamburger Hafen dazu gezwungen, ihren Durst mit Elbwasser zu stillen – an den Luxus von Alsterwasser war gar nicht zu denken. Das und der Umstand, dass die vielen internationalen Schiffe im Hafen ihre Abwässer ungeklärt in die Elbe abließen, könnte im Sommer des Jahres 1892 zum folgenschweren Ausbruch der Asiatischen Cholera in der Hansestadt geführt haben.

Trinkwasser aus der Elbe als Quelle der tödlichen Cholera-Erkrankung

Die Versorgung mit frischem Trinkwasser stellte auch im sprichwörtlich mit Regen gesegneten Hamburg ein bislang weitestgehend unbeachtetes Problem dar, da damals die städtischen Abwässer ungeklärt den Gewässern des Stadtgebietes überantwortet wurden, zum Beispiel am Elbufer der südöstlichen Grenzbezirke zu Altona. Was die Trinkwasserversorgung betraf, hielt auch hier die Elbe als Quelle her, da nahezu das gesamte Volumen durch das flußaufwärts gelegene Wasserwerk Rothenburgsort gepumpt wurde. Doch die große Sommerhitze 1892 begünstigte nicht nur im seichten Elbstrom die Vermehrung der bakteriellen Kranheitserreger. Die eigentliche Brutstätte des Übels identifizierte ein ausgewiesener Fachmann anderenorts: Nach wenigen Tagen und hunderten von Toten nämlich wurde Geheimrat Dr. Robert Koch vom Berliner Institut für Hygiene und Infektionskrankheiten in die Hansestadt beordert. Schließlich hatte der Mediziner und Mikrobiologe wenige Jahre zuvor den Vibrio cholerae-Bazillus als Auslöser der Cholera-Erkrankung identifiziert und bei Reisen nach Indien und Ägypten erforscht. Doch diesmal schien es sich nicht um die seit dem Jahr 1822 regelmäßig in Hamburg grassierende und weit weniger aggressive »Cholera nostras« zu handeln.

Pesthöhlen – die hygienischen Verhältnisse in Hamburg vom Hafen bis nach Barmbek

Die hygienische Trennung von Trink- und Abwasser sah Koch nicht nur an seinem Dienstort Berlin vernachlässigt, sondern geradezu und in besonders gravierendem Maße missachtet in den Gängevierteln der Hansestadt, wo die beengten Wohnverhältnisse und schmalen Gassen keine verlässlichere Wasserquelle als den heutzutage romantisierten Hamburger Wasserträger zuließen. Die armen Bewohner dieser Viertel in Alt- und Neustadt sowie einst auch auf dem Großen Grasbrook schöpften ihre tägliche Wasserration kostenfrei direkt aus den Fleeten zu Füßen der Stadt, die allerdings im wahrsten Sinn des Wortes andererseits als offene Kanalisation dienten. Zudem breitete sich die Epidemie ungebremst besonders in jenen Arbeiterstadtteilen aus, die sich vom Hafen bis zum Gänsemarkt, aber auch in Barmbek etabliert hatten. Die Krankenhäuser, darunter das 1884 gegründete AK Eppendorf, konnten die Flut der an Cholera Erkrankten nicht mehr aufnehmen. Professor Koch berichtete dem Kaiser: »Eure Hoheit, ich vergesse, dass ich in Europa bin. Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln [...]«.

Die Cholera-Infektion: bakterielle Erreger und Krankheitsverlauf bis zum Tod

Der bakterielle Erreger der Cholera-Infektion wird vor allem über verunreinigtes Trinkwasser oder Lebensmittel aufgenommen und führt nach einer Inkubationszeit von zwei bis drei Tagen bei seiner Zersetzung im Darm zur Bildung von Giftstoffen, die extremen Brech-Durchfall und manchmal Bauchschmerzen auslösen – oder aber wie in rund 85 % der Fälle gar keine Symptome. Diese sogenannten Cholerine-Infektionen, die oft unbemerkt bleiben, fördern die ungebremste Ausbreitung der Erreger, da sich Betroffene nicht krank fühlen, die Bakterien in ihrem Dünndarm aber durch ihre Ausscheidungen weiter verbreiten können. Bricht die Krankheit bei Betroffenen aus, ist durch starken Flüssigkeitsverlust – bis zu 20 Liter/Tag – die Austrocknung des Patienten zu befürchten, die unbehandelt zu Organschäden und mit einer Mortalitätsrate von 20-70 % zum Tod führen kann.

Heute wird die Cholera in betroffenen Entwicklungsländern erfolgreich mit der Verabreichung der WHO-Trinklösung behandelt, die dem erkrankten Körper Flüssigkeit, Glucose und Elektrolyte zurückgibt. Tatsächlich ist diese Behandlung nicht ganz neu, denn eine experimentierfreudige Hamburgerin namens Behncke empfahl schon 1892 per Annonce, allen Erkrankten einen abgekochten Brei aus Reismehl, Heidelbeeren, Zucker, Zimt und etwas Rotwein zu verabreichen. Trotz dieses Hausmittels starben in Hamburg 8.605 der fast 17.000 erkrankten Menschen an der Cholera.

Robert Koch, Bernhard Nocht und die Hamburger Maßnahmen gegen die Cholera-Epidemie

Die Angst vor der Ansteckung ging damals so weit, dass die Zugverbindungen aus Hamburg eingestellt und Hamburger Schiffe weltweit in Quarantäne genommen wurden – ja sogar Briefe mit Absender in der Hansestadt wurden ungeöffnet verbrannt. Der »Hamburgische Correspondent« druckte vorsorglich die Nachricht, dass die eigenen Zeitungsausgaben nicht desinfiziert werden müssten. Die Cholera-Commission des Senats hängte stadtweit Verhaltensregeln zur Hygiene aus. Weiterhin wurde einerseits eine öffentliche Versorgung mit abgekochtem Trinkwasser und Nahrung von außerhalb organisiert und andererseits Desinfektionskolonnen, die die Straßen mit Karbol, Lysol und Creolin bakterienfrei machen sollten.

Robert Koch, der bereits im Jahr 1882 den Erreger-Bazillus der Tuberkulose nachwies und im Folgejahr den Cholera-Erreger identifizierte, erkannte sachkundig, dass der Quell der Hamburger Cholera-Epidemie das Wasser sein musste. Koch war 1891 zum Direktor des Preußischen Instituts für Infektionskrankheiten berufen worden, welches später nach seinem langjährigen Direktor und Medizin-Nobelpreisträger umbenannt wurde. Koch setzte zur Überwachung der Hygienebestimmungen im Hamburger Hafen Marinestabsarzt Bernhard Nocht ein, der seinerseits international Erfahrungen mit Infektionskrankheiten gesammelt hatte. Tatsächlich gelang es mit all diesen Maßnahmen, erfolgreich gegen die Cholera vorzugehen – nach nur zehn Wochen war die Stadt seuchenfrei. Doch da Dr. Bernhard Nocht das internationale Potenzial des Tors zur Welt und damit die Gefahr der erneuten Einschleppung von Infektionskrankheiten erkannte, besetzte er gleich selbst das neu geschaffene Amt des Hamburger Hafenarztes und setzte sich erfolgreich für die Gründung eines gewissen Hamburger Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten ein.

FxReid Ständiger Autor Australien&Ozeanien-Reisen, © FxReid

Felix Reid - Ständiger Autor im Ressort Australien- & Ozeanien-Reisen; Freier Autor für unterhaltsame Golfsport-Beiträge; Ghostwriter ...

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