Die christlich- jüdische Mischehe in Deutschland 1840- 1933

Cover Meiring, Die christlich- jüdische Mischehe - Dölling & Galitz
Cover Meiring, Die christlich- jüdische Mischehe - Dölling & Galitz
Rezension zu Kerstin Meiring, Die christlich- jüdische Mischehe in Deutschland 1840- 1933, Hamburg: Dölling & Galitz 1998.

Waren im 19. Jahrhundert Ehen zwischen Katholiken und Protestanten keine Selbstverständlichkeit, so gilt dies erst Recht für Ehen zwischen Christen und Juden. Dennoch nahm der Anteil von Mischehen bis 1933 kontinuierlich zu. Welche Rückschlüsse lassen sich daraus für das christlich- jüdische Verhältnis und für allgemeine gesellschaftliche Modernisierungsprozesse ziehen? Kerstin Meiring hat die christlich- jüdische Mischehe in Deutschland unter quantitativen und qualitativen Aspekten analysiert.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Das Allgemeine Landrecht verbot Ehen zwischen Christen und Nichtchristen (ohne explizit von Juden zu sprechen) in Preußen. Fortschritte in der Judenemanzipation änderten daran zunächst wenig. Mischehen waren seit 1847 in Ausnahmefällen möglich, nämlich als Zivilehe zwischen Dissidenten, wenn beide Partner aus ihrer Glaubensgemeinschaft austraten. Erst die Einführung der obligatorischen Zivilehe 1874/75 legalisierte konfessionsverschiedene Verbindungen.

„Mischehenfrage“ in der Diskussion

Sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch im Judentum wurden Mischehen überwiegend skeptisch beurteilt. Die Transformation des Judentums von einer religiösen in eine ethnische Gemeinschaft erhob die jüdische Familie zur Keimzelle des modernen Judentums. Mischehen wurden aus dieser Warte von Orthodoxen und Liberalen gleichermaßen als Auflösungserscheinungen betrachtet. Trotz verbaler Ablehnung überwog in der sozialen Praxis die Integration konfessionsverschiedener Paare.

Quantitative Entwicklung

Dies wurde nicht zuletzt möglich, weil die befürchteten Auflösungserscheinungen nicht eintraten. Zum einen blieben die deutschen Juden eine tendenziell endogame Gruppe. Dies weist Meiring anhand eines Vergleichs mit protestantisch- katholischen Mischehen nach. Hinter der Vervierfachung christlich- jüdischer Verbindungen im Untersuchungszeitraum verbarg sich aufgrund demographischer Entwicklungen (sinkende Geburtenrate, spätes Heiratsalter, Abnahme rein jüdischer Ehen) ein relativ geringerer Anstieg in absoluten Zahlen. Dabei wurden von der Autorin allerdings nur konfessionsverschiedene Mischehen berücksichtigt, nicht hingegen Ehen, bei denen im Vorfeld der Konfessionswechsel eines Partners (d.h. in der Regel zu einer christlichen Konfession) erfolgte.

Strukturen und Beziehungen

Zum anderen zeigte sich, dass auch in Mischehen die Wahrung jüdischer Traditionen in vielfältigen Formen und Abstufungen möglich war. Das belegt Meiring an einem Sample von 103 Ehen, die über die Auswertung von schriftlichen Erinnerungen, Fragebogen und Interviews Einblicke ins Innenleben christlich- jüdischer Mischehen gestatten. Der Autorin gelingt es, schicht- und geschlechtsspezifische Unterschiede herauszuarbeiten: Mischehen kamen in kleinbürgerlichen Schichten öfter vor und der Verbleib der Kinder im Judentum lässt sich hier häufiger beobachten als in bildungs- und wirtschaftsbürgerlichen Kreisen. (S. 89) In letzteren war die Mischehe wohl in der Tat Bestandteil einer das Judentum überwindenden Assimilation. In jedem Fall folgte die Mischehe modernen Heiratsmustern und stellte einen Bruch mit der im 19. Jahrhundert noch weit verbreiteten Tradition der familiär- arrangierten Ehe dar. Die Religionszugehörigkeit der Kinder richtete sich zumeist nach der Konfession des Vaters, ganz im Gegensatz zur matrilinearen Definition des Judentums. So blieben immerhin ein Viertel aller Kinder aus Mischehen Juden. (S. 52) Einer allgemeinen Tendenz zur Christianisierung widerspricht außerdem die zunehmende Alternative der religiösen Indifferenz. In Mischehen spiegeln sich – über die Frage der Glaubensdifferenz hinaus – allgemeine Modernisierungsprozesse wie Säkularisierung und Individualisierung.

Tendenzielle Endogamie, Mischehe und gesellschaftliche Integration

Etwas ärgerlich ist, dass Meiring die unveränderte Tendenz des Judentums zur Endogamie mit einem unnötigen statistischen Trick zu belegen versucht, indem sie die Wahrscheinlichkeit einer endogamen Ehe mit dem Bevölkerungsanteil der Juden gleichsetzt. Folglich hätten 99% aller Juden eine Mischehe eingehen müssen. Da dies nicht geschah, sei die innerjüdische Verbindung weitgehend als Norm erachtet worden. (S. 100) Diese konstruierte Annahme berücksichtigt weder die Wohnsituation noch die Verkehrskreise, die konfessionsgleiche Verbindungen (nicht nur unter Juden, sondern auch unter den christlichen Konfessionen) wesentlich wahrscheinlicher machten als konfessionsverschiedene.

Mit Ausnahme der Beobachtung, dass Mischehen ein urbanes Phänomen waren (S. 97), bleiben regionale Unterschiede in Meirings Studie ausgespart. Ihr empirisches Material beschränkt sich auf Preußen und Hamburg. Zukünftige Studien sollten weitere Regionen ebenso vergleichend einbeziehen wie die Verhältnisse in anderen Ländern.

Anfechtbar erscheint Meirings Behauptung, dass Mischehen in der nichtjüdischen Öffentlichkeit kein Thema gewesen seien. Die Erkenntnis, dass christlich- jüdische Mischehen von allen Diskussionsteilnehmern zunehmend als Rassenfrage behandelt wurden, fällt eher beiläufig. Die Reethnisierung des Nationalismus seit Ende des 19. Jahrhunderts und die zunehmende rassentheoretische Fundierung des Antisemitismus weckten, zumindest in entsprechenden politischen Kreisen, sehr wohl ein gesteigertes Interesse an der Mischehenfrage. Meiring hat jedenfalls den innerjüdischen Diskurs ungleich gründlicher untersucht, als den christlichen. Darunter leidet auch die Plausibilität ihrer Hauptthese, die Mischehen als Symptom für die Ethnisierung des Judentums interpretiert, nicht aber als Indikator für Integration. (S. 10, 140) Wenn man gesellschaftliche Integration von Minderheiten nicht am Konnubium messen will, woran dann?

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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