
- Grabmal Bruder Tommasos - Frankel, The Damascus Affair, S. 380.
Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts hatte sich in Europa der christliche Volksglauben verbreitet, dass Juden geheimen Religionsvorschriften folgend von Zeit zu Zeit Christen entführten, folterten und töteten. Dies diene dem Zweck, in verhöhnender Art und Weise die Passion Christi nachzustellen und Christenblut für religiöse Rituale zu gewinnen. Humanismus, Aufklärung, Wissenschaftsdenken und moderne Rechtsprechung konnten seit Mitte des 16. Jahrhunderts die Blutbeschuldigung gegen die Juden zurückdrängen. Eingangs des 19. Jahrhunderts wurde sie in einigen Regionen noch von der katholischen Volksfrömmigkeit wach gehalten, von einer breiteren Öffentlichkeit hingegen nicht mehr geglaubt oder erhoben.
Das änderte sich mit dem angeblichen Ritualmordfall von Damaskus, der sich zu einer internationalen Affäre auswuchs. Über den Umweg des Orients, wo die Legende in einer islamischen Umgebung zuvor keine Rolle gespielt hatte, kehrte sie schlagartig in die Wahrnehmung der europäischen Öffentlichkeit zurück. Damaskus gehörte de jure zum Osmanischen Reich, wurde de facto aber von Ägypten regiert, das wiederum von seiner Schutzmacht Frankreich abhängig war. In der Stadt gab es eine christliche und eine jüdische Minderheit, die in eigenen Stadtvierteln lebten und um die Gunst der islamischen Herrscher wie der durch Konsulate vertretenen europäischen Schutzmächte wetteiferten.
Der Tod Bruder Tommasos und die Verfolgungen in Damaskus
Im Februar 1840 verschwanden der Kapuzinermönch Bruder Tommaso und sein Diener. Aus der christlichen Bevölkerung wurde der Verdacht eines „jüdischen Ritualmords“ erhoben. Die vom französischen Konsul de Ratti-Menton und vom ägyptischen Generalgouverneur Sherif Pasha geleiteten Ermittlungen konzentrierten sich ausschließlich auf diesen Verdacht, zumal Tommasos Leiche, die allerdings niemals zweifelsfrei identifiziert wurde, in der Kanalisation des Judenviertels entdeckt worden war. Zahlreiche Juden wurden verhaftet, darunter die Rabbiner der Gemeinde, prominente Geschäftsleute, aber auch einfache Dienstboten. Von den Gefangenen wurden zweifelhafte Geständnisse erfoltert, die weitere Verhaftungen und ähnliche Beschuldigungen an anderen Orten (zum Beispiel auf Rhodos) nach sich zogen. Vier Verdächtige starben an den Folgen der Folter. Die Verhängung der Todesstrafe gegen die übrigen Angeklagten galt als wahrscheinlich.
Beeinflusst durch Ratti-Menton veranlasste Sherif Pasha eine Disputation zwischen einem zum Islam konvertierten Juden und dem verhafteten Rabbiner Antebi über die Frage, ob der Talmud den Ritualmord an Christen gebiete. Diese ungewöhnliche Konstellation zeigt, wie sich die ursprünglich rein christliche Ritualmordlegende in der Damaskusaffäre auf die Muslime ausdehnte.
Reaktionen in Europa
Die Wahrnehmung der Damaskusaffäre in der europäischen Öffentlichkeit war geteilt. Sogar renommierte Zeitungen wie die Londoner Times spekulierten über einen Ritualmord, katholisch- ultramontane Blätter hielten ihn für erwiesen. Die deutsche Presse nahm zwar das westeuropäische Judentum gegen die Ritualmordbeschuldigung in Schutz, traute eine solche Tat aber den kulturell rückständigen osteuropäischen und orientalischen Juden zu. Als besonders fatal erwiesen sich die Haltung Frankreichs und des Vatikan. Der französische Premierminister Thiers präsentierte sein Land als Schutzmacht der ägyptischen Herrschaft über Syrien und verteidigte das Vorgehen seines Konsuls. Trotz internationalen Drucks verweigerte der Vatikan jegliche Stellungnahme gegen die Ritualmordlegende und zeigte sich von der Schuld der Juden überzeugt. Man ließ nicht einmal die Inschrift „assassinato dagl’ ebrei“ (von den Juden ermordet, siehe Bild) vom Grabstein Bruder Tommasos entfernen.
In Großbritannien, das mit Frankreich im Nahen Osten konkurrierte, bemühte man sich unter der Leitung von Außenminister Palmerston dagegen um eine Intervention zugunsten der Juden von Damaskus. Beeinflusst durch Nachrichten über die Anwendung von Folter und das skandalöse Verhalten des französischen Konsuls wandelte sich schließlich auch auf dem europäischen Kontinent die öffentliche Meinung, und es wurden Sympathiekundgebungen und Spendensammlungen für die verfolgen Juden organisiert.
Die Mission von Crémieux und Montefiore
Unterstützt von der britischen Regierung und dem Bankhaus Rothschild wurde im Sommer 1840 eine diplomatische Mission unter der Leitung von Adolphe Crémieux (1796- 1880) und Moses Montefiore (1784- 1885) zur Beilegung der Damaskusaffäre gestartet. Die Delegation ersuchte Pascha Muhammed Ali in Alexandria, Druck auf Damaskus auszuüben, um die Freilassung der Gefangenen und die Wiederaufnahme der Ermittlungen unter rechtsstaatlichen Bedingungen zu erreichen. Entscheidend für den Erfolg der Mission war letztlich die politische Großwetterlage. In einem Fünf- Mächte- Abkommen unter der Führung Großbritanniens war inzwischen die Wiederherstellung der osmanischen Herrschaft im Nahen Osten beschlossen worden. Als Muhammed Ali bemerkte, dass ihm die Franzosen im Falle der drohenden Militärintervention von Briten und Türken nicht zur Seite stehen würden, sah er sich zum Einlenken genötigt. Die Gefangenen in Damaskus wurden freigelassen. Allerdings kam es zu keinen neuen Ermittlungen oder Gerichtsverfahren mehr, die das Verbrechen hätten aufklären und die Beschuldigten rehabilitieren können. Im Dezember 1840 marschierten türkische Truppen in Damaskus ein.
Nachwirkungen
Die Schwierigkeiten bei der Bekämpfung der Beschuldigungen und Verfolgungen von Damaskus verdeutlichten, dass sich die Juden nicht allein auf die angestrebte rechtliche Gleichstellung in den europäischen Staaten verlassen konnten. In Frankreich war sie bereits 1791 erfolgt, dennoch spielte die französische Regierung eine unrühmliche Rolle in der Affäre. Als notwendig und erfolgreich hatte sich hingegen die internationale Selbstorganisation jüdischer Interessen unter dem Schutz einer europäischen Großmacht erwiesen.
Im Rahmen der Damaskusaffäre tauchten erstmals Vorstellungen von einem jüdischen Nationalismus und einer Wiederansiedlung in Palästina in der öffentlichen Debatte auf. Diese wurden allerdings weniger von jüdischer Seite als von restitutionalistischen Strömungen unter Anglikanern, Evangelikalen und Judenmissionaren vertreten. Sie deuteten die Rückkehr der Juden ins Heilige Land als Anbruch des Gottesreiches und der Endzeit. So erklärt sich die relativ große Bereitschaft in überwiegend protestantischen Ländern wie Großbritannien, USA und Preußen, sich mit den verfolgten Juden des Orients zu solidarisieren. Entscheidend für die Befreiung der Juden von Damaskus war jedoch, dass diese theologische Konstellation mit den außenpolitischen Interessen der Briten im Nahen Osten konform ging.
Die Damaskusaffäre sorgte für eine überregionale Popularisierung der Ritualmordlegende, die nur mit größter Mühe als unglaubwürdiges mittelalterliches Vorurteil entlarvt werden konnte. Gänzlich unbeeindruckt von allen Aufklärungsbemühungen zeigte sich die katholische Presse, die überall in Europa zum Hauptpropagandisten der Ritualmordlegende avancierte. Erstmals fand die Legende auch weite Verbreitung unter Muslimen, für die sie theologisch eigentlich bedeutungslos ist. Dennoch sind Vorstellungen vom „jüdischen Ritualmord“, bedingt durch die extreme Polarisierung im Nahostkonflikt, heute im Islam weiter verbreitet als im Christentum.
Literatur
Frankel, Jonathan, The Damascus Affair. “Ritual Murder”, Politics, and the Jews in 1840, Cambridge 1997.
Graetz, Heinrich, Geschichte der Juden. Von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Bd.11, Leipzig 1900, S. 479-516.
