Die DDR-Berichterstattung über den Reaktorunfall in Tschernobyl

Obwohl der DDR-Führung die Geschehnisse des Reaktorunfalls bekannt waren, wurden die Folgen bis zuletzt vertuscht und die Bürger bewusst getäuscht.

Was wirklich in der Nacht zum 26. April 1986 um 01:23 Uhr im Atomkraftwerk von Tschernobyl, einem kleinen Ort nördlich von Kiew in der Ukraine, passierte und vor allem, welche Folgen sich aus dem Reaktorunfall ergaben, wurde den DDR-Bürgern erst viel später offiziell mitgeteilt. Zunächst war Ziel der Informationspolitik, das Unglück so gut es ging zu verheimlichen und anschließend zu bagatellisieren.

Erst Tage nach dem Unfall wurden die Bürger der DDR offiziell informiert

„Havarie in ukrainischem Kernkraftwerk“ lautete am 29. April die 10 Zeilen kleine Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS, die in „Neues Deutschland“ abgedruckt wurde und die erste offizielle Meldung in der DDR über den Unfall war. Bereits einen Tag zuvor zitierte die ´Aktuelle Kamera´ diesen Text, der von TASS um 21:02 Uhr MESZ herausgegeben wurde, unkommentiert und an untergeordneter Stelle. Erst knapp drei Tage nach dem Unglück äußerte sich die Sowjetunion also offiziell zu dem Vorfall und öffnete ihre Nachrichtensperre unter dem Druck westlicher Vermutungen.

Viele DDR-Bürger waren zu diesem Zeitpunkt bereits durch die Westmedien informiert, dass etwas passiert war. Messungen von Wissenschaftlern in Schweden hatten den ersten Verdacht im Westen genährt, dass ein Unfall in der Sowjetunion passiert sein musste. Die sowjetische Staatsführung hielt sich jedoch zunächst mit konkreten Meldungen zurück, nur langsam kamen genauere Informationen an die Öffentlichkeit. Aus geheimen Protokollen geht hervor, dass die sowjetische Regierung Medien zur Vertuschung des Unglücks einsetzte, die über ein "normales Leben" um den Reaktor berichten sollten. Auch viele Regierungsmitglieder der SED dürften von der Meldung überrascht gewesen sein, dennoch gab es offizielle Kanäle.

Die Redaktionen der DDR mussten verharmlosende Agenturmeldungen übernehmen

Ratlosigkeit bestand auch bei vielen Redaktionsmitgliedern und Chefredakteuren. Diesen wurde vorgegeben, Ruhe zu bewahren und sich nicht vom "Klassenfeind" anstacheln zu lassen. In den folgenden Tagen wurden in den DDR-Medien dementsprechend verharmlosende Meldungen veröffentlicht, die für Ruhe unter den Bürgern sorgen sollten. Atomkraft-Experten der DDR bescheinigten in allen Medien die Ungefährlichkeit des Unfalls für die DDR-Bürger. Zugleich wurde der Westen beschuldigt, eine Hetzkampagne gegen den Osten zu starten.

So waren am 30. April in der „Berliner Zeitung“ (BZ) und in „Neues Deutschland“ (ND) erste verharmlosende Agenturmeldungen von TASS und ADN mit exakt demselben Wortlaut abgedruckt. Demnach wurden keine Strahlenwerte gemessen, die eine Gesundheitsgefährdung hervorrufen können. Am 1. Mai gab es im Fernsehen verhältnismäßig viele Berichte und sogar eine Sondersendung. Dort wurden die Agenturmeldungen aus Moskau vorgelesen und es äußerten sich zum ersten Mal DDR-Experten zu dem Thema.

Die DDR-Bürger wurden bewusst getäuscht

Erst am 2. Mai meldeten sich DDR-Experten auch in den Printmedien und beruhigten, dass keine Gesundheitsgefährdung bestehen würde und die Grenzwerte zu keinem Zeitpunkt erreicht wurden. Zum ersten Mal wurde nun auch auf technische Details des Reaktors eingegangen. Ebenso wurde immer wieder auf die Sicherheit der Reaktoren in der DDR verwiesen und auch eine Woche nach der Katastrophe kein Wort über eine eventuelle Gefährdung der Bevölkerung verloren. Vielmehr wurde in der Berliner Zeitung vom 2. Mai 1986 die Diskussion in Richtung der militärischen Nutzung der Atomtechnologie bei Atomwaffen (des Westens) abgelenkt, welche die eigentliche Gefahr darstelle. Inhaltlich federführend in allen Zeitungsausgaben waren die Feiern zum 1. Mai.

In den Ausgaben vom 3. und 4. Mai wurden zum ersten Mal konkrete Strahlenwerte vom 30.04. bis zum 02.05. veröffentlicht und diese für den Beweis der niedrigen Belastung herangezogen. Verschwiegen wurde allerdings, dass bereits seit dem 28.04. Werte gemessen wurden, die um das 1000-fache höher waren und auch nach dem 02.05. erneut um das 100-fache anstiegen. An dieser Stelle wurden die DDR-Bürger durch gezielte Auslassungen und ohne Rücksicht von der Partei – welcher die Ergebnisse bekannt waren – bewusst belogen und getäuscht.

Auch in Hintergrundberichten Tage nach dem Unfall wurden die Folgen vertuscht

Die Meldungen der Tage nach dem Reaktorunfall wiederholten insgesamt immer wieder, dass die Aufräumarbeiten gut und schnell voranschreiten und alle notwendigen Maßnahmen eingeleitet wurden sowie dass zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden hat. Zudem sollte durch den Besuch offizieller Personen im Unglücksgebiet und direkt bei Betroffenen die Fürsorge der Staatsführung zum Ausdruck gebracht werden. Gleichzeitig kam es vermehrt zu Meldungen über Zwischenfälle in anderen westlichen Kernkraftwerken. In keiner Meldung nach dem Unglück wurde allerdings mehr der Name des Reaktors in Tschernobyl – "W.I. Lenin" – genannt.

Eine erste längere Reportage aus der russischen Tageszeitung Prawda erschien am 7. Mai in der Berliner Zeitung. Dort wurde in zum Teil dramenhaftem Stil („die kühnen Männer bekämpften mutig den Brand“; „Die Radioaktivität wurde […] emporgeschleudert“) der Unfallablauf geschildert und die Leistungen der Helfer beschrieben. Statt die Zwangsverpflichtungen der Liquidatoren, die verantwortungslose Haltung der UdSSR und die Folgen für die Bevölkerung zu erwähnen, wurden jedoch die schnelle und professionelle Hilfe des kommunistischen Staates und der kameradschaftliche und freiwillige Einsatz der Genossen beschrieben.

Quellen:

  • Jaroshinskaja, Alla: Verschlußsache Tschernobyl. Die geheimen Dokument aus dem Kreml, Berlin 1994.
  • Beyer, Falk und Hartmann, Thomas (Red.): Tschernobyl und die DDR: Fakten und Verschleierungen – Auswirkungen bis heute?, Magdeburg 2003, S. 24-35.
Henrik Lührs, H. Lührs

Henrik Lührs - Jahrgang 1979. Nach dem Abitur 1998 Ausbildung zum Verkehrspiloten, seit 2002 Theorielehrer für verschiedene Fächer der Privat- ...

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