Die DDR ist zurück

Ob Nougatcreme, Cola, Schokokugeln, Spülmittel oder Knäckebrot

Klaus Erkenbrecher stellt  Liköre her - privat
Klaus Erkenbrecher stellt Liköre her - privat
Die längst vergessenen Produkte aus der Vorwendezeit verkaufen sich wie geschnitten Brot. Und nicht nur „drüben".

Das Klopapier der Deutschen Demokratischen Republik rollte einheitlich, ohne Lagen und ohne Perforation ab. Es bestach weiterhin auf fiese Weise durch eine hohe Reißfestigkeit, durch eingeschlossene Holzstückchen und durch eine dem Sandpapier (60er Körnung!) ähnliche Oberfläche. Kurzum: Kein Ossi war zu Wendezeiten traurig, dass es für immer verschwand. Das galt sicherlich auch für den „Dederon"-Einkaufsbeutel (aus Kittelschürzen genäht), für das Burger Knäckebrot („... trockener als alle Theorien des Marxismus-Leninismus") und für die „Club Cola".

Letzte Botschaft

Doch weit gefehlt. Bis auf die aus „DeDeRon" (dem Perlon ähnlich) gefertigte Shopping-Tasche ist (fast) alles wieder da. Die DDR lebt! „Ja klar. Sie ist ja auch staatsrechtlich nie aufgelöst worden", meint Sven Tkotz, der in Köln einen „Ossiladen" (geschützter Name) betreibt. Und Tkotz (sprich: „Teekotz") hat seinen Laden auch noch mit dem Zusatz „Letzte Botschaft der DDR" versehen. Die Club Cola verkauft sich laut Tkotz ebenso gut wie das einst so trockene „Burger Knäcke", das heute in einer GmbH von 120 Mitarbeitern von Erfolg zu Erfolg geführt wird. Die Firma aus Burg steht inzwischen Republik-weit als Nummer zwei da. Und die von den Wessis oftmals schon wegen ihrer Namen belächelten Produkte wie „Halloren" (Schokokugeln), „Nudossi" (Nougat-Creme), „Vita Cola" (Cola-Getränk) oder „Schlemmerliebling" (Nudeln) und „Fit" (Spülmittel) haben die Märkte aufgerollt, sind auf zweite oder gar erste Plätze vorgerückt, wenn bisher auch „nur" in den neuen Bundesländern.

Ostdeutsche Mangeloptik

Auf zehn Shops schätzt Tino Hempel, Ostwaren-Großhändler aus Eftenheim bei Leipzig und Eigentümer der Marke „Ossiladen“ (www.ossiladen.de), die Zahl der Geschäfte, die im Westen der Republik gezielt seine Produkte anbieten: Spreewalder Gurken, „Krügerol"-Hustenbonbons, „F6"-Zigaretten, „Florena"-Creme, Ketchup, Thüringer Bratwurst, „Zetti"-Knusperflocken, Dresdner „Russisch Brot", „Draufgänger"-Kräuterlikör, und so weiter, und so weiter. Hempel beliefert auch Sven Tkotz, der vor vier Jahren mit 20.000 geliehenen Euro anfing. Er steckte 10.000 Euro in die Renovierung seines 140 Quadratmeter großen Ladens („...alles in ostdeutscher Mangeloptik!") und 10.000 Euro in die Warenaustattung. Warenbestand: 80.000 Euro. Umsatz: 120.000 Euro. Das kann man schon einen kleinen Erfolg nennen. Wenngleich noch lange nicht alles rund läuft: „Ich bestelle zehn Kästen Club Cola und bekomme nur drei. Es ist wieder wie in der DDR. Ich muss die Kunden nach Hause schicken, weil keine Ware da ist!"

Sieg für Vita Cola

„Goldbrand", ein unter Erich Honecker legendärer Weinbrand-Verschnitt mit jetzt 32 Umdrehungen (damals 38 %), steht bei Tkotz selbstverständlich auch im Regal. Hergestellt wird er von Klaus Erkenbrecher und seinen zwei Mitarbeitern in der Likörfabrik Arno Bechmann (www.bechmann-likoere.de). „Ich habe eingeheiratet und führe die Tradition meines verstorbenen Schwiegervaters fort", erklärt der Mann aus Haina, der glaubt, dass Ost-Produkte deshalb einen Aufschwung erleben, „weil sie anders schmecken, besser nämlich. Den Asbach Uralt mag hier keiner, der ist zu holzig." 15.000 Flaschen seines „Goldbrand" setzt er jährlich ab, das Stück zu fünf Euro (DDR-Preis: 14,50 Mark). Ihm ist klar, dass dies Zahlen sind, die keinen Großen der Branche schockieren, aber die Original-DDR-Rezeptur seines Weinbrandes werde sich schon noch in größerem Maß durchsetzen. Den Unterschied zu anderen Bränden merke man schließlich erst am nächsten Tag. Erkenbrechers nicht alkoholisches Lieblingsgetränk: Vita Cola („Die ist nicht so süß"). Erkenbrecher steht mit seiner Meinung nicht allein - die Flasche mit dem unverfälschten Ost-Outfit hat sich in Thüringen gegen den amerikanischen Rivalen als Marktführer durchgeboxt und positioniert sich in den neuen Bundesländern insgesamt auf dem zweiten Platz.

Von Anno Tobak

Und die f6, Ossiglimmstengel von Anno Tobak, hat den Marlboro-Cowboy in den neuen Bundesländern glatt aus dem Sattel geschossen. Zur Packung (optisch weitgehend unverändert) greift die absolute Mehrheit der Bürger zwischen Saßnitz und Plauen. Das nennt man im Marketing-Deutsch Kannibalisierung. Die f6 haben sich nämlich ausgerechnet die Münchener von Philip Morris („Marlboro") unter den Nagel gerissen. Übrigens knattert die MZ (www.muz.de), das Motorrad, das keines war, auch wieder über die Straßen. Und nicht nur im Erzgebirge, wo sie herkommt, sondern auch zahlreich über die Landstraßen in den alten Bundesländern (Abverkauf der „125 SM" im Westen: 1.250 Stück). „In der 125er-Klasse sind wir im Osten Marktführer, bundesweit die Nummer zwei", freut sich MZ-Mann Carl Schmidt. Und die 1000 SF sieht laut Firmen-Beschreibung wie folgt aus: „Naked Bike im brutalen Street Fighter Look".

Michael Witt, Michael Witt

Michael Witt - Freier Journalist, Fotoreporter

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