
- Ist die Meinungsfreiheit im Internet zu beliebig? - Frederik Weitz
Einen Tag später "ruderte" (so die Metapher auf Welt online) der Innenminister allerdings zurück: Er plane keine Gesetzesnovelle. Dies wurde von der Internetgemeinde befürchtet. — doch warum? Schon letztes Jahr gab es diese Diskussion im Fahrwasser der von Udo Nagel und Stephanie zu Guttenberg moderierten Sendung "Tatort Internet". Wirkliche Konsequenzen hat es bisher keine gegeben.
Atlantis und Eigenverhalten
Friedrich kritisiert, dass sich manche Nutzer des Internets nur von Blog zu Blog hangeln und sich "nur noch in dieser geistigen Sauce" bewegen würden. Doch dieses Problem ist nicht neu: Schon Platon sprach von Atlantis; doch bisher wurde Atlantis nicht entdeckt. Trotzdem ist es ein feststehender Mythos geworden. Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann weist in seinem Buch "Die Realität der Massenmedien" darauf hin, dass wir alles, was wir über die Welt wissen, aus Massenmedien wissen (Seite 9). Und er fährt fort, dass man zwar jegliche Information (nicht nur die im Internet) mit einem Manipulationsverdacht versehen kann, aber trotzdem an solche Informationen anschließen muss.
Zudem lehnt Luhmann Verschwörungstheorien ab, die behaupten, Massenmedien würden von "geheimen Drahtzieher im Hintergrund" (Seite 10) gesteuert. Eher handele es sich ein Eigenverhalten der Massenmedien, das heißt eine durch Rückgriff auf bereits vorliegende Schriften erzeugte Stabilisierung. — Experimente, wie zum Beispiel das von Stalins Badewanne, zeigen, wie sich eine frei erfundene Tatsache im Internet aufbauscht. Der Begriff des "Eigenverhaltens" weist darauf hin, dass sich solche Effekte nicht mehr unter Kontrolle bringen lassen, auch dann nicht, wenn der Urheber des Scherzes (wie das bei Stalins Badewanne gewesen ist) zugibt, dass es reine Erfindung war.
Kommunikationsmöglichkeiten: Überschuss und Selektion
Das Internet gehört deshalb zu den Massenmedien, weil keine Interaktion zwischen Sender und Empfänger stattfindet. Als Interaktion bezeichnet Niklas Luhmann, wenn neben dem sprachlichen Verhalten von Menschen auch deren nonverbales Verhalten beobachtet wird. Dies ist allerdings nur möglich, wenn sich die Körper der Beteiligten in Sichtweite befinden. "Durch die Unterbrechung des unmittelbaren Kontaktes [der Interaktion] sind … hohe Freiheitsgrade der Kommunikation gesichert. Dadurch entsteht ein Überschuss an Kommunikationsmöglichkeiten …" (Seite 11). Dieser Überschuss zwinge zu einer scharfen Auswahl der folgenden Kommunikationen. So kombiniert das Internet zugleich Freiheiten und Zwänge. Die Freiheiten liegen in der Struktur, die Zwänge im Prozess, oder anders gesagt: Es liegt unglaublich viel frei zugängliche Information vor, aber man kann sie nur nacheinander wahrnehmen.
Dauerirritation und Realitätsverlust
Dem Internet wird gerne der Verlust der Realität vorgeworfen. Es ist allerdings fraglich, ob dies wirklich ein Kriterium ist. Aus der Neurophysiologie wissen wir, dass das Gehirn sich seine Realität ebenfalls "zusammen bastelt". Es kann ja auch gar nicht anders sein: Stellen Sie sich einfach vor, dass Ihr Auge alles, was Sie sehen, in unzählige Nervenimpulsen auflöst. Dies sind nur elektrische Ladungen. Und trotzdem "sehen" wir die Welt, "so wie sie ist". Nicht anders, nämlich ohne Kontakt zu einer objektiven Wirklichkeit, funktioniert das Internet.
Es gibt noch eine andere Parallele zwischen Gehirn und Internet, die der Dauerirritation. Der Anglizist Dietrich Schwanitz ("Bildung. Alles, was man wissen muss") beschrieb diese Tatsache folgendermaßen: "Nimm einem System seine Probleme und es gerät in die Krise". Das Gehirn sucht nach solchen Irritationen und nutzt dazu die Sinnesorgane. — Auch die Massenmedien sind auf solche Dauerirritation angewiesen. Luhmann schreibt: "Ihre Präferenz für Information, die durch Publikation ihren Überraschungswert verliert, also ständig in Nichtinformation transformiert wird, macht deutlich, dass die Funktion der Massenmedien in der ständigen Erzeugung und Bearbeitung von Irritation besteht — und weder in der Vermehrung von Erkenntnis noch in einer Sozialisation oder Erziehung in Richtung auf Konformität mit Normen." (Seite 174)
Funktion des Gedächtnisses
Komplexe Systeme bauen ein Gedächtnis auf. Gedächtnisse sind nicht vorrangig dazu da, Erinnerungen aufzubewahren, sondern um Stabilität und Wechsel zu beobachten. Stabil ist die Vergangenheit, weil man glaubt, dass die Tatsachen genauso vorliegen, wie sie gewesen sind. Da hilft auch das Wissen um die konstruktiven Leistungen unseres Gehirns wenig. Die Zukunft dagegen ist wandlungsfähig und ermöglicht Wechsel. In diesem Sinne kann man auch sagen, dass alles, was stabil ist, Vergangenheit ist, und das alles, was wandlungsfähig ist und Irritationen bereithält, Zukunft. Genau diese Trennung (die natürlich reine Konstruktion ist) leisten Gedächtnisse (Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1, Seite 576-594).
Struktur des Gedächtnisses
Gedächtnisse haben aber auch eine interne Struktur, die sich darüber ausbildet, was als besonders stabil gilt und was als besonders wandlungsfähig. Es gibt also eine graduelle Einteilung von Informationen nach Stabilität oder Wandlungsfähigkeit. Dabei können Informationen mit weniger Stabilität eher zur Veränderung freigegeben werden als Informationen mit viel Stabilität. Und das heißt nichts anderes, als dass aus der Vergangenheit (wieder) eine Zukunft gemacht wird. Im betreffenden Gedächtnis eines Systems. Andere Gedächtnisse können dies selbstverständlich anders einschätzen.
Das Gedächtnis des Internets
Das Gedächtnis des Internets ist strukturarm. Es besitzt wenig Einteilungen, welche Vergangenheiten besonders stabil sind und welche Zukünfte besonders wandlungsfähig. Dies kann man auf der einen Seite daran sehen, dass es im Internet zahlreiche und widersprüchliche Aussagen zu vergangenen Ereignissen gibt und wenig Kontrolle (aber auch wenig Disziplinierung) der Überprüfbarkeit. Und genauso gibt es keine Regeln, was in der Zukunft zum Beispiel erfolgreich ist; man spricht dann vom Überraschungserfolg und kann sich diesen nicht erklären.
Meinungsfreiheit im Internet
Der Begriff der Meinungsfreiheit bezeichnet ein Phänomen, das sich auf Wandlung eingestellt hat. Damit ist nicht der Wandel der eigenen Meinung gemeint, sondern dass die Gesellschaft sich davon überraschen lässt, dass diese oder jene Meinung offensichtlich existiert. Die Meinungsfreiheit bezieht sich auf Zukunft und sichert sich (im Idealfall) durch Begründung ab, das heißt durch Nachweis von stabilen Informationen, beziehungsweise Vergangenheit. Strukturarme Gedächtnisse, wie das des Internets, liefern dazu wenig Hinweise. Damit wird die Begründbarkeit von Meinungen unsicher, um nicht zu sagen: beliebig. — Hans-Peter Friedrich empfiehlt der Internetgemeinde Reflexion. Reflexion ermöglicht Strukturbildung und damit ein gutes Systemgedächtnis. Es bleibt aber fraglich, ob das Internet überhaupt ein strukturiertes Gedächtnis braucht, oder ob es nicht gerade die Leistung des Internets ist, der Gesellschaft ein schlechtes Gedächtnis zu liefern.
Literatur
- Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1998
- Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996
