Die deutsche Nordseeküste 1933-1945

Reiseführer über Geschichte sind meist Gratwanderungen. Hier liegt ein gelungenes Werk über die Nordseeküste, über Hamburg und Bremen von 1933 bis 1945 vor.

Das Buch ist gerade nicht der Anzeigenfriedhof mit flachverkleidetem Sponsoring, wie wir ihn von allzuvielen Reiseführern kennen. Wer sich mit Tourismus oder der Freude am Reisen und Entdecken befasst, erkennt bald: Es gibt sogenannte Reiseführer als öde Anzeigenfriedhöfe mit flachverkleidetem Sponsoring – oder echte, sachgerechte Informationen. Von Baedecker sind wir beste Qualität gewöhnt: Der Reiseführer von Martin Kaule über die Nordseeküste 1933 bis 1945 steht dem als Themenführer jedoch in nichts nach.

Nichts für (nachgeborene) alte Kameraden...

Helgoland ist mehr als eine Erholungsinsel. Auch mehr als eine Festung seit der Zeit des Erwerbs durch Deutschland. Helgoland ist auch der Maulbeerbaum, der alle Beschießungen und Sprengungen überlebte. Ein Symbol des Neuanfangs, der Schöpfung. Womit gleich klargestellt ist, dass Martin Kaule nicht für (nachgeborene) „alte Kameraden“ schreibt. Kaule erhellt düstere Zeiten, ohne ihnen einen falschen Glorienschein zu verpassen. Ihm ist eine beachtliche Gratwanderung gelungen.

Reiseführer mit Hintergründen

Was war einmal streng geheim? Was ist an Industriebauten, an Wohnbauten, Militär- und Verkehrsanlagen jener Zeit noch übrig geblieben? Die U-Boot-Bunker werden dabei genauso behandelt und sachlich dargestellt, wie über Lebensborn-Heime und Konzentrationslager. Der Reiseführer gibt Hintergründe preis: Zum „Reichskolonialehrenmal“, zum „Anti-Kolonial-Denk-Mal -Elefant“.

Orte der Geschichte, Biographien, Schicksale

Überhaupt wird umfassend und sachlich über Hintergründe informiert, welche sicherlich vielen Lesern gar nicht bekannt waren, bei anderen ein erkennendes „Aha-Erlebnis“ auslösen. Die eingefügten, grundlegenden Informationen passen sich gut in ein Gesamtkonzept ein, welches sich durch reichliche Verwendung zeitgenössischer Originaldokumente positiv hervorhebt. Gegenübergestellt wird gelungen der heutige Zustand der Orte der Geschichte. Angenehm auch, dass durch kurze Biographien die Orte auch mit Personen und Schicksalen verknüpft werden. So bleibt Geschichte nicht trockene Information, sondern wird klar, lebendig, erfassbar und auch nachfühlbar.

Keine falsche Glorifizierung

Das Werk zeichnet sich durch die unverzichtbar notwendige Sachnähe und Sachkunde aus, zugleich aber auch durch die notwendige Distanz zu Ereignissen und Orten, welche erwähnt werden müssen, ohne sie falsch zu glorifizieren. Wer Glorifizierungen des Bösen – auch in subtilster Form – sucht, wird von diesem Buch enttäuscht sein. Wer des Nachdenkens werte Fakten und Informationen, in sinnvolle Zusammenhänge gesetzt, sucht, der wird hier fündig. Zu Themen wie Atlantikwall und Friesenwall genauso, wie zu Fragen geheimer Forschungs- und Wissenschaftsanlagen, zu Orten der Verfolgung, Unterdrückung und Unmenschlichkeit. Karten runden die Spurensuche ab, die uns helfen will, sich sachgerecht und umfassend dem düstersten Kapitel deutscher Geschichte, ja der Weltgeschichte, zu näheren. Wohl werden wir durch diese Hilfe die Fakten erfassen, die Schrecken aber nie der Unvorstellbarkeit entreißen können. Selbstverständlich sind in diesem Buch auch Hamburg und Bremen, als zwei der bedeutendsten Städte des deutschen Nordens, umfassend und prägend dargestellt.

Gute Wahl für seriöse Information

Wer sich mit der Nordseeküste und ihrer Geschichte in der dunkelsten Zeit auseinandersetzen und seriöse Informationen erlangen will, der trifft mit dem Buch von Martin Kaule „Nordseeküste 1933-1945 mit Hamburg und Bremen“ eine gute Wahl, die er nicht bereuen wird.

Das Buch, erschienen 2011 im Ch. Links Verlag mit der ISBN 978-3-86153-633-8 ist eine taschenfreundliche Klappbroschur die auf 128 Seiten 189 Abbildungen und zahlreiche Karten bietet. Ladenpreis Euro 14,90 (D),Euro 15,40 (A), sfr 27,90 (CH).

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