Die deutsche Schere: Geld für Reiche, Altruismus für Arme

Die Schere öffnet sich weiter  - Gisela Peter / pixelio.de
Die Schere öffnet sich weiter - Gisela Peter / pixelio.de
Während die hohen Einkommen „massiv entlasten" werden, wächst der Niedriglohnsektor und die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander.

Seit den 1990er Jahren beobachtet man in Deutschland eine „Prekarisierung“ von Lebensverhältnissen (prekär - unsicher, unbeständig, schwierig, misslich). Die Schere geht weiter auseinander. Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher. Was bedeutet das für eine Gesellschaft?

Geld oder christlicher Altruismus?

In einer Gesellschaft geht es um den richtigen Platz, um die Anerkennung, um die Zugänge zu Positionen und um die Macht. Dort, wo man sich über Leistung angeblich beschreibt, entscheidet im Wesentlichen das Geld über die Stellung in der Hierarchie. In dieser Hinsicht verfährt man eigentlich schizophren: Nach oben wird die Leistung nur im Geld ausgedrückt, nach unten aber appelliert man ideologisch über die Bedeutung der Arbeit als solcher (und am besten umsonst?) und vergisst man auf einmal das Leistungsinstrument. Es wird nach zweierlei Maß gehandelt: Die Reichen tun es immer fürs Geld, die Armen sollen aus christlichem Bedürfnis nach Altruismus arbeiten.

Wie Gustav Horn, deutscher Wirtschaftsforscher und Autor des Buches "Wie die Ungleichheit unser Land ruiniert", in einem Interview für news.de bemerkte, sei für derartige Entwicklung besonders die Deregulierung des Arbeitsmarkts verantwortlich. Der Niedriglohnsektor habe sich ausgebreitet, der Lohndruck reiche „bis in die Mittelschicht, deren Einkommen im Vergleich mit der Oberschicht deutlich zurückgegangen ist“. Zusätzlich wirken sich verschiedene Arbeitsmarktmaßnahmen (wie Ein-Euro-Jobs) und die Aufstocker mit Hartz IV auch lohnsenkend aus. Gleichzeitig werden hohe Einkommen „massiv entlastet“.

Leistung und Verantwortung

Die mit der Leistung verbundene Verantwortung wird auch eher bei den Untertanen angefordert und kontrolliert. Die Vorstände und Aufsichtsräte können zwar ihre Positionen bei groben Verfehlungen verlieren, ums Geld müssen sie sich dennoch nicht kümmern: Es wird ihnen in Form von verschiedenen Abfindungen nachgeworfen. Kein Wunder: Sie bewegen sich in einem geschlossenen „Freundeskreis“, wo eine Krähe der anderen kein Auge auspickt. Jene männlichen Gremien wehren sich bis heute erfolgreich gegen eine Frauenquote. Aus einem guten Grund: Frauen hätten bestimmt die herrschenden alten Sitten (die beispielsweise die Affäre um Ergo bezeugt) zerstören können.

Die Mär über kommunistische Verhältnisse

Wer gegen diese Verhältnisse protestiert und auf die Gefahren solch einer Entwicklung hinweist, wird schnell in die linke Ecke gestellt und des Kommunismus verdächtigt. Es ist eine stets wiederholte und eine wirklichkeitsfremde Mär, dass man im Kommunismus die unteren Schichten besonders gut behandelt und gleich bezahlt hätte. Im Gegenteil: Die breiten Massen lebten in bitterer Armut; nur eine dünne Schicht profitierte von diesem System. Daher erhoben sich Arbeiter regelmäßig gegen Preiserhöhungen (staatlich geregelt), die ihre bloße physische Existenz bedrohten.

Entscheidet hierzulande wirklich die Leistung?

Richtet sich aber diese Gesellschaft nach Leistung? Vetternwirtschaft, Bezüge für Vorstände, die jegliche Beziehung zur Realität verloren haben, Schwarzarbeit, Mafia, Korruption das sind keine Begriffe aus fernen Ländern oder Epochen, sondern aktuelle Massenphänomene, die die Politik zwar namentlich erwähnt, aber wenig dagegen tut und sich am liebsten hilflos zeigt. Die oberen Schichten müssen auch keine rechtlichen Schritte von unten fürchten: Den Gang vor Gericht können sich die „prekären Bürger“ nicht leisten. Die Gerechtigkeit ist eine teure Angelegenheit und nichts für Arme. Zwar dürfen sie eine Prozesskostenhilfe beantragen, aber jene müssen sie später in Raten abbezahlen. Wer wird sich unter diesen Umständen darauf einlassen?

Demokratie ohne Vertreter der „Überflüssigen“?

Die Armen scheinen für die Gesellschaft überflüssig zu sein. Sie dürfen wählen, aber nicht mitentscheiden. Daher verzichten sie oft auf das zweifelhafte Privileg und meiden ganz den Gang zu Wahlen. In der sogenannten repräsentativen Demokratie findet man kaum Vertreter der prekären Schichten unter den Abgeordneten. Es wird über ihre Köpfe hinweg entschieden, ohne sie in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Ihre Bürgerrechte erscheinen daher ziemlich begrenzt und Freiheiten deutlich geschnitten.

Bildnachweis: Gisela Peter / pixelio.de

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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