Gute Vorsätze zu haben ist nicht gerade verkehrt, sie zu äußern dagegen gefährlich. Erstens, weil dann jeder weiß, dass man sie bisher nicht gehabt hat. Zweitens, weil man von nun an daran gemessen wird, ob man sie auch einhält. Warum man sie dennoch äußert? Wahrscheinlich, weil man irgendwie von sich selbst begeistert ist und die Welt daran teilhaben lassen möchte. Und weil man vergisst, dass man manchmal zwischen erstens und zweitens aufgerieben werden kann. Und dann bleibt nichts mehr, als achselzuckend einzugestehen, dass man etwas, was an und für sich selbstverständlich ist, zu spät erkannt hat und dann auch noch daran gescheitert ist. Aber man ist ja kein Philosoph und schweigt deshalb nicht.
Vom Wunsch nach Dialogizität
Wem dies etwas kryptisch vorkommt, dem sei die aufrichtige Bereitschaft des Verfassers versichert, mit ihm in einen Dialog treten zu wollen. Darauf kommt es schließlich an. Viele Missverständnisse erschweren völlig überflüssig die Aussicht auf das eigentliche Ziel normaler Kommunikation – wechselseitige Anerkennung, gegenseitiges Verständnis, perfekter Konsens. Wenn es uns nur gelingt, über unseren Schatten zu springen und ein wenig guten Willen aufbringen, dann kommt dieser Dialog zustande. So schwer ist es manchmal, so einfach zu handeln.
Dialog als Schlüsselbegriff der Unternehmenskommunikation
Kein Wunder, dass Parteien und Unternehmen dieses simple Rezept dank tätiger Mithilfe ihrer Berater verinnerlicht haben und nun mit kommunikativ ausgebreiteten Armen in die Welt gehen, um diese zu umschlingen. Mit einem gewissen melodramatischen Gestus hat die PR vor einigen Jahren ihr professionelles Selbstverständnis auf den Begriff Dialog konzentriert und damit unter der Hand eingeräumt, dass ihre Kritiker zumindest für die Jahre zuvor vielleicht doch nicht ganz Unrecht gehabt haben, die ihr eine ausbaufähige Glaubwürdigkeit attestierten. Denn das Gegenstück, der Monolog, erfreut sich immer noch ungebrochener Beliebtheit, verstellt er doch die unangenehmen Aussicht, auf ein Gegenüber zu stoßen, das nicht nur zu dumm ist, sein Unrecht anzuerkennen, sondern auch das zu erkennen. Und in der monologischen Phase der Parteien- und Unternehmenskommunikation ging es, wie der dramatische Begriffswandel nahelegt, ebenfalls nur darum, dem Wähler oder dem Kunden seine Sicht der Dinge, die Wahrheit natürlich, eben mitzuteilen. Ohne Widerrede. Aber jetzt ist ja alles anders. Wir haben verstanden. Nun ja, wenigstens zum Teil. Selbstverständlich ist man immer noch im Recht und führt nur Gutes im Schilde, aber nun soll das auch erkannt werden. Wähler und Kunden sollen sich nicht einfach informiert fühlen, sondern überzeugt werden. Und dazu braucht man eben eine andere Strategie als reine Verlautbarungen. Etwas Wechselseitiges, Kommunikatives – einen Dialog eben.
Von der Unberechenbarkeit dialogischen Handelns
Die Wertschätzung der Kommunikation gehört wohl zu den frappantesten Paradoxien in der an Irrtümern nicht eben armen Menschheitsgeschichte. Und wo anders als im Dialog, der gesitteten Form gemeinsamen Sprechens, sollte sich die Vision einer verbindenden Harmonie auch verwirklichen? Deshalb wollen alle, die etwas von anderen wollen, in einen Dialog treten. Der Dialog zwischen Philosophen, der Dialog zwischen den Kulturen (welchen eigentlich?), den Religionen, der Dialog zwischen Politiker und Bürger, der Dialog zwischen Unternehmen und Zielgruppen, der Dialog zwischen den Generationen. An Bereitschaft, Schallwellen in die Atmosphäre zu entsenden, fehlt es nirgends. Eigenartigerweise stellt sich bei näherem Hinhören der Eindruck ein, dass die kommunikativ behandelten Probleme von wahrhaft hydraartigem Charakter sind; kaum hat man mit Müh und Not eines unter Kontrolle gebracht, hat man damit gleich das nächste erzeugt. Die gute alte Wendung von dem einen Wort, welches das andere ergibt, sollte die Bereitschaft zur Dialogführung sehr ernst nehmen und sich Erkenntnisse aus der Paartherapie zu Herzen nehmen, nach der der Wunsch nach perfekter Partnerschaft im Verlauf zu dem nach perfekter Trennung mutiert. Denn arglose Gruppen, die sich unversehens in den Rang eines Gesprächspartners erhoben sehen, entwickeln die mitunter recht anstrengende Angewohnheit, diesen Status auch dann noch behaupten zu wollen, wenn auf der Seite des Dialoganbieters die Neigung zu herrschaftsfreiem Austausch schon schmerzhaft nachlässt – weil er sein Ziel für erreicht hält. Wer auch immer Kommunikation anregt, befindet sich in der Lage des Zauberlehrlings, der die gerufenen Geister eben nicht mehr herauskomplimentieren kann. Außerdem liegt die Gefahr nahe, dass man genau das Gegenteil dessen erreicht, was man mit dem Dialogangebot bezweckte; der Partner beharrt auf seiner Meinung und weigert sich hartnäckig, sich überzeugen zu lassen. Die Enttäuschung forciert den Ton, und aus dem Dialog wird unversehens ein Streitgespräch. Und erst dann erinnert man sich vielleicht daran, dass absolutes Einverständnis (oder auch absolutes Desinteresse an den Plänen des anderen) immer stillschweigend ist. Erst dann dämmert es, was Konsens im Normalfall schon von Anfang an ist, bevor man ihn als Dialog herbeizwingen will: begründeter Dissens.
Und so ergibt die dialogische Phase der PR dann doch noch Sinn; man hält den Kunden bei der Stange, indem man ihn die Erfahrung machen lässt, dass er das empfohlene Gespräch doch bitte schön nicht gerade jetzt abbrechen kann. Besser morgen. Und morgen ist nie.
