Das kleine, an der schleswig-holsteinischen Westküste gelegene Bauernland Dithmarschen hatte sich im 13. Jahrhundert von fürstlicher Oberherrschaft befreien können. Seine freistaatliche Unabhängigkeit konnte das Land bis zur Letzten Fehde 1559 behaupten. Die damals etwa 30.000 Dithmarscher galten als besonders treue Anhänger der römisch-katholischen Glaubens. In kirchenrechtlicher Hinsicht unterstanden sie der Aufsicht des Hamburger Domkapitels. Seit dem 15. Jahrhunderts war es wiederholt zu heftigen Spannungen zwischen der Bauernrepublik und dem hamburger Domprobsten gekommen, die schließlich zum radikalen Bruch führten.

Marienland und Domkapitel

Die Dithmarscher pflegten ein außerordentlich inniges Verhältnis zur Heiligen Jungfrau Maria, die sie sogar zu ihrer Landespatronin machten. Die stark ausgeprägte Verbundenheit zum katholischen Glauben stand in einem gewissen Missverhältnis zu der geringen politischen Bedeutung der kirchlichen Amtsträger. Das das Kirchenregiment in Dithmarschen ausübende Hamburger Domkapitel und die örtlichen Priester waren im Selbstverständnis der sich selbst regierenden dithmarscher Bauern lediglich für die Seelsorge zuständig und hatten sich aus der Politik heraus zu halten.

Konfliktauslöser: Besetzung der Pfarrstellen und Klosterprojekt

Die im Spätmittelalter allgemein übliche Praxis, im Rahmen der Ämterhäufung Pfarrstellen nicht durch die eigentlich eingesetzten Priester betreuen zu lassen, sondern diese Aufgabe niederen Geistlichen zu übertragen, stieß bei den Dithmarschern auf heftigen Unmut. Sie erwarteten für ihre nicht unerheblichen Abgaben an den hamburger Domprobsten solide Seelsorge.

Dieser Grundkonflikt wurde durch das Lundener Klosterprojekt verschärft. Die Dithmarscher hatten vor der Schlacht bei Hemmingstedt (1500) geschworen, im Falle eines Sieges über die dänisch-holsteinischen Fürsten der Heiligen Jungfrau zum Dank ein Kloster zu stiften. Nach dem die dithmarscher Unabhängigkeit sichernden Sieg gründeten die Dithmarscher in Hemmingstedt ein Frauenkloster, das aber wohl mangels Interesse der dithmarscher Frauen am Nonnenleben bald wieder geschlossen werden musste.

In einem zweiten Anlauf, das fromme Versprechen einzulösen, wurde 1513 der Bau eines Franziskaner-Klosters in Lunden beschlossen. Der Hamburger Domprobst sah sich übergangen und in seinen Rechten beeinträchtigt. Er versuchte das Klosterprojekt zu unterbinden. Die durch das Gremium des 48er-Rats repräsentierten Dithmarscher erklärten den Klosterbau zur Landessache. Sie versicherten sich 1516 der Unterstützung von Papst Leo X. in dieser Angelegenheit: Das Kloster wurde errichtet. Die Oberaufsicht wurde nicht dem Domkapitel übertragen, sondern einem auswärtigen Gremium.

Gründung der Landeskirche 1523

Nach dieser Machtprobe war die Autorität des Domkapitels in Dithmarschen auf den Nullpunkt gesunken. Dompröbstliche Visitatoren, die sich noch nach Dithmarschen wagten, wurden verjagt.

Im August 1523 wurde der Bruch besiegelt. Die Dithmarscher gründeten ihre eigene Landeskirche. Verwaltung und Aufsicht des Kirchenwesens oblag den Kirchspielen. Mit der damals die katholische Welt erschütternden reformatorischen Entwicklungen hatte die Loslösung nichts zu tun: Der dithmarscher Landesbeschluss stellte ausdrücklich fest, dass am alten Glauben fest zu halten sei.

Heinrich von Zütphen 1524

Bereits ein Jahr nach ihrer Gründung musste die Dithmarscher Landeskirche ihre erste Krise durchstehen. Der niederländische Ex-Mönch Heinrich von Zütphen, ein Anhänger der neuen lutherischen Lehre, war 1524 auf Einladung von Kirchspielsoberen nach Meldorf gekommen, um dort zu predigen. Einerseits waren die Kirchspiele in lokalen Kirchenangelegenheiten autonom, andererseits verstieß das Meldorfer Vorgehen gegen den Landesbeschluss.

Das Dilemma wurde mit Gewalt gelöst. Zütphen-Gegner aus Norderdithmarschen stellten einen Haufen aus mehreren hundert aufgehetzten Bauern auf und verschleppten Heinrich aus Meldorf nach Heide. Dort wurde dem Reformator unter fragwürdigen Umständen der Prozess gemacht. Heinrich von Zütphen endete am 11. Dezember 1524 auf dem Hinrichtungsplatz.

Sieg der Reformation 1533

Dieses blutige Ereignis hat aber die Reformation in Dithmarschen nur kurz aufhalten können. Trotz heftigen Widerstandes der Anhänger des alten Glaubens bekannte sich ein Kirchspiel nach dem anderen lutheranisch. 1533 wurde die Reformation durch Landesbeschluss offiziell eingeführt. Die evangelische Landeskirche Dithmarschens wurde von einem Kollegialorgan, dem vier Superintendenten angehörten, geleitet und unterstand der Oberaufsicht des 48er-Rats.

Kampf gegen Nemede und Blutrache

Die eng mit der weltlichen Obrigkeit verbundene evangelische Geistlichkeit profilierte sich insbesondere in dem äußerst kontrovers geführten Streit um die Abschaffung der altertümlichen dithmarscher Rechtsbräuche Blutrache und Nemede (Eideshilfe).

Diese von den Pastoren als unchristlich bekämpften Rechtsinstitute waren wegen ihres überlebt archaischen Charakters auch vielen, in moderneren Kategorien denkenden, weltlichen Angehörigen der dithmarscher Elite ein Dorn im Auge. Andere Dithmarscher allerdings hielten zäh an den überlieferten insbesondere die Stellung der „Geschlechter“ genannten Familiarverbänden stützenden Rechtstraditionen fest. Zwar wurde die Nemede 1537 und die Blutrache 1540 tatsächlich abgeschafft, die Umsetzung des Verbots aber nur zögerlich umgesetzt.

Ende der Landeskirche 1559

Mit dem Ende der Dithmarscher Bauernrepublik nach der Niederlage gegen die dänisch-schleswig-holsteinischen Fürsten in der Letzten Fehde 1559 war auch das Ende der Dithmarscher Landeskirche gekommen. Sie wurde in die schleswig-holsteinischen Kirche eingegliedert. Heute sind die dithmarscher Kirchengemeinden in den zur Hamburg und Schleswig-Holstein betreuenden Nordelbischen Kirche gehörenden Kirchenkreisen Süder- und Norderdithmarschen organisiert.

Literatur :

Reimer Hansen, Marienland Dithmarschen. Die Mutter Gottes als Schutzheilige der Bauernrepublik,in: Geschichte und Museum. Festschrift fur Nis Rudolf Nissen ( hrsg. v. Silke Göttsch u.a) Kiel 1995

Volker Schulte-Umberg, Die Verselbständigung der Dithmarscher Kirche in vorreformatorischerZeit, in : Zeitschrift Dithmarschen Heft 2/1973