
- Frauen mit und ohne Kopftuch in Berlin Kreuzberg - Marta Kudratova
"Und sprich zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham bewahren, ihren Schmuck [ihre Reize] nicht offen zeigen, mit Ausnahme dessen, was sonst sichtbar ist. Sie sollen ihren Schleier auf den Kleiderausschnitt schlagen und ihren Schmuck nicht offen zeigen, [...]" (Koran, Sure 24,31).
Die Einhaltung zweier Regeln wird von einer ehrenhaften Frau, einer Frau mit einem guten namus, im Islam erwartet; sexuelle Reinheit vor und Treue in der Ehe, sowie schamhaftes Verhalten allgemein. Die erste Regel lässt sich leicht erklären: Bis zur Eheschließung sind einer Frau jegliche sexuellen Kontakte oder Handlungen untersagt. Nach ihrer Heirat muss die Frau ihrem Ehemann sexuell treu sein. Die Vorschrift der Schamhaftigkeit hingegen ist komplexer. Es gibt drei Verhaltensmuster, die eine Frau als ehrenhaft ausweisen:
Die Bedeutung der Haare
Das weibliche Haar wirkt nach muslimischer Vorstellung auf Männer erotisierend. Da es einer Frau untersagt ist ihre sexuellen Wünsche zu offenbaren, darf sie ihr Haar in der Öffentlichkeit nicht zeigen. Traditionell erzogene Frauen halten ihr Haar deshalb bedeckt. Mit dem Eintreten in die Ehe ändert sich der weibliche Status- es ist nun gestattet einen Pony unter dem Kopftuch zu zeigen. Im Alter darf eine Frau ohne Kopfbedeckung auftreten. Ihr steht es frei, das Haar zu färben und offen zu tragen.
Neben dem Haupthaar hat auch die Achsel- und Schambehaarung eine tragende Bedeutung; beides muss regelmäßig entfernt werden. Diese Vorschrift gilt auch für Männer, denn sie dient der Hygiene und der Entfernung des Zweideutigen und Ambivalenten. Das Geschlecht wird so sauber und klar erkennbar.
Die Bedeckung des Körpers
Die islamische Tradition fordert von der Frau die Bedeckung ihres Körpers in einer Weise, die die weiblichen Attribute nicht betont. Außer den Händen und dem Gesicht ist der Körper vollständig zu bekleiden. Mädchen sollten ab dem elften bis zwölften Lebensjahr ein Kopftuch tragen, wobei es vorgeschrieben ist, das Haar darunter auf keinen Fall offen zu lassen. Diese strengen Kleidervorschriften sind jedoch eher in den arabischen Ländern als in der Türkei üblich.
Schamhaftigkeit in Sprache und Gestik
Von einer Frau wird in geschlechtsheterogenen Gruppen ein zurückhaltendes Verhalten erwartet. Leises Sprechen ist für sie in Männer dominierten Gruppen selbstverständlich, ebenso unaufdringliche Gestik. Wenn sich eine Frau und ein Mann auf der Straße begegnen, so grüßen sie sich nicht, sondern senken ihre Blicke, kreuzen sich ihre Wege, so lässt die Frau den Mann passieren. Es ist üblich, Feierlichkeiten geschlechterhomogen zu vollziehen oder in verschiedenen Räumen zu tanzen. Insgesamt gilt hier jedoch ähnlich wie bei den Haaren: Zunehmendes Alter bedeutet zunehmende Freiheit. Älteren Frauen ist es gestattet, mit Männern zu diskutieren oder gar obszöne Witze zu erzählen.
Die Ehre des Mannes
Die Ehre des Mannes ist an das Verhalten seiner Ehefrau gekoppelt und an das der anderen weiblichen Familienangehörigen. Konkret gilt ein Mann als ehrlos, wenn seine Frau beleidigt wird und er nicht extrem empfindlich reagiert. Anders gesagt sind die Kennzeichen eines ehrenhaften Mannes Selbstbewusstsein, sowie Verteidigung und Sicherheit seiner Familie. Ein ehrenhafter Mann steht klar und offen zu seinem Wort. Stärke, Virilität und Härte gehören zu seinen Eigenschaften.
Die Wahrung der Ehre der weiblichen Familieangehörigen betrifft auch die Ehre des Mannes als Familienoberhaupt. Ein Ehebruch seitens der Ehefrau befleckt somit nicht nur ihre, sondern ebenso seine Ehre, da der Mann seine Gattin nicht von ihren Taten abhalten konnte; die Gemeinde verschmäht den Mann in einem solchen Fall als zu schwach für seine Aufgaben. Seine Ehre betreffend, muss der Mann unversöhnlich sein. Härte zeigt er aber auch innerhalb seiner Familie: Zeichen der Zuneigung oder gar Zärtlichkeiten werden mit Schwäche gleichgesetzt. Dies kann sich sogar in väterlicher Ignoranz gegenüber den männlichen Nachkommen manifestieren. Hier liegt die Vorstellung zugrunde, dass Intimität verschleiert werden muss, da sie ein Geheimnis darstellt. Die Wahrung desselben zählt zu den Aufgaben des Familienoberhauptes. Alle organischen Funktionen, insbesondere Affekte und Gefühle, sind Teil dieser zu verschleiernden Intimität und können deshalb nicht offenbart werden.
