Editor's Choice

Die Eichenkreuzburg in Bissendorf-Wietze

Der Freiluftaltar der Eichenkreuzburg - Elietta Becker
Der Freiluftaltar der Eichenkreuzburg - Elietta Becker
Seit 1928 steht circa 20 Kilometer nördlich von Hannover ein Symbol für die Standhaftigkeit und Freiheit der Jugend: die Eichenkreuzburg.

Der hannoversche Stadtteil Vahrenwald war in den 1920er Jahren geprägt durch die Arbeiterschaft, insbesondere durch die Conti-Werke. Freizeitbeschäftigungsmöglichkeiten für Jugendliche waren kaum vorhanden.

Idee und Bau der Eichenkreuzburg

Nach der Loslösung von der Hainhölzer Gemeinde entstand 1922 die Kirchengemeinde Vahrenwald unter der Leitung von Pastor Denker, der im Jahre 1925 einen eigenen Jungmännerverein gründete, der jungen Männern diverse Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung bot, wie beispielsweise sportliche Aktivitäten und Musikgruppen. Trotz der hohen Arbeiteranzahl in Vahrenwald stammten die Mitglieder überwiegend aus bürgerlichen beziehungsweise kleinbürgerlichen Verhältnissen. Im August übernimmt Pastor Wilhelm Brase die Leitung des Vereins, der zu diesem Zeitpunkt bereits über 300 Mitglieder aufweist. Im Dezember desselben Jahres erhält er den Namen "Jünglingsverein Eichenkreuz".

Pastor Brases Wunsch war es, die Jugendlichen dem "schändlichen Einfluss der Großstadt" zu entziehen und ein Landheim irgendwo im Grünen zu bauen. Ein passendes Grundstück war schnell gefunden: nördlich von Hannover, in einem Landschaftsschutzgebiet zwischen der Wedemark und Langenhagen. Dieses Grundstück wurde mit Hilfe privater finanzieller Mittel hannoverscher Geschäftsleute gekauft; im Februar 1926 traf der Gemeinderat den Beschluss, eine Jugendburg zu bauen. Etwas mehr als ein Jahr später, im Mai 1927, fand die Grundsteinlegung statt. Der Bau der Burg war relativ kostengünstig; Mitglieder der Gemeinde und des Jünglingsvereins halfen tatkräftig bei der Errichtung mit. Darüber hinaus wurden die Steine der ehemaligen Zeppelinhalle (die nach dem Versailler Vertrag von 1918 als Rüstungsgut galt und dadurch abgerissen werden musste) zum Bau verwendet. Das Gebäude wurde im Stil einer Jugendburg errichtet; eine in sich geschlossene, 25 mal 15 Meter große, rechteckige Anlage, die teilweise von einem Burggraben umschlossen wurde. Die Holzbrücke zum Eingangsportal erinnert an eine Zugbrücke aus der Ritterzeit, ebenso wie eine kleine Mauer mit angedeuteten Zinnen. Ein 12 Meter hoher Turm, der wie ein Bergfried aussieht, komplettiert das Bild dieser Burg.

Im September 1928, nach etwas mehr als einjähriger Bauzeit, wurde die Jugendburg Eichenkreuz, wie sie genannt wurde, eingeweiht.

Die Eichenkreuzburg zur Zeit des NS-Regimes

In den ersten Jahren ihres Bestehens wurde die Burg zu den Zwecken genutzt, für die sie errichtet worden ist: der Jünglingsverein traft sich dort zu Aktionen und Freizeitbeschäftigungen, Erwerbslosenfreizeiten wurden durchgeführt, ebenso Seminare und Gemeindeveranstaltungen. Besonders beliebt waren die Ausflüglergottesdienste, die Pastor Brase von einer kleinen steinernen Kanzel neben dem Burggelände aus hielt. In Scharen strömten die Gläubigen dorthin, um ihre Gottesdienste zu feiern.

Doch das friedliche Leben währte nicht lange. Ab dem Jahre 1932 kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Hitlerjugend, die die Burg für ihre persönlichen Zwecke nutzen wollte. 1935 versuchten die Mitglieder der Hitlerjugend, das Gebäude zu stürmen, was ihnen aber misslang. Während der folgenden Jahrzehnte wurden in Gemeindekreisen immer wieder Anekdoten über dieses Ereignis erzählt. Demnach kletterten die braun gekleideten Angreifer von außen an den Wänden der Burg hoch, um durch die Fenster ins Innere zu gelangen. Die Mitglieder des Jünglingsvereins hingegen schlugen mit allem, was sie spontan fanden, auf die Hitlerjugend ein: mit Schuhen, Möbelstücken, Töpfen... Schließlich siegten sie.

Da Kircheneigentum von den Nationalsozialisten eingenommen wurde, behielt Pastor Brase aus Angst vor Enteignung durch die Partei die Burg in seinem Privatbesitz, vereinzelt wurde sie dennoch zu Kriegszwecken genutzt: in ihrer näheren Umgebung waren einige Flaks in Stellung gebracht, des Weiteren befanden sich Scheinwerfer auf dem Turm. Im Großen und Ganzen überstand die Eichenkreuzburg den Zweiten Weltkrieg unbeschadet; lediglich die Fenster und Türen wurden zerstört.

Die Eichenkreuzburg in der Nachkriegszeit bis 2001

Bis zum Jahre 1952 waren in der Burg Flüchtlinge untergebracht. Ein eigens für diesen Zweck eingesetzter Burgvogt kümmerte sich um den Zustand und den Erhalt des Gebäudes, bis 1957 der evangelisch-lutherische Stadtkirchenverband Hannover diese Aufgaben übernahm. Doch auch der konnte nicht verhindern, dass die Burg immer mehr verfiel und verwahrloste. Dazu kam, dass sich Anwohner über die Lautstärke der Mitglieder kirchlicher Jugendgruppen, Schulklassen oder Pfadfinder beschwerten, die dort ihre Freizeit verbrachten. All dies führte dazu, dass 1958 die Burg komplett gesperrt wurde. Die allseits beliebten Ausflüglergottesdienste, die nach Kriegende wieder abgehalten wurden, fanden noch ein weiteres Jahr statt. Mit dem Ausscheiden Pastor Brases aus der Kirchengemeinde 1959 endeten auch sie.

In den folgenden Jahren fanden kleinere Renovierungsarbeiten statt. 1966 ging die Eichenkreuzburg in den Besitz des evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverbandes über, dennoch dauerte es noch acht weitere Jahre, bis sie saniert und ein Bettenhaus angebaut wurde. Bereits kurz nach ihrer Wiedereröffnung war sie schnell ausgebucht. Schulklassen und Kindergärten nutzen sie genauso für ihre Freizeiten wie auch Jugend- und Konfirmandengruppen. Aufgrund ihrer wunderschönen Lage mitten im Wald wurde sie wieder zu einem beliebten Ort für kirchliche Jugendarbeit. Die häufige Nutzung des Gebäudes führte zwangsläufig dazu, dass eine erneute Sanierung unvermeidlich war.

Die Nutzung der Eichenkreuzburg ab 2001

Im Jahre 2001 wurde das Bettenhaus komplett saniert und die Burg behindertengerecht umgebaut. Der Turm, der jahrzehntelang den Witterungseinflüssen ausgesetzt gewesen war, erhielt im folgenden Jahr eine Sanierung. 2003 erfolgte schließlich die Renovierung der Seminarräume, des Rittersaals sowie des Burghofes; hölzerne Anbauten vergrößerten die Aufnahmekapazitäten der Burg. Darüber hinaus wurde ein kleiner Raum eingerichtet, der als Kapelle genutzt werden kann. Die Eichenkreuzburg verfügt nun über Übernachtungsmöglichkeiten für 35 Personen, die in Einzel- und Mehrbettzimmern wohnen können, sowie zwei Gruppenräume, einen Tagungsraum und eine Küche, in der sich die Gäste selbst verpflegen.

Die heute als Tagungs- und Seminarhaus für Jugendarbeit des Stadtkirchenverbandes Hannover genutzte Burg erfreut sich immer noch großer Beliebtheit - nicht zuletzt aufgrund ihres riesigen Außengeländes, welches sich optimal für Freizeitaktivitäten nutzen lässt. Der vor über 80 Jahren gefasste Plan, junge Leute heraus aus der Großstadt und hinein ins Grüne zu bringen, hat nichts von seiner Attraktivität verloren; Hannovers Jugendliche des 21. Jahrhunderts finden die Burg einfach nur "cool". Aber auch für viele andere Menschen bietet die Eichenkreuzburg ein beliebtes Ausflugsziel bei Wanderungen oder Radtouren. Überzeugen Sie sich selbst!

Quellen:

my-heimat.de

evangelische-jugend-hannover.de

kirche-hannover.de

Elietta Becker, Elietta Becker

Elietta Becker - Ich möchte mich kurz vorstellen: Ich bin Mitte 30 und lebe in der Nähe von Hannover. Nach dem Abitur habe ich Germanistik, ...

rss