Die Eifersucht aus psychoanalytischer Sicht

Eifersucht gehört laut Freud zu den Wahnformen - Frederik Weitz
Eifersucht gehört laut Freud zu den Wahnformen - Frederik Weitz
Eifersucht erregt seit langer Zeit die Aufmerksamkeit von Psychologen. Sigmund Freud verband diese mit der Homosexualität, Jacques Lacan nicht.

Immer wieder gehen Nachrichten von Aufsehen erregenden Eifersuchtsmorden durch die öffentliche Presse. Aber auch die teilweise wahnhafte Leidenschaft, mit der manche Jugendliche ihre Idole verehren und sogar verfolgen, wird in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert. Wie aber kann man sich Eifersucht erklären? Seit über 100 Jahren existiert ein klassischer Aufsatz zur wahnhaften Eifersucht. Er stammt von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse. Der Titel lautet "Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiografisch beschriebenen Fall von Paranoia" (in: Gesammelte Werke VIII, Seite 239-320).

Verleugnung der Homosexualität

In diesem berühmten Aufsatz zum Fall des Gerichtspräsidenten Schrebers systematisiert Freud die unterschiedlichen Formen der Paranoia, indem er ihnen ein und dieselbe Ursache unterstellt, die Verleugnung von homosexuellen Regungen. Diese unterschiedlichen Formen der Paranoia sind der Verfolgungswahn, der Eifersuchtswahn, der Liebeswahn und der Größenwahn. Der Verfolgungswahn zum Beispiel verleugnet die homosexuellen Regungen folgendermaßen: statt sich die (verbotene) Liebe einzugestehen, wird diese in ihr Gegenteil verkehrt. Statt die Person zu lieben, wird sie gehasst; statt diese Person zu bedrängen, glaubt der unter Verfolgungswahn Leidende, dass der andere ihn bedrängt oder ihn sogar verfolgt.

Eifersucht als homosexuelle Regung

Auch die Eifersucht kann so als homosexuelle Regung beschrieben werden: Sie projiziert den Wunsch des Geschlechtsverkehrs auf eine andere Person und bestraft diesen scheinbaren Wunsch durch Abwertungen und grausames Verhalten. So finden sich in der (krankhaften) Eifersucht zwei typische Mechanismen: einerseits wird die verbotene Triebregung nicht sich selbst, sondern einer anderen Person zugesprochen; andererseits werden strafende Forderungen des Über-Ichs dadurch abgemildert, dass diese nicht nach innen gewendet bleiben (dies würde zu einer Form des Masochismus führen), sondern nach außen gewendet werden. Die Eifersucht sagt also: "Nicht ich möchte mit diesem Menschen schlafen, sondern du. Nicht ich muss dafür bestraft werden, sondern du."

Wen der Eifersüchtige liebt: den Doppelgänger

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat in einem Aufsatz den berühmten Fall eines wahnhaften Doppelmordes aus Eifersucht untersucht, der damals (1932) ganz Frankreich erschütterte. Zwei Hausangestellte, die Schwestern Papin, hatten ihre Arbeitgeberin und deren Tochter auf besonders grausame Art und Weise umgebracht. Lacan greift hier auf Freuds Arbeit zurück, führt hier aber eine entscheidende Veränderung ein. Der Eifersuchtswahn begehre nicht die homosexuelle Beziehung, sondern eine Beziehung zu jemanden, der seinesgleichen sei.

Diese Formulierung ist entscheidend. Denn es gehe nicht darum, was in der Gesellschaft üblicherweise als seinesgleichen gilt, sondern was sich der Eifersüchtige selbst darunter vorstellt. Der Paranoiker liebt, hasst, verfolgt oder fühlt sich verfolgt durch sich selbst, in Form eines Doppelgängers. Dies kann aus der Eifersucht leicht nachvollzogen werden: "Nicht ich darf so behandelt werden, also behandle ich andere auf diese Art und Weise." Für den Eifersüchtigen und seine inneren Spannungen bedeutet dieses Ausagieren an einem Doppelgänger eine Form des psychischen Überlebens. Für den oder die Betroffene sind die Auswirkungen natürlich fatal.

Der Sturz des Ideals

Lacan geht aber noch einen Schritt weiter und bestimmt diesen Doppelgänger als ein Ich-Ideal. Indem der Eifersüchtige dieses Ich-Ideal in einem anderen Menschen materialisiert, macht er dieses behandelbar und sich selbst handlungsfähig. Denn das eigentliche Problem der Eifersucht besteht, wie oben beschrieben, in einer strafenden Instanz des Über-Ich, mit der der betreffende Mensch nur schwer umgehen kann. Diese Instanzen des Über-Ichs sind psychische Rückstände von Erziehungspersonen; häufig findet man in der Kindheit von paranoiden Menschen schwere Bestrafungen und Beschämungen durch diese. Das Kind versucht nun gleichzeitig diese Erziehungspersonen zu lieben und mit dem Bestrafungen zurechtzukommen und findet häufig keine andere Lösung, als die Bestrafung selbst und die Folgen zu verdrängen. In diesem Sinne sind alle Formen des paranoiden Wahns der Versuch, alte und schwerwiegende Wunden in den Griff zu bekommen, allerdings an den falschen Personen, zu der falschen Zeit und mit den falschen Mitteln.

Plötzliche Heilung: die Re-Inszenierung des Traumas

Schon Lacan hat das Phänomen der plötzlichen Heilung ausreichend bemerkt; und auch heute findet man Eifersuchtsmorde, deren Täter hinterher tiefste Zerknirschung und Reue zeigt. Dazu schreibt der französische Psychoanalytiker: "Jedoch, mit dem selben Schlage, der sie schuldig macht vor dem Gesetz, hat Aimée [so heißt die betreffende Patienten Lacans] sich selber geschlagen und verspürt, sobald sie dessen inne wird, die Befriedigung des vollbrachten Begehrens: der nutzlos gewordene Wahn verfliegt. Die Natur der Heilung zeigt, so will uns scheinen, die Natur der Krankheit an" (zitiert nach Borch-Jacobsen 1999, Seite 37 f.). Und in einem anderen Aufsatz über die psychische Kausalität erklärt er, dass der Paranoiker eine solche Reaktion von seiner Umwelt erzwingt, dass er selbst bestraft wird. In diesem Fall hat der Paranoiker also eine wahrscheinlich in der Kindheit erfahrene Behandlung seiner Umgebung erneut aufgezwungen, um sie diesmal ganz bewusst und vor allem mit dem Bewusstsein seiner eigenen Schuld erleben zu können. Man spricht hier von einer Re-Inszenierung des Traumas.

Literatur:

  • Freud, Sigmund: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiografisch beschrieben Fall von Paranoia. in: Gesammelte Werke VIII, Frankfurt am Main 1999, Seite 239-320
  • Borch-Jacobsen, Mikkel: Lacan — der absolute Herr und Meister. München 1999
Frederik Weitz, Frederik Weitz

Frederik Weitz - "Ich denke gern." hat der französische Philosoph Michel Foucault mal gesagt. Das ist zwar nicht mein einziges Lebensmotto, aber ...

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