Editor's Choice

Die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in der DDR

Jugendwerkhof und Spezialkinderheim Zschöppichen - Michael Voigt
Jugendwerkhof und Spezialkinderheim Zschöppichen - Michael Voigt
Der Begriff Kinder- und Jugendhilfe hatte im Erziehungssystem der DDR eine gänzlich andere Bedeutung als heute. Manches davon bedarf noch der Aufarbeitung.

Wenn Freunde der Boulevard-Medien am Stammtisch über „die heutige Jugend“ debattieren, findet sich oft recht schnell ein Konsens: Selbstverständlich sind die Erziehungsmethoden viel zu lasch geworden. Sogar Ohrfeigen sind ja mittlerweile verboten! Manche Zeitgenossen schwärmen deshalb von den Boot-Camps in den USA, wo aufmüpfige Jugendliche zur Räson gebracht werden. Wer solche Forderungen erhebt, übersieht allerdings, dass es ganz ähnliche Einrichtungen schon einmal auf deutschem Boden gegeben hat. Sie gehörten zur so genannten Kinder- und Jugendhilfe der DDR.

Kinder- und Jugendhilfe der DDR: Wegsperren, was nicht passt

Diese Bezeichnung hätte allerdings kaum irreführender sein können, denn echte Hilfe gewährte jene Institution in der Regel kaum. Stattdessen setzte man die so genannte Schwarze Pädagogik um: Die Erziehungsarbeit basierte auf Willensbrechung, Zwang, Isolation und Gewalt. Der Grund dafür war die sozialistischen Ideologie selbst. Nach jener sollte der Sozialismus eine stetige Verbesserung des Menschen bewirken. Je länger die DDR also existierte, umso mehr positive Wesensgleichheit hätte es theoretisch geben müssen. Die Realität sah jedoch anders aus. Daher wurden Kinder und Jugendliche, die nicht ins sozialistische Bild passten, zwecks Isolation und Umerziehung weg gesperrt. Dafür konnte eine politisch andere Meinung ebenso ausreichen, wie Schulschwänzerei oder Verhaltensauffälligkeiten, die heute schlichtweg als ADHS diagnostiziert werden. Die Kinder- und Jugendhilfe der DDR war organisatorisch dem Volksbildungsministerium unterstellt. Für die Erziehungsmethoden in den verschiedenen Einrichtungen trug somit Volksbildungsministerin Margot Honecker selbst die Verantwortung. Sie war die Ehefrau des langjährigen Staats- und Parteichefs Erich Honecker und lebt heute weitgehend unbehelligt in Südamerika.

Die Durchgangsheime: typischer Beginn einer „Heimkarriere“

Wer in die Fänge sozialistischer Umerziehung geriet, kam nicht selten zunächst in ein Durchgangsheim. Von Durchgang im wortwörtlichen Sinn konnte allerdings keine Rede sein. Die so genannten D-Heime verfügten nach Berichten Betroffener über Mauern, Gitter und zellenähnliche Unterkünfte. Im Durchgangsheim verblieb ein Insasse so lange, bis er in eines der zahlreichen Spezialheime überstellt wurde. Jene unterteilten sich in zwei Gruppen: Kinder kamen in Spezialkinderheime, so genannt, um sie gegen „normale“ Kinderheime abzugrenzen. Jugendliche hingegen wurden in die Jugendwerkhöfe überstellt.

Spezialkinderheime mit klingenden Namen

Die in Spezialkinderheimen untergebrachten Kinder hießen im Volksmund schlicht „Schwererziehbare“, ein Stigma, mit dem Betroffene bis heute zu kämpfen haben. Die Einrichtungen trugen klingende Namen wie „Weiße Taube“ oder „Frohe Zukunft“. Andere waren nach sozialistischen Persönlichkeiten benannt. Von den Vorgängen in den Heimen verrieten diese Namen nichts. Es soll zu Prügelstrafen und medikamentöser Ruhigstellung gekommen sein. Um den Kontakt mit Außenstehenden zu vermeiden, gab es sogar internen Schulunterricht. Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang allerdings auch, dass der Alltag in solchen Einrichtungen stark durch das jeweilige Personal geprägt wurde. So gab es durchaus Erzieher, die sich trotz des gegebenen Umfeldes ihren Anstand und ihre pädagogische Motivation bewahrten.

Das System der Jugendwerkhöfe

Die vom Staat angestrebte Ausformung zu sozialistischen Persönlichkeiten vollzog sich für Jugendliche ab einem Alter von ungefähr 14 Jahren in den Jugendwerkhöfen. Neben politischer Indoktrination erhielten die Insassen eine Ausbildung zum Teilfacharbeiter, welche aufgrund der simplen Tätigkeiten und der hohen Leistungsnormen im Prinzip eine Art Zwangsarbeit darstellte. Wer sich in diese Bedingungen nicht fügte oder gar Fluchtversuche unternahm, wurde zur Disziplinierung in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau verbracht, dessen bloße Erwähnung bereits Unbehagen auslöste.

Die Spuren der Heimkinder

Heute muss man sich schon ein wenig anstrengen, um die Stätten des verborgenen Leids zu finden. Mancher Uneingeweihte ahnt allerdings nicht , wie viele Einrichtungen der sozialistischen Kinder- und Jugendhilfe er möglicherweise bereits unbewusst gesehen hat. In Städten sind dies mitunter unscheinbare Gebäude, im ländlichen Raum hingegen Schlösser oder mittlerweile zu Ruinen gewordene, ehemalige Gutshäuser. Hunderte dieser Einrichtungen gab es. Nur wenige von ihnen erinnern allerdings heute an die Opfer. Jene selbst schweigen hingegen nicht. In zahlreichen Internetforen tauschen sich Betroffene mittlerweile aus. Ihr Kampf gegen das Vergessen und um Rehabilitierung wurde bestärkt, als das Bundesverfassungsgericht im Mai 2009 ein entsprechendes Urteil fällte.

Quellenauswahl:

Gedenkstätte GJWH Torgau

Homepage Wasserschloss Klaffenbach

Website ehemaliger Jugendwerkhof-Insassen

Bundeszentrale für politische Bildung

Michael Voigt, Copyright: Michael Voigt

Michael Voigt - Hallo, lieber Leser! Vielen Dank für Dein Interesse an mir und natürlich an meinen Texten!!! Sicherlich möchtest Du nun ...

rss