"Die Eisenbahnbrücke von Argenteuil" von Claude Monet

Claude Monet:
Claude Monet: "Eisenbahnbrücke bei Argenteuil" - Unbekannt (Gemeinfrei!)
Claude Monet, die Symbolfigur des Impressionismus, suchte seine Motive oft bei der Eisenbahn. Die „Eisenbahnbrücke von Argenteuil" ist ein Paradebeispiel

Frankreich im Jahre 1871: Die Dritte Republik hat das Erbe Napoleon III angetreten und steht vor den Trümmern des zweiten Kaiserreichs. Zu ihrem „Erbe“ gehört nicht nur ein verlorener Krieg, sondern auch Zerstörungen und Verwüstungen im gesamten Nordosten des Landes. Viele Verkehrswege sind unterbrochen – so auch die Bahnstrecke von Paris Saint Lazare nach Le Havre: Die Verteidiger von Paris haben die Seine-Brücke bei Argenteuil (Aaschentöhl gesprochen) gesprengt, um die Deutschen an der Umzingelung von Paris zu hindern.

Und während viele Anhänger Napoleons und der Monarchie verbittert die Koffer packen und nach England oder Amerika ins Exil gehen, kehren viele Demokraten und andere Oppositionelle ebenso in die Heimat zurück wie zahllose Kriegsflüchtlinge. Zu letzteren gehört ein noch eher unbekannter Maler aus Le Havre, namens Claude Monet. Er nimmt Wohnung in Argenteuil und wird hier über 170 Bilder malen – darunter viele, die ihn berühmt machen werden. Der Neubau der „Eisenbahnbrücke von Argenteuil“ ist eines davon.

Die Eisenbahn von Paris nach Le Havre

Die Eisenbahn von Paris „Saint Lazare“ über Rouen nach Le Havre wurde 1837 von der "Chemin de Fer de l´ Ouest" (Westbahn) begonnen und immer weiter ausgebaut. Waren die Gleise erst den Bögen der Seine gefolgt, wurden ab 1860 mehrere Brücken geschlagen. 1863 entstand die erste Eisenbahnbrücke von Argenteuil, die eine der Seine-Kurven überflüssig machte und die Fahrzeit um 10 Minuten abkürzte.

Eine immer schnellere Zugverbindung war vonnöten, weil in Le Havre die Atlantikdampfer aus England anlegten, ehe sie nach Amerika fuhren – erst in um 1920 wurde Le Havre zu klein und die Dampfer liefen Cherbourg an. Übrigens fuhren die Züge dorthin ebenfalls von Saint Lazare durch Argenteuil. - Ein zweiter Grund war das Militär. Die Armee wünschte eine möglichst rasche Anbindung der Normandie-Küste, falls es irgendwann mal wieder Krieg gegen Großbritannien geben sollte. Eisenhowers D-Day 1944 war nicht die erste Normandie-Invasion, seine Vorgänger hießen Edward III und Heinrich V!

Argenteuil: Aufblühende Landgemeinde und Treffpunkt der Impressionisten

Durch die Eisenbahnstrecke profitierte die Stadt Argenteuil in mehrfacher Hinsicht. So kamen aus der Metropole immer mehr Menschen auf ihrem Sonntagsausflug in die Stadt, da es hier noch erholsame Natur gab. Umgekehrt zogen immer mehr gutverdienende Zeitgenossen aus Paris aufs Land, um den Bahnhof von Argenteuil als Berufspendler zu nutzen. Drittens begann sich hier im Dunstkreis der Eisenbahn erste Industrie anzusiedeln, was neue Arbeitsplätze und Steuereinnahmen zur Folge hatte. Die Gießerei Joly etwa errichtete das berühmte eiserne Zeltdach im Bahnhof „Saint Lazare“, als dieser 1853 vergrößert werden musste.

Dieser Gegensatz der erholsamen Natur einerseits und der wachsenden Industrie andererseits lockte ab 1860 eine ganze Maler-Generation nach Argenteuil, deren Kunst mit der Zeit immer mehr von den althergebrachten Formen abweichen sollte. Dem Beispiel Edouard Manets folgend, malten sie lieber stimmungsvolle, aber „sinnentleerte“ Stadt- und Landschaftsansichten mit viel Farbe und wenig Konturen, statt anhand der festumrissenen Linien offizieller Schule eine „Geschichte“ zu erzählen, wie es die Historiengemälde taten. Anspielend auf Monets Gemälde „Eindruck eines Sonnenaufgangs“, schimpften die Kritiker Jahre später auf die „Impressionisten“ im Sinne von „Eindruck-Schindern“: Leuten, die nicht anständig malen könnten und damit auch noch öffentlich hausieren gingen...

Die Eisenbahn: Ein Thema nicht nur für Claude Monet

Doch nicht nur die Impressionisten, auch andere Künslter entdeckten in jener Epoche die Eisenbahn, Symbol des Fortschritts schlechthin, als Sujet für ihre Arbeit. Nie zuvor war der Mensch so viel gereist, wurde so viel Fracht transportiert, waren so große Gebäude und, in ihrem Schatten, so schnell neue Stadtviertel und Wohngebiete entstanden. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Eisenbahn war so international wie die Eisenbahn selbst.

William Turner verherrlichte sie in „Rain, Steam and Speed“, während Adolph Menzel sich mit der Landschaftsveränderung durch die „Berlin-Potsdamer Eisenbahn“ befasste. Und auch die Strecke von Paris Saint Lazare nach Le Havre sollte ab 1880 noch zu literarischem Weltruhm gelangen: Auf diesen Gleisen spielt nämlich Emile Zolas Welterfolg „La Bète Humaine“ (Bestie Mensch) um den leidenschaftlichen, aber von Depressionen gequälten Lokführer Jacques Lantier.

Die Eisenbahnbrücke von Argenteuil (1873)

Monets Die Eisenbahnbrücke von Argenteuil entstand 1873 und zeigt den gerade vollendeten Neubau: Eine moderne Beton- und Stahlkonstruktion, die aus vier Doppelpfeilern mit Fachwerk-Trägern besteht. Die beiden Züge auf der Brücke (es handelt sich um eine zweigleisige Konstruktion) werden von der Wand des Trägers fast verborgen. Der Betrachter sieht nur Waggon-Dächer und den qualmenden Schornstein einer Lok, während von dem anderen Zug kein Dampf zu sehen ist. - Dieser Widerspruch ist schnell erklärt: Monet malte das Bild vom rechten Seine-Ufer aus, auf dem sich auch der Bahnhof von Argenteuil befindet. Der qualmende Zug hat den Bahnhof gerade verlassen und macht „Dampf auf“, um zu beschleunigen; der andere Zug hat die Ventile gedrosselt und lässt sich vom letzten Schwung in den Bahnhof hinein tragen.

Wichtigster „Nebendarsteller“ auf dem Bild sind die Segelboote auf dem Fluss. Monet will mit ihrer Nähe zur Brücke darauf hinweisen, dass die Segelboote, Besitz der Ausflügler aus der Hauptstadt, erst mit der Eisenbahn nach Argenteuil kamen. Auch die im Wortsinne „gut betuchten“ Zeitgenossen am Ufer, die die Szene betrachten, sprechen für den Wohlstand, der durch die Eisenbahn nach Argenteuil kam.

Werdegang von Argenteuil und dem Gemälde

Die Schattenseiten der neuen Zeit zeigt dieses Bild allerdings nicht: Gleich im Rücken des Malers, auf dem rechten Seine-Ufer, reckten sich die lokalen Industrieanlagen in den Himmel. Schon fünf Jahre später zog es Monet fort, weil die Industrie die Landschaft um Argenteuil förmlich verzehrte. Hundert Jahre später, um 1965, konstatierte ein Kunsthistoriker, dass in diesem „Industrievorort von ausgesuchter Hässlichkeit und Vernachlässigung … vom Paradies der Impressionisten nichts übrig geblieben“ sei. Heute ist Argenteuil eine restlos zugebaute Großstadt von 102 000 Einwohnern, die um die Jahrtausendwende vor allem durch ihre restriktive Vertreibung von Obdachlose und Bettlern Schlagzeilen machte.

Das Bild befindet sich seit über hundert Jahren in wechselndem Privatbesitz und wurde 1988 mit 41 Millionen Dollar gehandelt.

Literatur: John Rewald, „Geschichte des Impressionismus“, Köln 1979;

(c) Unbekannt (Gemeinfrei!)

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Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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