Am 14. Juni 1923 wird die englischsprachige Künstlerin und Schriftstellerin deutscher Herkunft Judith Kerr 89 Jahre alt. In England wie in Deutschland ist sie vor allem als Kinderbuch-Autorin bekannt. Bücher wie "Der Tiger kommt zum Tee" oder die Abenteuer des schusseligen Katers Mog haben schon ganzen Generationen von Vier-bis Sechsjährigen Spaß gemacht. Berühmt wurde sie allerdings durch ihre autobiographische Triologie zum Holocaust. In "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", "Warten auf den Frieden" und "Eine Art Familientreffen" schildert Judith Kerr anschaulich die Flucht aus Nazi-Deutschland und das Leben einer Emigrantenfamilie aus der Sicht des Kindes, der späteren Jugendlichen und der jungen Erwachsenen Anna. Mit zirka 1,8 Millionen verkauften Exemlaren ist die Triologie mittlerweile ein Jugendbuch-Klassiker, in den Schulen wird der erste Band häufig als Unterrichts-Lektüre genutzt.

Alle drei Bände erschienen in den 70er Jahren des 20.Jahrhunderts und beschreiben das Leben der kleinen Anna und ihrer Familie. Die kleine Anna ist Judith Kerr, ihr Roman-Vater, ein berühmter Schriftsteller, ist Alfred Kerr, der bekannteste Theaterkritiker und Essayist der Weimarer Republik.

Flucht und Exil

Geboren in Berlin wuchs Judith Kerr gemeinsam mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Michael bis 1933 in einem gutbürgerlichen Elternhaus im Berliner Grunewald auf. Ihr Vater, Alfred Kerr, war seit der Zeit des Naturalismus bis 1933 einer der einfußreichsten deutschen Publizisten, der schon früh in "Blättern" wie dem "Berlliner Tageblatt" und der "Frankfurter Zeitung" gegen den Nationalsozialismus Stellung bezogen hatte. Nicht nur als Kritiker, sondern auch als Jude befürchtete Kerr nach einer eventuellen Machtübernahme der Nationalsozialisten Verfolgung und Berufsverbot. Dem entzog er sich schon vor den letzten freien Reichstagswahlen 1933 durch Flucht in die Tschechoslowakei. Die Familie folgte ihm am 5. März in die Schweiz. Jahre des Exils in Paris und später in London folgten, für die heranwachsenden Kinder der Kerrs eine traumatische Periode.

Das eigene Leben im Roman

Freundschaften auf Zeit, das schnelle Erlernen neuer Sprachen und wenig Geld bestimmten den Alltag der Emigranten. Alfred Kerr konnte sowohl in der Schweiz als auch in Frankreich nur wenig veröffentlichen. Wie ein Kind mit solchen Umwälzungen in seinem Leben umgeht, das veranschaulicht Judith Kerr in "Wie Hitler das rosa Kaninchen stahl".

Es ist eine lesenswerte, spannende und emotionale Beschreibung der eigenen Flucht und des Exils mit den Eltern. Judith Kerr läßt die kleine Anna und deren Burder Max für sich und ihren Bruder sprechen. In einer kindgerechten Sprache und Aufmachung werden wichtige Aussagen fett gedruckt, so dass sie dem Leser sofort ins Auge fallen. Und dennoch, einige Aussagen und Erfahrungen sind für jugendliche Leser der heutigen Zeit oft schwer nachzuvollziehen und zu verstehen.Und über manch heikle und komische Situation kann auch der ältere Leser noch schmunzeln. "Ich wußte immer, dass wir die Spiele-Sammlung hätten mitnehmen sollen", sagte Max. Hitler spielt wahrscheinlich im Augenblick Dame damit!" "Und hat mein rosa Kaninchen lieb!" sagte Anna und lachte. Aber gleichzeitig liefen ihr Tränen über die Wangen."

Dass Hitler auch an ihrem Zufluchtsort in der Schweiz präsent ist, erfahren beide Kinder schmerzhaft, als dort eine deutsche Familie 1933 Urlaub macht. Denn deren Kinder dürfen mit ihnen nicht spielen, weil sie Juden sind. Judith verarbeitet die Flucht ihres Vaters schon als Zwölfjährige in einem Schulaufsatz in ihrer Pariser Schule. Und dieser war so außergwöhnlich gut, dass der Bürgermeister diesen als einen der besten Aufsätze aller Schüler der Hauptstadt auszeichnete. Dieses Talent, so schrieb Judith Kerr im "rosa Kaninchen", habe ihr Vater schon früh erkannt und ihr somit Selbstbewußtsein gegeben.

Ausbildung und Familie

Während des Krieges war Judith Kerr Für das Deutsche Rote Kreuz in London tätig; nach 1945 studierte sie Kunst an der Central School of Arts and Crafts. Darüber hinaus schrieb sie, wie ihr Mann Tom (Nigel) Kneales, Drehbücher für die BBC. Auch ihre Kinder Matthew und Tracy, sind als Schriftsteller und als Expertin für Spezialeffekte beim Film im künstlerischen Bereich tatig.

Judith Kerr und Deutschland

Auch als die Eltern Alfred und Julia nach dem Krieg nach Hamburg zurückgekehrt waren, blieben ihre Kinder in England. Judith besuchte zwar ihre Mutter in Berlin, fremdelte allerdings mit Deutschland und den Deutschen. Die Sprache beherscht sie zwar immer noch gut, ihre Romane schreibt sie aber in Englisch. Noch heute ist das Thema Flucht und Vertreibung für sie nicht abgeschlossen. Erst 2006 waren in der Berliner Staatsbibliothek mehr als 100 bisher verschollene Bücher ihres Vaters aufgetaucht, die Alfred Kerr zu Beginn der Emigration aus Geldnot hatte verkaufen müssen. Mit Einverständnis der Autorin wurden die Werke dem Kerr-Archiv in Berlin übertragen, darunter befiinden sich auch seltene Widmungsexemplare bedeutender Dichter der 20-und 30er Jahre.

Für Judith Kerr bleibt die Vertreibung aus Deutschland das Thema ihres Lebens. Wie sie selbst in einem Interview sagte, war es trotzdem für sie nach so langer Zeit immer noch erschütternd, zu erfahren wie groß die Geldnot ihrer Eltern war.

Auszeichnungen

Für ihre Werke erhielt Judith Kerr zahlreiche Preise. So nahm sie für "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" den Deutschen Jugendliteraturpreis entgegen. In England wurden ihre Biderbücher mit zahlreichen Auszeichnungen prämiert.

Judith Kerr: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"; "Warten auf den Frieden"; "Eine Art Familientreffen",Ravensburger Taschienbuch

www.hanisauland.de/buchtipps/autorenlexikon/judith_..,..

www.julim-journal.de; Autor:Ulrich H. Baselau

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