Die Entstehung der Kindheit im 18. Jahrhundert

Der Weg zur bürgerlichen Kleinfamilie und der ersten Pädagogik

Die Familienstruktur der deutschen Mittelschicht erlebte während des 18. Jahrhunderts einen Umbruch, der das heutige Verständnis von Kindheit nachhaltig geprägt hat.

Während des 18. Jahrhunderts änderte sich die Familienstruktur der mittleren Schicht in Deutschland grundlegend. Vor allem die Kindheit gewann an Bedeutung und mit dieser Neuerung setzte ein neues Bild von den Aufgaben der Eltern und der Gesellschaft in Bezug auf das heranwachsende Kind ein. Die Kernfamilie, wie wir sie heute kennen, entstand.

Die Familie am Anfang des 18. Jahrhunderts

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Phase der Kindheit als ein Defizit angesehen, das schnellstmöglich überwunden werden musste. Dadurch hatte das Kind in der Familie auch nur einen untergeordneten Stellenwert, und wurde nicht als ein eigenständiges Wesen wahrgenommen. Die kurze Phase einer Kindheit war bereits mit etwa sieben Jahren vorbei, dem Alter, in dem die Kinder begannen, zu arbeiten.

Die Identität des männlichen Kindes war stark vom Vater geprägt. Es lernte Verhaltensweisen und Fähigkeiten durch Imitieren und erlernte häufig den väterlichen Beruf. Zudem musste das Kind lernen, sich dem Vater zu unterwerfen. Dieser wurde als Vernunftinstanz angesehen, dem man zu folgen hatte, und der nicht davor scheute, auch Gewalt anzuwenden.

Die Mutter ist in erster Linie Gattin und hatte vor allem gesellschaftliche Verpflichtungen. So gab es häufig Besuche von Nachbarn und Verwandten, die unterhalten werden wollten. Die Pflege der Kinder wurde in die Hände der Bediensteten abgegeben. Eine Amme säugte das Kind und zog es auf. Die Bindung zwischen Mutter und den Kindern war dadurch nicht sehr ausgeprägt.

Veränderungen im Lauf des 18. Jahrhunderts

Während des 18. Jahrhunderts traten viele Veränderungen ein, die das neue Familienbild prägten. In erster Linie wurde die Kindheit, wie wir sie heute verstehen, entdeckt. Eine entscheidende Veränderung führte hierbei das geschriebene Wort ein. Neben theologischen Schriften, Volksbüchern sowie Kirchen- und Schulordnungen kamen vor allem Ratgeber zur Kindererziehung in Mode. Erziehungsratgeber stellten hierbei vor allem das Idealkind mit der idealen Kindheit vor, die der Realität nicht entsprach.

Eine wichtige Erkenntnis für den Umstellungsprozess in der Kindererziehung war die, dass sich das Kind vom Erwachsenen unterscheidet. Es war nicht mehr ein kleiner Erwachsener, der vieles einfach noch nicht beherrscht, sondern ein Mensch in einer komplett anderen Entwicklungsphase. Die Phase der Kindheit wurde in dieser Zeit auch verlängert. In der protestantischen Kirche wurde zudem die Konfirmation an das Ende des Schulbesuchs gelegt, so dass sie mit 14 bis 16 Jahren stattfand und die Kinder nicht, wie zuvor üblich, bereits nach der Kommunion mit der Arbeit begannen.

Elter, und nicht Bedienstete, leisteten Erziehungsarbeit

Für die Erziehung waren nun die Eltern zuständig. Die Erziehung sollte sich hierbei an den Bedürfnissen des Kindes orientieren. Diese Bedürfnisse wurden allerdings von Erwachsenen definiert. In der aufkommenden Pädagogik wurde ein Idealkind erschaffen, für welches Regeln für eine ideale Kindheit aufgestellt wurden.

Der bürgerlichen Mutter wurde eine enge Mutterrolle zugeschrieben. Vor allem die Beziehung zwischen Mutter und Kind sollte intensiviert werden. Gesellschaftliche Bindungen mit Bediensteten, Verwandten und Nachbarn wurden abgebrochen. Bereits durch Geburt und Stillzeit wurde eine enge physische Bindung eingeführt, die sich durch die ersten Lebensjahre, die einen engen Kontakt zwischen Mutter und Kind bedeuten, noch verstärkte. Die Mutter erzog das Kind in dessen ersten sechs Lebensjahren nach den Regeln männlicher Sachverständiger, um sie anschließend in die väterliche Obhut zu übergeben.

Belohnung und Betrafung

Die Mutter disziplinierte das Kind mit Belohnungen. Die Bedürfnisbefriedigung wurde also auf sie gerichtet. Insgesamt machte sie den Vater überflüssig, doch dieser hatte in der Familie die Macht und bestimmte über die anderen Familienmitglieder. Er war vor allem der materielle Versorger, Repräsentant des Patriarchats und weiterhin der Bestrafende, verhielt sich das Kind nicht so, wie es sollte.

Die schnell endende Kindheit vor dem 18. Jahrhundert wurde durch ein wissenschaftliches Interesse am Aufwachsen der Kinder abgelöst. Man beschäftigte sich nun intensiver mit dieser Lebensphase und strukturierte damit die Familie um. Das neu entstehende Bürgertum sollte eigenständig werden und sich von anderen Klassen abheben. Dies geschah vor allem durch den Gefühlskult. Gefühle bekamen eine größere Bedeutung zugesprochen. Durch die Kleinfamilie konnten Gefühle wie Zuneigung und Liebe erst ihre vollständige Entfaltung erreichen. Die gesamte Bürgerliche Gesellschaft wurde umstrukturiert. Die einzelnen Familien isolierten sich von einender. Innerhalb der Familie kam es dann zu einer intensiveren Beziehung.

Dieses Familienmodell ist von seiner Grundstruktur auch noch bis in die heutige Zeit aktuell geblieben, Die Frau hat sich zwar auch andere Aufgabenfelder erkämpft, aber die Grundstruktur der Kernfamilie ist geblieben. Der Vater ist meist immer noch derjenige, der in erster Linie Geld verdient und die Mutter vollbringt in der Kindererziehung den Hauptteil.

Den genauen Zeitraum dieser Entwicklung kann man nicht definitiv bestimmen. Eigentlich war die Kleinfamilie erst Ende des 19. Jahrhunderts sozialhistorische Realität, dennoch wurde innerhalb des 18. Jahrhunderts diese Reorganisation vorbereitet und vorangetrieben.

Berit Ganzow, Berit Ganzow

Berit Ganzow - Bücher, Reisen und Kochen gehören zu meinen großen Leidenschaften. Und so verwundert es nicht, dass ich hier bei ...

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