Die Enttäuschung über das Paradies

Zum Flüchtlingsroman "Die Fische von Berlin"

Eleonora Hummel erzählt die hoffnungslose Familiengeschichte einer sowjetdeutschen Familie und spart das Ende der Ausreiseträume bewusst aus

Alina hat mit großen und kleinen Lügen zu leben. „Gelogen hat keiner“, sagt das sowjetdeutsche Mädchen aber, „sie haben alle nur mehr gewusst als ich.“ Um diese Kinder- und Jugendzeit in Kasachstan rankt sich Eleonora Hummels Erinnerungsroman „Die Fische von Berlin“. Alina Schmidt – mit diesem Namen allein hat es das deutschstämmige, sensible Mädchen in der tiefen sowjetischen Provinz schon schwer genug. Als „Faschistin“ beschimpft und Außenseiterin gemieden, sind die rätselhaften Geheimnisse, die ihr Großvater mit sich herumträgt, fast noch schlimmer für sie. Jahrelang wartet die Familie bereits auf die ersehnte Ausreise nach Deutschland, lebt ein Leben in nervender Unruhe und immerwährender Bittgänge zu den sarkastischen Behörden.

Es sind die 1970er Jahre in der von den Einheimischen „Weißes Grab“ genannten Stadt. Gut zehn Jahre müssen noch vergehen, ehe die Schmidts über einen Zwischenaufenthalt im Nordkaukasus tatsächlich nach Deutschland dürfen. Eleonora Hummel hat ihrem Text, der sprachlich gefallen kann und ein angenehmes Umfeld für die Geschichte erzeugt, autobiographische Züge verliehen.

Wer ist wirklich der Großvater?

Warum dieser merkwürdige Titel für einen mehr oder weniger tragischen Schicksalsstoff? Die Antwort hat wieder mit dem Großvater zu tun, einem mürrischen und kauzigen Glatzkopf, den nichts so leicht hinter dem sprichwörtlichen und selbstgebauten Ofen hervorlocken kann. Beim Angeln im besiegten Berlin 1945 wurde der Anti-Kriegsheld abgeholt und aufgrund seiner bloßen Herkunft als Vaterlandsverräter zu 25 Jahren Zwangslager in Sibirien verurteilt, von denen er elf absaß. Es frieren ihm die Zehen ab – und mit ihnen gehen die besten Jahre verloren. Am Schluss von Alinas Fragen nach der wahren „Krankheit“ des alten Mannes steht eine für das Mädchen schon nicht mehr verwunderliche Erkenntnis: Nicht er, sondern sein desertierter Bruder Konrad Bachmeier ist der wirkliche Großvater.

Das Leben in Kasachstan, unter den ständigen Feindseligkeiten gegen die „Deitschen“, muss Alina wie ein versiegeltes Buch vorkommen. Großvater und Vater hören Solschenizyn und Sacharow in der „Stimme Amerikas“, nur selten nicht überstrahlt von den sowjetischen Störsendern. Mutter hält das Mädchen und die beiden Geschwisterkinder von küssenden Pärchen und importierten Jeanshosen fern. Im Räusperton wird gebeichtet, warum keiner von ihnen dem verstorbenen Stalin eine Träne nachgeweint hat.

Das Hab und Gut in drei Koffern

Eleonora Hummels Erinnerungen an eine Kindheit, in die selbst Erlebtes unverkennbar Eingang findet, vermitteln einen authentischen Ausschnitt der Verhältnisse im Sowjetstaat und ein kleines Panorama der Nachkriegsgeschichte, ohne jedoch politisch dazu Stellung nehmen zu wollen und können. Mit der Ausreise, die der Großvater nur noch vom Sterbebett aus erfährt, ist bloß scheinbar ein glückliches Ende erreicht. Denn auf welchen Träumen bleiben erst die Zurückgebliebenen sitzen? Das Hab und Gut in drei Koffer gepackt – so ging es für tausende Familien vor und nach den Schmidts auf die ungewisse Reise an das vermeintlich rettende Ufer Deutschland. Das Dasein hier wird in Eleonora Hummels sprachlich und rhythmisch prägnanten Text bewusst ausgeklammert. Nur einen Satz lässt die Autorin ihre widerspenstige Schwester Irma dazu sagen: Die „Enttäuschung über das Paradies“ hätte sie sich gern erspart.

Eleonora Hummel: Die Fische von Berlin. Verlag Steidl Göttingen 2005. 224 Seiten, € 18,00

Sven Bernitt, Stephanie Taubert

Sven Bernitt - Sven Bernitt ist seit 2002 unabhängiger Buchhändler in Dresden (www.leselust-dresden.de) und war einige Jahre Journalist in ...

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