
- Ist das Gehirn nicht so gut wie sein Bild? - Frederik Weitz
Im aktuellen Spiegel online findet sich eine vorsichtige Rücknahme des Enthusiasmus. Großhirn-Voodoo, so titelt Veronika Hackenbroch am 2.5.2011. Eine späte Einsicht, und die Wissenschaftler haben Schuld. Die Journalisten tragen ja nur objektiv deren Ergebnisse weiter.
Das Spiegelstadium als Bildner der Hirnfunktion
Eigentlich ist die Geschichte altbekannt: da passiert etwas Neues, und weil es gerade nicht anders hat sein sollen, wird es zu einer Sensation hochstilisiert. Dieses Verfahren lernt man nicht durch die Lektüre neurophysiologischer Bücher kennen, aber zum Beispiel wenn man sich "Die Realität der Massenmedien" von dem deutschen Soziologen Niklas Luhmann durchliest. Demnach können Massenmedien gar nicht anders, als jede Information als Skandal oder Sensation zu kodieren. Lange Jahre war also die Hirnforschung eine Sensation. Nun könnte die Zeit kommen, dass sie zum Skandal wird. Der Terror ist tot! Es lebe der Terror! Dass der Spiegel in seiner Eigenschaft als eine der meistfrequentierten Zeitschriften daran mitgestrickt hat, sei besser verschwiegen. (Siehe aber: Erkennen Säuglinge Grammatikregeln?)
MCD - Aufstieg und Fall einer neurophysiologischen Erkenntnis
In den achtziger Jahren gab es zahlreiche Untersuchungen zu der so genannten MCD, der minimalen zerebralen Dysfunktion, also einem nicht normalen Funktionieren des Gehirns in bestimmten, winzigen Bereichen. Diese Auffälligkeit wurde für das Entstehen von Lernbehinderungen verantwortlich gemacht und tatsächlich fanden sich bei etwa einem Drittel aller Lernbehinderten diese 'Störungen'. Ende der 80er allerdings kam jemand auf die Idee, Gymnasiasten zum Vergleich heranzuziehen. Und, oh Wunder, auch bei diesen fanden sich zu einem Viertel minimale zerebrale Auffälligkeiten. Damit war aber die Bedeutsamkeit dieser Störung komplett ruiniert. Sie hatte keinerlei "Signifikanz" mehr. Aus der Theorie verschwand sie über Nacht und auch an den Schulen dauerte es nur wenige Jahre, bis niemand mehr davon sprach.
Fröhliche Lachse, fröhliche Hasen
In dem aktuellen Spiegel-Artikel berichtet die Journalistin über ein recht absurdes Experiment. Ein Neurophysiologe untersuchte die Gehirntätigkeit eines toten Lachses, während dieser Bilder von Menschen in unterschiedlichen emotionalen Zuständen "betrachtete". So schön ist ein totes Tier schon lange nicht mehr behandelt worden, seit Joseph Beuys seinem toten Hasen die Kunst erklärt hat. In seinem Artikel "Neuronale Entsprechungen zwischenartlicher Perspektiven bei einem postmortalen Atlantischen Lachs" stellte der amerikanische Hirnforscher Craig Bennett seine Ergebnisse vor. Was der Neurophysiologe mit diesem Experiment zeigen wollte, war folgendes: Die gemessenen Ergebnisse ließen sich als erstaunliche Leistung interpretieren, wären die Umstände des Experiments nicht so bizarr. Das Lausbubenstück zielt direkt auf die Validität (Zuverlässigkeit) von Messungen und Interpretationen mit bildgebenden Verfahren.
Wissenschaft durch die journalistische Linse
Wissenschaftler postulieren, überprüfen und verifizieren, bzw. falsifizieren. Rasche, aufregende, gar weltumstürzende Erkenntnisse sind auf diesem Gebiet nicht zu erwarten. Und so wird auch die Erkenntnis der Hirnforscher nicht allzu viel Neues über den lernenden Menschen ergeben. Schließlich lebt die menschliche Rasse mit diesem Hirn schon lange mal recht, mal schlecht und hat deshalb so einiges an Erfahrung mit dem eigenen Denken angesammelt. Wenn Veronika Hackenbroch diese Skepsis durch "Die Kritiker melden sich jetzt zu Wort", und man beachte dabei das Wort "jetzt", ausdrückt, äußert sich daran nur der typische journalistische Modus operandi. Denn das Lach(s)experiment ist bereits zwei Jahre alt. Weitere Beweise? 2004 äußern sich elf Hirnforscher in der Zeitschrift Gehirn und Geist wie folgt: "Denn 'wie' das [das Gehirn] funktioniert, darüber sagen diese Methoden nichts, schließlich messen sie nur sehr indirekt, wo in Haufen von Hunderttausenden von Neuronen etwas mehr Energiebedarf besteht. Das ist in etwa so, als versuche man, die Funktionsweise eines Computers zu ergründen, indem man seinen Stromverbrauch misst, während er verschiedene Aufgaben abarbeitet." (Gehirn und Geist 6, 2004, S. 33).
Manfred Spitzer und die Neurodidaktik
Nach der Veröffentlichung der PISA-Studie beschuldigten Manfred Spitzer und einige weitere Neurophysiologen die deutsche Pädagogik, sie habe bisher die Ergebnisse der Neurophysiologie "sträflich" vernachlässigt und unterstellten, die Schule, respektive die von Pädagogen gepflegte Lerntheorie habe deshalb versagt. "Lernen ist Gegenstand der Hirnforschung; daher wird ein Lehrer, der weiß, wie das Gehirn funktioniert, besser lehren können" (zit. nach Roth 2011, S. 274). Tatsächlich aber berücksichtigt die derzeitige Unterrichtsorganisation nicht nur die neurophysiologischen Erkenntnisse nicht, sondern auch die sehr viel länger bekannten psychologischen Erkenntnisse werden ebenfalls nicht in die Praxis umgesetzt. Nicht die Erkenntnisse der Neurophysiologie sind gut, sondern überhaupt die (politische) Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in die Praxis schlecht. Und, so schreibt der Bremer Neurophysiologe Gerhard Roth, selbst bei gesicherten Erkenntnissen wüssten die Hirnforscher noch lange nicht, was der Lehrer nun konkret im Unterricht veranstalten müsse. Dies sei immer noch Aufgabe der Lehr-Lern-Forschung (Roth 2011, S. 276f.).
Der Nerv des Journalismus
Massenmedien funktionieren, indem sie Informationen hervorheben und sie entweder skandalisieren oder sensationell machen. Manchmal reagieren diese Prozesse nach dem Schmetterlingsflügeleffekt. Dieser postuliert, dass schon ein winziges Ereignis (das Schlagen eines Schmetterlingsflügels) zu drastischen Veränderungen im Gesamtsystem führen könne (schwere Stürme zum Beispiel). Und da Massenmedien wie auch das Wetter, aber auch das Nervensystem, zu den komplexen dynamischen Systemen gezählt wird, könnte der Umschwung rasch und heftig kommen. Dann gäbe es mal wieder einen Wissenschafts- und Bildungsjournalismus ohne Hirn. Spiegel online darf dabei getrost voranschreiten.
Quellen
- Großhirn-Voodoo
- Neural correlates of interspecies perspective taking in the post-mortem Atlantic Salmon: An argument for multiple comparisons correction
- Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen 1995
- Roth, Gerhard: Bildung braucht Persönlichkeit. Stuttgart 2011.
