
- Cover, Die erfindung des Lebens - Luchterhand Literatur Verlag
Johannes ist stumm. Ist Johannes, Hanns-Josef Ortheil? Einen autobiographischen Roman nennt der Ich-Erzähler seine “Erfindung des Lebens”. Warum schreibt ein Schriftsteller einen autobiographischen Roman und keine Autobiographie? Der Erzähler gibt die Antwort im Buch: „Ich konnte nämlich durchaus von mir und meinem Leben berichten, wenn ich dazu überging, Ausschnitte aus meinem Roman so zu erzählen, als fielen mir diese Geschichten gerade erst ein. (...) Das Schreiben half mir also nicht nur indirekt weiter, indem es Klarheit und Struktur in meine Phantasien und Gedanken brachte, nein, es half mir auch mitten im Leben, ganz direkt, indem es mir Erzähl-Versionen von Bruchstücken meiner Lebensgeschichte lieferte (...).“
Die Sprachlosigkeit in der Kindheit und auch später in Krisenzeiten immer wieder, ist das Problem, mit dem umzugehen, dem Erzähler sein Schreiben hilft. Der Ausdruck Schreiben als Therapie reicht hier schon nicht mehr aus. Schreiben ist eine Lebensnotwendigkeit und an dieser Stelle darf man wohl ausnahmsweise Erzähler und Autor einmal sehr nahe beieinander sehen.
Die Erfindung des Lebens durch das stumme Kind Johannes
Zwei Dinge helfen Johannes, seine stumme Kinderzeit zu überwinden: Das Klavierspiel und das Schreiben. Im Klavierspiel erlebt er zum ersten Mal seine eigene Individualität, losgelöst von der Person der ebenfalls stummen Mutter. Das Schreiben, das Aufschreiben und Festhalten aller Dinge und Erlebnisse des täglichen Lebens, wird ihm zum unverzichtbaren Bedürfnis, nachdem er zusammen mit seinem Vater entdeckt hat, dass das Skizzieren und schriftliche Benennen der Dinge ihm den Zugang zur Sprache eröffnet. Johannes erschreibt sich seine Sprache, seine ganze Welt im wahrsten Sinne des Wortes.
Fluchtpunkt Rom
Zum Schreiben dieser Erfindung des Lebens hat sich der Erzähler nach Rom zurückgezogen, wo er parallel zum Schreiben die Entwicklungsphasen seiner Kindheit neu erlebt. Von der Sprachlosigkeit über das Schreiben zur Kommunikation, über das Klavierspiel zum Sozialkontakt und sogar zu einem Hauch von Liebe, all das wird in kunstvoll ineinander verwobenen Erzählsträngen lebendig gemacht. So schafft es Ortheil die schwierige Zeit der Kindheit des Johannes aber auch die so erfüllenden wie schmerzvollen Erfahrungen eines ersten Romaufenthalts als junger Mann, im reifen Mannesalter zu verstehen und einzuordnen.
Ortheil findet die kongeniale Bildsprache zu Johannes Erfindung des Lebens
All dies malt Ortheil in geradezu mystischen Bildern, gerade für Momente, die große Umbrüche in Johannes´ Leben kennzeichnen. Der verborgene Teich im Wald, in dem er Schwimmen lernt, das Vertrauen in die eigene Kraft erfährt aber auch die Allgegenwart des Todes spürt, wo er das erste Mal die Macht des Erotischen erlebt, als er die eigene Mutter heimlich beim Schwimmen beobachtet, ist so ein Bild, oder der Sprung vom Fels mit dem er die endgültige Unabhängigkeit von der Mutter besiegelt.
Der erste Romaufenthalt ist eine einzige Hymne an die ewige Stadt, die Jugend, die Freiheit und die Liebe, die Festzuhalten der junge Johannes aber unfähig ist. Erst der reife Johannes/Hans-Josef Ortheil ist in der Lage, diese große Jugendliebe einzuordnen, nicht nur den Verlust zu betrauern, sondern auch eigene Unzulänglichkeiten zu erkennen und einzugestehen.
Die Erfindung des Lebens ist ein großes Buch über die eigentlich nicht sehr spektakuläre Geschichte eines Menschen, der von der Natur überreichlich mit zwei großen künstlerischen Begabungen ausgestattet worden ist und doch immer wieder um Haaresbreite daran vorbeischlittert, dieses Leben nicht meistern zu können. Wenn von Ortheils anderem Rombuch Faustinas Küsse, über Goethes Jahre in Italien, gesagt werden muss, dass es nach einem fulminanten Start, sich eher behäbig entwickelt, so darf bei Die Erfindung des Lebens festgestellt werden, dass es von der ersten bis zur letzten Zeile auf gleichbleibend hohem Niveau fasziniert und fesselt.
Einen ganz anderen Blick auf Die Erfindung des Lebens wirft Kirsten Braselmann in ihrer Besprechung des Buches von Hans-Josef Ortheil.
Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens. Roman. Luchterhand Literaturverlag, 2009. Gebunden, 591 Seiten. Euro 22,95
