Das Wort "evangelisch" stammt vom griechischen ‚Euangelion‘ (griechisch: frohe Botschaft) ab und liefert damit bereits einen Hinweis auf das Selbstverständnis: im Zentrum des evangelisch-christlichen Glaubens steht allein die Bibel, sie ist Quelle des Glaubens und auch des Lebens. Die Reformation stellte dabei die wohl größte Zäsur in der abendländischen Geschichte dar, sowohl in religiöser, als auch in politischer und kultureller Hinsicht dar. Nicht nur ist es heute so, dass die reformierten Kirchen zusammen ebenso viele Gläubige zählen wie die römisch-katholische Kirche, auch das bis dahin gültige Glaubensverständnis änderte sich grundlegend. Die Ästhetik, in der sich der Glaube ausdrückte, war somit einem Wandel unterworfen. Vergleicht man heute beispielsweise die Architektur von protestantischen und römisch-katholischen Kirchen, so wird man zwar Gemeinsamkeiten feststellen, aber ebenso viele große Unterschiede. Entscheidend jedoch sind die Gründe für die Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche sowie die Unterschiede der beiden großen Kirchen.
Die evangelisch-lutherische Kirche als Alternative zum Katholizismus
Zentraler Punkt der lutherischen Theologie ist die Rechtfertigungslehre. Diese Lehre entwickelte er nach dem sogenannten Turmerlebnis, einem bereits von Martin Luther legendarisch konnotierten Erlebnis, als er die Bedeutung des Satzes aus dem Römerbrief erkannte: „Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben.“ Kern der daraus resultierenden Rechtfertigungslehre ist, dass der Mensch nicht durch seine eigenen Leistungen Gottes Gnade erlangen kann, sondern nur durch ebendiese Gnade gerettet werden kann. Gottes Gnade ist also ein Geschenk an den Menschen und die guten Werke, die ein Mensch vollbringt, lediglich Folge des in Gnaden geschenkten Glaubens.
Gewissensfreiheit des Individuums - Luthers Konfrontation mit König Karl V. in Worms
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gewissensfreiheit des Individuums. So stellte sich der Mönch Luther 1521 gegen den mächtigsten Mann der damaligen Welt, Kaiser Karl V. Auf dem Reichstag in Worms rief er der Überlieferung nach aus: „Daher kann und will ich nichts widerrufen. (...) Hier steh ich und kann nicht anders; Gott steh mir bei. Amen.“ Der Einzelne und seine religiöse Entscheidung spielen die zentrale Rolle im evangelischen Christsein. Eine weitere wichtige Weichenstellung auf dem Weg zur Reformation war Luthers Absage an das Ordensgelübde.
Symbolischer Akt des Aufbegehrens gegen Rom - die Reichung des Abendmahlkelchs
Die Emanzipation von Rom zeigte sich in Wittenberg, wo den Gläubigen nun der Abendmahlkelch gereicht wurde – mehr ein symbolischer denn ein dogmatischer Akt des Aufbegehrens. Hintergrund dafür war, dass Luther die Messe nicht als Opfer ansah, schließlich sei Christus „bereits ein für allemal gekreuzigt worden“. Wie der Dozent für Kirchengeschichte Jörg Ernesti Luther bescheinigt, erwies er sich eher als Reformer denn als Revolutionär, insofern ihm mehr an Umgestaltung durch gezielte Organisation als an unkontrollierbaren und anarchischen Entwicklungen gelegen war. Luther konnte eine weitere Aufspaltung in Folge seiner reformistischen Bestrebungen nicht verhindern. Zeit seines Lebens jedoch ging es ihm darum, die hierarchischen Gliederungen innerhalb der Kirche aufzulösen und sie als die bereits erwähnte Gemeinschaft der Glaubenden zu etablieren. Wie die Geschichte jedoch zeigt, konnten sich Luthers Reformen insofern durchsetzen, als die Anzahl der Protestanten heute in Deutschland mit 26 Millionen etwa genauso groß ist wie diejenige der Katholiken. Dennoch ist die lutherische Kirche von der Gefahr der Aufsplitterung in kleine und kleinste Unterkirchen bedroht, weshalb eine übergreifende Institution überaus wichtig erscheint, welche im 1947 gegründeten ‚Lutherischen Weltbund‘ gefunden zu sein scheint.
