Die Fabel ist eine ganz besondere Literaturform, die bereits seit der Antike existiert und oft mit sprechenden Tieren in Verbindung gebracht wird. Obwohl nur kurz, sind diese Texte komplex und alles andere als harmlose Erzählungen nur für jüngste Leser - gerade in der Aufklärung erlebte die Fabel eine Blütezeit als politische Allegorie.

Zur Literaturgeschichte der Fabel

Die Fabel ist eine alte, gewissermaßen „globalisierte“ Gattung, ihre Herkunft vermutlich der Vordere Orient. Das Vorbild für die neuzeitliche Fabel sind die nach der schätzungsweise nicht historischen Figur Äsop (6.Jh. v. Chr.), einem vermeintlichen griechischen Sklaven, benannten Sammlungen (in Prosa), wovon sich auch die Gattungsbezeichnung "äsopische Fabel" ableitet - im Unterschied zum theoretischen Begriff ‘Fabel’ als Erzählhandlung.

Vorbildlich für die europäische Tradition wurde auch der römische Freigelassene Phaedrus, der seine Fabeln in Versform verfasste (1. Jh. n. Chr.), fortan erfreute sich die Gattung großer Beliebtheit durch das gesamte Mittelalter (Stricker) und auch in der Reformation (Luther); die große Renaissance des Genres erfolgte allerdings durch den Franzosen Jean de la Fontaine (17. Jh.) und dessen lange Versfabeln. Die Fabel erlebte geradezu eine Blütezeit in der Aufklärung: Prägnanz und lehrhafter Charkter werden besonders geschätzt; deutsche Fabeldichter und Theoretiker sind unter anderem Gottsched, Lichtwer, Hagedorn; besonders erfolgreich aber bis auf den heutigen Tag Gellert und Lessing. Anschließend allerdings kommt es schnell zu einem Verfall der Gattung: die Hinwendung zur pädagogischen Lehrhaftigkeit, Ausrichtung auf Jugend und Kinder schränken das Interesse ein. Gelegentlich finden sich noch politische Fabeln in der Moderne (Günter Anders).

Gattungsmerkmale der Fabel

Generell wird der Begriff Fabel in der Literaturwissenschaft, wie schon erwähnt, unterteilt in:

  • Fabel als literatutheoretischer Begriff (erzählte Handlung) und
  • Äsopische Fabel (nach Phaedrus) als Gattungsbezeichnung (auch bei Lessing);
Die sogenannte äspoische Fabel untergliedert sich wiederum in:

  • rhetorische Fabel (nach Aristoteles): Fabel als Hilfsmittel bei der Argumentation (als Analogie wie etwa auch historische Beispiele)
  • belehrende Fabel: Eigenständigkeit ohne konkreten Anlass - Ausbildung einer eigenständigen poetischen Gattung

Der Aufbau einer "klassischen" Fabel

Die Fabel besteht für gewöhnlich aus einer Erzählung (Erzählteil), dem so genannten Mythos (im weitesten Sinne die "Tiergeschichte"), dieser endet oft in einer wörtlichen Rede, die die Moral andeutet. Je nachdem, ob diese vorangestellt ist, nennt man diese Promythion oder nachgereicht Epimythion. Der Mythos besteht stets aus einem Einzelfall, einem typisierte Ereignis, erzählt im Präteritum und zeitlich abgeschlossen, dabei ist auch die Abfolge von Ereignissen streng chronologisch (dann... und dann…) voranschreitend.

Wesentlich für die Fabel ist auch die Kürze: abrupter Einstieg und Ausstieg, keine Psychologisierung, keine aufwendigen Beschreibungen, keine Individualisierung der Charaktere. Im kleinen folgt sie demnach einem dramatischen Aufbau: es existiert eine Spannungskurve mit Schlusspointe, dabei werden auch die berühmten aristotelische Einheiten von Ort und Zeit eingehalten. Das Geschehen in der Fabel ist ein reiner Ausschnitt, über dessen Vorgeschichte und Folgen nicht berichtet wird. Sofern es zu einem Gespräch kommt, besitzen diese oft eine dialogische Grundstruktur von actio-reactio, dass heißt von Rede und Gegenrede. Da die "Moral" erst nach geschehenem Unglück gezogen wird, spricht man auch von einer „unernste Tragödie“: die Einsicht erfolgt - zumeist in der wörtlichen Rede - erst nach dem Scheitern.

Das Personal der Fabel

Entgegen der landläufigen Vorstellung handelt die Fabel zwar überwiegend von (und mit) Tieren, aber auch Menschen, Berufsgruppen, Götter und Unbelebtes sind nicht selten zu finden. Gemeinsam ist allen, dass sie lediglich auf einen Charakterzug beschränkt sind und dieser nicht erklärt (der schlaue Fuchs"), sondern als bekannt vorausgesetzt wird. Zumeist treten nur zwei - durch ihren Charakter - antithetische Figuren oder Figurengruppen (Kontrastfiguren) auf, etwa Wolf und Lamm, allerdings ist diese Zahl durchaus erweiterbar. Die Figuren, ob nun Tier oder Menschen, sind dabei auf "Typen" reduziert, es gibt keine realistisch-naturalistische Darstellung, weswegen zum Beispiel auch das Sprechen der Tiere nicht erklärt zu werden braucht.

Die Deutung und Interpretation von Fabeln

Der Leser ist gefordert, sich auf die Suche nach dem Zweitsinn (der Erstsinn ist der Mythos als erzählter Einzelfall) zu begeben. Dabei hilft ihm oft, dass der Zweitsinn als Träger einer allgemeinen Wahrheit, oft im Pro- oder Epimythion mitgegeben wird, es also eine Leseanweisung gibt. Der Autor der Fabel kann durch diese Transparenz und Offensichtlichkeit verhindern, dass seine Fabel falsch ausgelegt wird. Andererseits führt Mehrdeutigkeit zu verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten, die sich etwa im Laufe der Zeiten auch ändern können. Die Fabel bietet allerdings keine philosophischen Überlegungen oder täglichen Gebrauchsnutzen (rein technischer Anwendbarkeit), sondern stattdessen Regeln der Lebensklugheit, im Umgang miteinander, darin ist sie oft nicht überraschend neu, sondern alte Einsichten bestätigend.

Die Fabel: eine subversive Gattung?

Gerade in ihrer Mehrdeutigkeit und damit der Möglichkeit, sich nicht festlegen zu müssen, findet sich ein Element, um subtile Kritik üben zu können. Trotzdem ist die gesellschaftskritische Funktion der Fabel umstritten. Die Kontroverse lautet: sind Fabeln subversiv? Oder bestätigen sie die bestehenden Verhältnisse, da sie für gewöhnlich ja nur allgemeine Einsichten wiederholen und sind sie damit strukturell eher konservativ? - Beispiele für beide Argumentationen sind schon bei den Klassikern der Gattung wie La Fontaine und Lessing zu finden.

In ihrem derzeitigen Schattendasein als Kinderliteratur dürfte dies leichter zu entscheiden sein: für gewöhnlich ist die Tierfabel in unseren Tagen geprägt durch Harmlosigkeit. Selbst die Meisterwerke eines La Fontaine oder Lessing werden zurechtgestutzt auf eine märchenhafte Kurzerzählung.

Weiterführende Literatur

  • Hans G.Coenen: Die Gattung Fabel. Stuttgart 2000 (UTB).
  • Reinhard Dithmar: Die Fabel. Stuttgart 1997 (UTB).
  • Reinhard Dithmar (Hg.): Fabeln, Parabeln und Gleichnisse. Beispiele didaktischer Literatur. München: 1988.
  • Manfred Windfuhr (Hg.): Deutsche Fabeln des 18.Jahrhunderts. Stuttgart: 1969.