
- Beeindruckend: ein Löwe - ©Olaf Schneider
Die literarische Gattung der Fabel ist eine erdichtete, lehrhafte Erzählung in Prosa- oder Versform. Die handelnden Figuren sind zumeist Tiere, die mit menschlichen Eigenschaften, Gedanken, Empfindungen, Vernunft und Sprache ausgestattet werden.
Auch wenn es umstritten ist, ob Äsop wirklich jemals gelebt hat, gilt er „offiziell“ immer noch als der Erfinder der Fabel. Er lebte um 550 vor Christus als Sklave auf der Insel Samos, wurde später jedoch freigelassen und zum Gesandten des König Krösos ernannt. Weitere renommierte Fabeldichter sind Martin Luther (1483–1546), Jean de La Fontaine (1621–1695) oder Dichter der Aufklärung wie Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781). Aber auch moderne Dichter wie Bertolt Brecht (1898–1956), James Thurber (1894–1961), Wolfdietrich Schnurre (1920–1989) oder Reiner Kunze (* 1933) bedienten sich dieser Literaturgattung.
Merkmale der Fabel
Die Fabel ist in der Regel eine sehr kurze Erzählung, deren Handlung schnurstracks auf eine Lehre zusteuert oder moralische Ansprüche erhebt. Sie ist einfach gehalten, Sprache und Stil sind verständlich und schnörkellos. Ohne allzu große Umschweife springt sie mitten in ein Geschehen und vermittelt knapp – meist in nur einem Satz – die nötigsten Informationen wie den Ort, die Zeit oder auch, warum sich die Hauptpersonen am Ort des Geschehens aufhalten. Dabei ist der Ort geographisch unbestimmt und häufig nur ein winziger Schauplatz bzw. ein beliebiger Platz in der Natur wie ein Baum oder ein Fluss. Auch die Zeit ist geschichtlich nicht einzuordnen. Die Anzahl der Hauptfiguren ist überschaubar, meist agieren lediglich zwei. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Tiere, seltener Pflanzen, Menschen spielen höchstens eine – wenn auch für den Verlauf der Handlung wichtige – Nebenrolle.
Die Handlung ist auf den ersten Blick völlig irreal: Tiere können sprechen und sind mit menschlichen Charaktereigenschaften ausgestattet. Dennoch werden den Tieren keine Eigenschaften angedichtet, die man ihnen in der Bevölkerung nicht auch zuspräche. Viele Redensarten beinhalten Vergleiche mit Tieren: Störrisch wie ein Esel, schlau wie ein Fuchs oder eitel wie ein Pfau. Schon immer wurden Tiere gern vermenschlicht oder umgekehrt Menschen mit Tieren verglichen. Der Fabeldichter kann diese Zuordnungen also voraussetzen. Der Charakter der Tiere ist daher auch immer gleichbleibend, er wird typisiert und ist allgemein bekannt. Davon unberührt, entsprechen ihre biologischen Eigenschaften der Realität. Dies müssen sie auch, denn sie werden ebenfalls als bekannt vorausgesetzt und sind wesentliche Details, die aber keiner weiteren Erklärung bedürfen. Meist endet die Fabel mit einer Pointe oder mit einer Wendung, mit der niemand gerechnet hat.
Die Charaktere und die Übertragung der Fabel in die menschliche Welt
Die Fabel wurde in der Zeit, in der sie geschrieben wurde, als politisches Kampfmittel eingesetzt oder, weniger drastisch ausgedrückt: Sie wurde benutzt, um politische oder gesellschaftliche Missstände aufzudecken. In verdeckter Form wurden soziale Konflikte zwischen Herrschenden und Untertanen beschrieben – und im Sinne von Anstand und Moral gelöst. Eine typische Szene in einer Fabel ist eine Versammlung der Tiere, die über ein anderes Tier zu Gericht sitzen.
Die den Tieren zugeordneten Eigenschaften standen für typische Charaktereigenschaften, die man bestimmten Bevölkerungsschichten oder -klassen oder auch einzelnen Menschen in einer bestimmten gesellschaftlichen oder politischen Funktion zusprach. Dem Löwen wird beispielsweise die klassische Rolle des Herrschers zugeteilt. Er ist der König der Tiere, entweder ist er weise und gerecht oder der uneingeschränkte Herrscher eines Volkes: stolz, mutig, (scheinbar) unantastbar, stark und manchmal überheblich. Er genießt seine Macht, flößt anderen Furcht ein, bestraft gnadenlos für Vergehen, die seinen persönlichen, zu eigenem Vorteil ersonnenen Regeln widersprechen.
Und die Moral?
Die Fabel ist von ihrer Struktur her dialektisch aufgebaut, das heißt, die auftretenden Tiere sind Gegenspieler, haben widersprüchliche Ansichten oder vertreten gegensätzliche Standpunkte. Sie kommen aus unterschiedlichen „Schichten“ – die einen sind privilegiert, die anderen leben in ärmlichen Verhältnissen oder in Knechtschaft. Dabei ergreift die Fabel immer Partei für die Armen und deckt soziale Ungerechtigkeiten auf – oft scharf pointiert. Und so endet die Fabel oft mit einer „Bestrafung“ dessen, der versucht hat, andere übers Ohr zu hauen, sie auszunutzen oder zu benachteiligen.
Die Fabel vermittelt eine Erkenntnis, eine Wahrheit, ist lehrreich, macht nachdenklich. Manchmal endet sie mit einer als solchen formulierten Moral, manchmal muss der Leser selbst seine Schlüsse ziehen. Die Fabel will dem Leser eine Botschaft mitgeben und zum Umdenken anregen.
Charakteristisch für die Fabel ist die Distanz des Dichters. Am Beispiel des Äsop wird das deutlich: Als Sklave musste er seine Wahrheit verschlüsseln und verfremden, um sein eigenes Leben nicht zu gefährden.
Die Allgemeingültigkeit der Fabel
Der Begriff Fabel ist aus dem Lateinischen entlehnt und bedeutet „Erzählung, Sage“. Auch kann man „fabulieren“, namentlich phantastische Geschichten erzählen, munter drauflosplappern, schwätzen oder schwindeln. Aber auch wenn die Wörter einer Familie zugehören – eine Fabel schwindelt nicht und ist keine reine Phantasiegeschichte. Die in ihr wohnende Moral ist oft gerecht und meist sehr vergnüglich, weil befreiend. Und hinter all ihrem „Versteckspiel“ dient sie dem Finden der Wahrheit. Sie will den Menschen einen Spiegel vorhalten, sie anregen, über ihr Tun nachzudenken, will sie bessern – und eine Umkehr in ihrem Handeln erreichen. Von ihrem Ursprung her ist sie sozialkritisch – und ist auch heute noch ein probates Mittel, um Ungerechtigkeiten zu offenbaren.
