Die Fabel – Tiergeschichten mit Lehrcharakter

Geschichte und Merkmale der Gattung von Äsop über Lessing bis heute

Was sind die Merkmale einer Fabel? - (c) R. B./pixelio.de
Was sind die Merkmale einer Fabel? - (c) R. B./pixelio.de
Tiergeschichten mit Moral: Von der Antike über das Mittelalter und die Aufklärung bis heute - die Geschichte der Fabel und ihre Merkmale.

Der Begriff Fabel geht auf das lateinische "fabula" (Geschichte, Erzählung) zurück. Die Gattung selbst durchlebte eine wechselhafte Geschichte, innerhalb der sie von zahlreichen berühmten Persönlichkeiten wie Luther und Lessing adaptiert wurde. Ein Streifzug von den antiken Wurzeln der Fabel bis in unsere Tage.

Die Fabel in der Geschichte – Äsop und Phädrus

Die älteste überlieferte Fabel geht auf den griechischen Dichter Hesiod (um 700 v. Chr.) zurück, die erste Fabelsammlung stammt aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Als ihr Verfasser gilt der phrygische Sklave Äsop, dessen historische Existenz jedoch nicht gesichert ist Beispiele hier). Durch den Griechen Phädrus (erste Hälfte 1. Jh.) gelangten die äsopischen Fabeln nach Rom, wurden ins Lateinische übersetzt und zum Teil umgedichtet. Phädrus hebt bereits den lehrhaften Charakter der Fabel hervor – sie soll Irrtümer beseitigen und den Geist schärfen. Über Babrios (zweite Hälfte 1. Jh.), Avian (um 400 n. Chr.) und den sog. Romulus (5. Jh.) wurde die Sammlung jeweils bearbeitet und ergänzt.

Fabeln im Mittelalter: Träger christlicher Moral

Im Mittelalter dienten alte und neue Fabeln - wie auch die Legende - primär der Übermittlung christlicher Moral, wurden in Predigten und Beispielsammlungen sowie als Illustrations- und Argumentationsmittel in größere literarische Kontexte eingebaut (z.B. Herger, Hugo von Trimberg). Wichtige Stationen der deutschen Fabeltradition bilden der Stricker (Mitte 13. Jh.), Boner (erste Hälfte 14. Jh.), Heinrich Steinhöwel und Sebastian Brant (um 1500).

Während der Reformationszeit sind vor allem Burkhard Waldis und Erasmus Alberus von Bedeutung. Luther selbst schrieb einige Fabeln, die er mit Verweis auf die biblischen Gleichnisse als didaktisch sinnvoll erachtete. Um 1600 erschienen bis dato unbekannte Fabeln des Phaedrus, zehn Jahre später publizierte Neveletus eine Sammlung europäischer Fabeln.

Neuzeit – Fontaine, Lessing und Gellert

Der nächste wichtige Impuls kam aus Frankreich: Dort veröffentlichte Jean de la Fontaine zwischen 1668 und 1694 eine große Anzahl eigener oft ausschweifender Fabeln in freien Versen, die sich durch Witz und Leichtigkeit auszeichnen und mit etwas Verzögerung im Deutschland der Aufklärung eine Vorbildwirkung entfalteten. Antoine Houdar de la Motte, Daniel Stoppe und andere publizierten eigene Sammlungen, Gottsched bemüht sich in seinem berühmten Werk "Versuch einer Critischen Dichtkunst" (1751) die Gattung von der antiken Tradition zu lösen und neu zu definieren.

Dagegen verwehrte sich Gotthold Ephraim Lessing. Der berühmte Dichter und Denker veröffentlicht nach einem Studium der antiken und mittelalterlichen Fabeltradition 1759 eine eigene Sammlung und beharrt auf dem Kriterium epigrammatischer Kürze. Langzeitwirkung entfaltete jedoch der in moralisch-erbaulichen Verserzählungen aufgehende und auf die bürgerliche Tugendlehre zielende Fabeltypus Christian Fürchtegott Gellerts.

Moderne: die Fabel als pädagogisches Werkzeug

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Fabel zum pädagogischen Werkzeug und stofflich durch ähnliche Erzählformen aus aller Welt erweitert. Von einigen zeitkritischen Dichtungen abgesehen ging die Fabel somit in die Kinderliteratur über und führt heute ähnlich der Volkssage ein Schattendasein. Moderne Fabeldichtungen stammen unter anderem von Schnurre, Arntzen, Blumenberg und dem Amerikaner James Thurber.

Merkmale der Tiergeschichten: Lehrdichtung mit Pointe

Eine Fabel dient der Unterweisung, soll eine Lebensweisheit, allgemeingültige Wahrheit oder Kritik bildhaft vermitteln und zu einem angemessenen Verhalten anleiten. Ohne viel Umschweife strebt sie meist geradlinig auf ihre Pointe zu. Viele Fabeln beinhalten dabei im Kern einen Dialog, in dem gegensätzliche Charaktere miteinander streiten oder konträre Aspekte darlegen. Andere enthalten direkte Rede im Monolog, wieder andere erzählen ausschließlich. Allgemein bedient sich die Fabel ästhetischer Elemente von Epik und Lyrik – beispielsweise Bilder, Reime und Rhythmik – und kann sowohl in Prosa als auch in Versen verfasst sein.

Weitere Merkmale: Kürze, Humor und vermenschlichte Tiere

Typisch sind ihre Kürze und ein mit dem belehrenden einhergehender unterhaltsamer Aspekt: Getreu dem Horazschen "delectare et prodesse" wird die geistreiche Aussage häufig durch Humor transportiert. Ein weiteres Merkmal ist das häufige Auftreten von Tieren, denen menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden. So ist der Fuchs üblicherweise listig, der Hase ängstlich und das Lamm friedlich. Diese Tiere (seltener Pflanzen) sprechen wie Menschen und verhalten sich wie solche – sie nehmen also lediglich eine stellvertretende Funktion ein. Worin liegt diese begründet?

Verfremdung in der Fabel

Durch die Übertragung auf Tiercharaktere werden die behandelten Eigenschaften isoliert und somit hervorgehoben. Die dabei stattfindende Verfremdung bewirkt jedoch nicht nur eine eindringliche und anschauliche Vermittlung der Botschaft, sondern betont auch die Veränderbarkeit von Verhalten sowie die Allgemeingültigkeit von richtigem Verhalten. Zugleich trägt sie zur Unterhaltung bei: Die ernste Botschaft wird in einen außergewöhnlichen Rahmen verpackt.

Des Weiteren schützt die Verfemdung oder Übertragung einen die Verhältnisse kritisierenden Autor vor Verfolgung durch die Obrigkeiten, indem sie den Protest nicht direkt adressiert und dadurch schwerer angreifbar macht.

Fabeln: Beispielhaftigkeit und Moral

Nicht viel anders verhält es sich mit jenen Fabeln, in denen menschliche Charaktere auftreten. Diese stehen ebenfalls stellvertretend für die Gattung Mensch und menschliche Eigenschaften an sich. In einem Analogieschluss – mitunter findet sich die Moral auch am Ende kurz und prägend zusammengefasst – soll der Leser das in der Fabel angeführte Beispiel auf seine unmittelbare Lebenswirklichkeit übertragen. Dort soll die transportierte Moral oder Erkenntnis Früchte tragen: Hierin ähnelt die Fabel dem Gleichnis.

Alles in allem kann man die Fabel somit knapp als kurzen, fiktiven und erzählenden Text mit beispielhaftem Lehrcharakter und meist tierischem Personal definieren. Die Belehrung erfolgt mithilfe von Witz und ausdrucksstarken gleichnishaften Vergleichen. Unabhängig von dem immer zu berücksichtigenden zeitlichen Hintergrund besitzt die Fabel durch ihre Zielgerichtetheit, die dem Märchen ähnelnde Ort- und Zeitlosigkeit sowie ihre Prägnanz eine eigentümliche Würde.

Bildquelle: www.pixelio.de

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Thomas Sedlmeyr, Thomas Sedlmeyr

Thomas Sedlmeyr - Studium der Deutschen Literaturwissenschaft, Geschichte und Ethnologie in Augsburg. Seit 2008 arbeite ich als freier Autor und ...

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