Vor einigen Jahren wurde von Anthropologen der Universität Durham gezeigt, dass die Träger der Farbe Rot in Sportarten wie Boxen, Ringen und Taekwondo ihre Kämpfe öfter gewinnen als ihre Gegner (Hill und Barton 2005). Die Wissenschaftler vermuteten damals, dass die Assoziation der Farbe Rot mit Dominanz und Aggression dabei eine Rolle spielt und der rote Kämpfer dadurch einen psychologischen Vorteil besitzt. Candy Rowe, Verhaltensforscherin an der Univerität Newcastle, zeigte jedoch, dass an der Farbe Rot nichts Besonderes ist. Wenn blaue und weiße Kämpfer gegeneinander antraten, so gewann nun der blaue Sportler häufiger die Duelle. Rowe argumentierte, dass die weiße Kleidung sich stärker vom Hintergrund abhebt und der blaugekleidete Kämpfer die Bewegungen seines Gegners so besser verfolgen kann.

Sportler tauschen ihre Farben

Norbert Hagemann von der Universität Münster jedoch vermutet einen ganz anderen Faktor hinter den unausgewogenen Kampfausgängen: den Schiedsrichter. Um seine These zu überprüfen, erdachten sich Hagemann und seine Kollegen ein einleuchtendes Experiment. Sie zeigten 41 Taekwondo-Schiedsrichtern kurze Videoclips von Trainingskämpfen dieser Kampfsportart, bei denen einer der Sportler blaue Schutzkleidung trug, der andere rote. Darunter trugen beide die typisch weiße Taekwondo-Kleidung. Jedem Schiedsrichter einzeln wurde ein Block von elf Videoclips vorgespielt, anhand denen er Punkte nach den Regeln der World Taekwondo Federation verteilen sollte. Jeder der Schiedsrichter bekam die gleichen elf Videos zu sehen, in anderer Reihenfolge. Einen Unterschied gab es in den Videos jedoch: In der Hälfte der Videoblöcke waren die Farben der beiden Duellanten mit einem digitalen Bearbeitungsprogramm vertauscht worden. Der ursprünglich Blau tragende Kämpfer trug nun Rot und umgekehrt.

Schiedsrichter werden durch Kleidungsfarbe beeinflusst

Bei der Auswertung der Punktevergabe zeigte sich ein eindeutiges Bild. Im Durchschnitt 13 Prozent mehr Punkte wurden dem roten Sportler zugesprochen. Die Anzahl der vergebenen Punkte stieg für einen blauen Kämpfer, wenn er digital in einen roten verwandelt wurde und sank für einen ursprünglich roten Kämpfer, wenn er in einen blauen umgewandelt wurde. Und das, obwohl die gezeigten Leistungen vom ursprünglichen und digital überarbeiteten Kämpfer absolut identisch waren. Diese Beeinflussung der Punktevergabe dürfte besonders dann ausschlaggebend sein, wenn die Gegner in etwa gleich stark sind, hat aber wenig Einfluss, wenn einer der Duellanten klar überlegen ist. Auch wenn die Wissenschaftler einen psychologischen Effekt der Bekleidungsfarbe auf die Sportler nicht ausschließen, so sind sie nach ihrem Experiment der Ansicht, dass es vor allem die Schiedsrichter sind, die sich durch die Farben in ihrer Entscheidungsfindung beinträchtigen lassen.

Hagemann schlägt eine Änderung der Regeln vor, etwa ein Verbot von roter Kleidung oder eine Unterstützung der Schiedsrichter durch elektronische Hilfsmittel, zum Beispiel elektronische Punktezähler in der Schutzbekleidung.

Quelle: Norbert Hagemann et al. (2008) When the Referee Sees Red...