Die Straße steigt ständig an. Sie führt zuerst vorbei an der PUC, Rios renommiertester Privatuniversität, dann passiert sie eine Reihe von Limousinen. Sie parken entlang einer hohen Mauer, nur ein paar Bäume blitzen dahinter hervor. Chauffeure lehnen sich an die teuren Gefährte, einer raucht gelangweilt eine Zigarette. Sie warten auf die Sprösslinge ihrer Herrschaften, es ist Montagnachmittag und der Unterricht in der Amerikanischen Schule ist zu Ende gegangen. Sie ist die teuerste Schule der Stadt und wohl niemand, der dort ausgebildet wurde, hat die Straße je weiter bergauf verfolgt. Kurvenreich schlängelt sie sich den Hügel empor und führt dabei in eine andere Welt: Es ist die Zufahrtstraße zur Rocinha - in Rio das Synonym schlechthin für Dreck, Gestank, Drogen, Mord und Totschlag.
Etwa ein Viertel der cariocas, so nennen sich die Einwohner von Rio, leben in einer der 750 Favelas. Nach offiziellen Angaben beherbergt die Rocinha 60.000 Menschen, nach inoffiziellen Schätzungen ein Vielfaches. Die genaue Zahl weiß niemand, in dem ganzen Wirrwarr ohne Straßennamen und Hausnummern stagnieren auch die eifrigsten Volkszähler. Die Straße, die sich an den Ausbildungsstätten der zukünftigen Elite vorbei schlängelt, ist die einzige richtige Straße der Favela. Nur wer dort wohnt, der hat auch eine Adresse.
Treppen, Treppen, Treppen
Tausende kleine Häuser breiten sich über den Hügel aus. Einige machen einen gepflegten Eindruck, sie sind gemauert und verputzt und bestehen aus mehreren kleinen Räumen, das flache Dach bietet einen wunderbaren Ausblick auf Zuckerhut und Strände. Manche Häuser haben Fenster ohne Scheiben und Eingänge ohne Türen, andere müssen ganz ohne Tageslicht auskommen. Viele bestehen nur aus einem Zimmer.
Der Weg ins eigene Heim erfordert Kraft und Kondition, es sind oft hunderte Treppen, die erklommen werden müssen. Die Wege und Treppen zwischen den einzelnen Häusern erinnern an ein Labyrinth, sie sind verwinkelt und so schmal, dass kein Regenschirm Platz hat.
Motorrad-Fahrer als Späher
Über 500 Motorrad-Taxis, betrieben von jungen Männern, ersparen das viele Treppensteigen. Sie sind eine Notwendigkeit für alte und gebrechliche Menschen und ein bisschen Komfort für die jungen. Die Taxis auf zwei Rädern sind auch bei den Drogenbossen beliebt. Fast alle Fahrer arbeiten mit ihnen zusammen, sie tragen kleine Feuerwerkskörper bei sich und sind ständig auf der Lauer. Feuern sie einen Schuss ab, so sind die Dealer alarmiert. Denn er signalisiert: da stimmt irgendwas nicht.
Die "Freunde der Freunde" kontrollieren
Nach einem erbitterten Gang-Kampf kontrollieren seit 2006 die „Freunde der Freunde“ (Amigos dos Amigos", ADA) das Miteinander in der Rocinha. Um klar zu machen, dass sie hier die Statuten für Recht und Ordnung festlegen, sind Häuser, Türen und Stufen mit ihren Initialen besprüht. Das oberste Gebot der Mafia ähnlichen Vereinigung lautet: haltet uns bloß die Polizei vom Leib. Mit anderen Worten: kein Raub in der Favela und kein Stress mit der noblen Nachbarschaft in São Conrado und Gávea. Denn Polizei-Einsätze sind äußerst unpraktisch für das lukrative Drogengeschäft, mit denen die ADA ihr Geld verdienen. Doch die „Freunde“ fordern nicht nur, sie geben auch. Unter anderem gehen sanitäre Einrichtungen, bessere Wege und ein Sportplatz auf ihr Konto.
Die "kleine Farm" expandiert
Rocinha heißt übersetzt „kleine Farm“. Klein war die Besiedelung auf dem Hügel anfangs auch, erst in den 1940er Jahren zogen immer mehr Menschen in die Metropole. Sie erhofften sich nichts Großartiges, nur einen Job, ein Krankenhaus und eine Schule in der Nähe. Doch das Leben in der Stadt war teuer, die herkömmlichen Wohnungen nicht bezahlbar, also griffen sie zur Selbstinitiative. Sie bebauten die Hügel, es war offizielles Land und nach brasilianischem Recht geht bebauter Boden nach fünf Jahren in Eigentum über.
Ein armer Stadtteil
Heute hat sich die Rocinha zu einer Stadt in der Stadt entwickelt. Bis vor ein paar Jahren konnten die Bewohner bei McDonalds Hamburger und Fritten essen, heute gehen sie zu „Bobs“ oder in die nächste Pizzeria. Es gibt drei Banken, zwei Radiostationen und eine Fernsehstation, Friseure, Optiker, Schmuckläden, Obst- und Trödelstände machen die einzige asphaltierte Straße zu einer Einkaufsmeile. Wer das bunte Treiben auf der Straße beobachtet der könnte meinen, er sei in Managua oder in Tegucigalpa. Oder in irgendeinem anderen armen Stadtteil einer lateinamerikanischen Großstadt.
