
- Helena Bonham Carter - Amazon
"Fight Club“, der David-Fincher-Film mit Edward Norton und Brad Pitt, sprengte 1999 jeden Rahmen und erhitzt bis heute die Gemüter. Was von den einen als handfeste und konsequente Sozialkritik hochgelobt wird, betrachten andere als gewaltverherrlichendes und sexistisches Machowerk.
Frauen kommen auf den ersten Blick tatsächlich schlecht weg oder sind nicht vorhanden. Neben dem namenlosen Protagonisten, der sich gelegentlich nach einem Zitat "Jack“ nennt, und dessen Alter Ego Tyler Durden spielt allerdings Marla Singer (Helena Bonham Carter) eine Schüsselrolle.
Der Männerfilm "Fight Club" – gewaltverherrlichend und sexistisch?
Zweifellos handelt der Film "Fight Club" von Männern, und zwar von denen der Generation 30+ mit ihren für die moderne Wohlstandsgesellschaft typischen Identitäts- und Sinnkrisen. Diese "Zweitgeborenen der Geschichte“ müssen und dürfen nicht in große Kriege ziehen, haben als Angestellte in langweiligen Jobs ihren Nestbautrieb mit ebenso langweiligen Katalogmöbeln längst befriedigt und finden als werbehöriges Konsumvieh auch keine Erfüllung, die sie deshalb in martialischen Faustkämpfen von Mann zu Mann suchen.
Eine männliche Generation, die von Frauen großgezogen wurde, verlangt aus Tylers Sicht als Lösung ihrer Probleme bestimmt nicht nach weiteren Frauen. Jack ist noch nicht ganz entschlossen, ob er mit seinem Alter Ego einer Meinung sein soll. Kein Wunder also, dass sich die Zerrissenheit dieser Männer auch in gestörten Beziehungen zu Frauen deutlich niederschlägt.
Marla Singer – lebensüberdrüssige Touristin in Selbsthilfegruppen
Marla Singer, eine unterernährte Kettenraucherin, die sich ebenso wie Jack in Selbsthilfegruppen als schwerkrank ausgibt, weil es "billiger als Kino und der Kaffee umsonst“ ist, haust in einem möblierten Kabuff, klaut Klamotten aus dem Waschsalon und fängt fremde Pizzalieferungen ab. Alles an ihr wirkt schlotterig und struppig, von der Frisur bis zur übergroßen Strickjacke, dabei sorgen eine dunkle Sonnenbrille und die obligate Zigarette im Mundwinkel für einen morbiden Charme mit verruchtem Touch. Storchenbeinig läuft sie grundsätzlich ohne sich umzusehen auf die Straße, aber wird nie überfahren – leider. Denn Marla wünscht sich eigentlich nichts anderes, als ihrem Dasein ein Ende zu setzen. Während die Figur dem Zuschauer von Beginn an trotz aller Schwächen sympathisch erscheint, ist sie für Jack der "kleine Kratzer am Gaumen, der abheilen würde, wenn man nur aufhören könnte, mit der Zunge dran rumzufummeln“. Denn den einen unechten Todkranken stört plötzlich der andere Simulant.
Nachdem alle Selbsthilfegruppen aufgeteilt sind, drei zu drei unter der Woche und sonntags abwechselnd, könnten sich Jack und Marla eigentlich aus dem Weg gehen, hätte nicht Tyler eine Affäre mit ihr angefangen.
Die Filmfigur Marla Singer deckt die dissoziale Identitätsstörung des Protagonisten auf
In den Dialogen mit Marla Singer wird sowohl dem Zuschauer als auch dem Protagonisten selbst das Phänomen seiner Persönlichkeitsspaltung vor Augen geführt. Während sich Tyler stets abwertend über Marla äußert und sich seine Beziehung zu ihr ausschließlich auf das Sexuelle beschränkt, übernimmt Jack den fürsorglichen Part und eilt ihr sogar bei ihren Selbstmordversuchen und eingebildeten Brustkrebserkrankungen – wenn auch etwas widerwillig zu Hilfe.
Marla verhält sich aus Zuschauersicht zunächst erwartungsgemäß irrational, lässt sie doch regelmäßig ihre Wut über Tylers Benehmen an Jack aus. Je tiefere Einblicke dem Beobachter in Jacks Psyche gelingen, desto verständlicher werden jedoch ihre Reaktionen. Schließlich führen die Szenen zwischen Marla und Jack in der Küche, in der sich natürlich niemals Tyler zur gleichen Zeit aufhält, zur vollständigen Aufklärung der bis dahin immer nur angedeuteten Identitätsstörung der einen Hauptfigur in doppelter Besetzung.
Die einzige Bezugsperson außerhalb des "Projekts Chaos“ weist den Ausweg
Jack selbst braucht für die Erkenntnis noch ein Weilchen länger als der Zuschauer. Aber wieder ist es Marla, die ihm auf die Sprünge hilft. Als ihm daraufhin klar wird, was er alias Tyler Durden alles in Gang gesetzt hat, versucht er umgehend, das angestoßene "Projekt Chaos“ noch aufzuhalten.
Marla Singer bildet von Anfang bis Ende den einzigen Fixpunkt im Film, der außerhalb des "Fight Club“ und der daraus entstandenen Terrorgruppe steht; denn sie hat von alledem nichts mitbekommen. Von der verantwortungslosen Lebensmüden hat sie sich nebenbei verwandelt, wenn auch nicht gleich in eine treu sorgende Bilderbuchfrau. Immerhin bringt sie aber, die sich früher um nichts gekümmert hat, anhaltendes und ehrliches Interesse für den psychisch angeschlagenen Protagonisten auf. Und zum Ende hin zeigt auch Jack noch Gefühle und versucht, Marla in Sicherheit zu bringen.
Die letzte Szene bietet beinahe ein richtiges Happy End an – in dem grotesken Zerstörungsszenario mit Blick auf explodierende Wolkenkratzer weist Jacks letzter Satz: "Du hast mich in einer seltsamen Phase meines Lebens getroffen“ zumindest in irgendeine Zukunft.
