
- Die Flucht - © ARD Degeto/Conny Klein
Bei klirrender Kälte schleppen sich Kindern, Frauen und alte Männer übers Eis. Plötzlich nähern sich russische Jagdflieger. Geschosse schlagen ein, Bomben explodieren. Ein Pferdegespann bricht durch die Eisdecke, Menschen und Tiere ringen im eisigen Wasser um ihr Leben.
Tote am Wegrand
Eine Szene aus dem Film "Die Flucht", der das Schicksal eines Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen im Winter 1944/45 zeigt. Über das vereiste Haff der Ostsee flüchteten die Menschen zu Fuß in den Westen. Zwölf Millionen Deutsche aus Ostpreußen, Schlesien und dem Wartheland kämpften ums nackte Überleben – zwei Millionen verloren diesen Kampf. Die Toten, darunter Säuglinge, blieben am Wegrand liegen. Es war keine Zeit, sie in der gefrorenen Erde zu begraben. Für die Beteiligten traumatische Erlebnisse.
In dem neun Millionen Euro teuren Zweiteiler führt Maria Furtwängler als ostpreußische Gräfin die Flüchtlinge an. "Ich war manchmal den Tränen nah", sagte sie hinterher über die strapaziösen Dreharbeiten. Aber der Blick auf die tatsächlichen Ereignis im Winter 1944/45 verbiete "das Nörgeln über eigene Befindlichkeiten."
Der Film zeigt die Leiden und Angst der Menschen vor der Rache der Roten Armee, ohne die Schuldfrage zu relativieren. "Der Blick auf die Endphase des Krieges macht deutlich, dass die Katastrophe von deutscher Seite heraufbeschworen wurde", sagt der Historiker Peter Steinbach, der den Film wissenschaftlich betreute. Die gleiche Haltung vertritt er auch zum Film "Nicht alle waren Mörder".
So sieht das auch Maria Furtwängler: "Ich finde es gut, dass wir heute solche Geschichten erzählen können. Es geht um das Leiden der Zivilbevölkerung. Der Film geht sehr sensibel mit dem Thema um. Er zeigt ja auch die Schuld und wer die Verursacher des Krieges waren."
Nazis opfern Zivilisten
So wird im Film auch deutlich, dass die Nationalsozialisten die rechtzeitige Flucht der Bevölkerung als verräterisch geißelten und unter Androhung der Todesstrafe verboten. "Das belastet die NS-Führung mit einer weiteren Schuld", so Historiker Steinbach.
Produzent Nico Hofmann erwartete, dass der Film zur Ausstrahlung heftige und kontroverse Diskussionen auslösen würde, weil die Deutschen als Kriegsopfer gezeigt werden. In den vergangenen Jahren wurde das Thema enttabuisiert, wie die Diskussion über die Bombardierung deutscher Städte im II. Weltkrieg sowie die Auseinandersetzung mit dem Schicksal deutscher Kriegsgefangener zeigt.
Doch die Diskussion zum Film "Die Flucht" richtete sich vor allem auf die Hauptdarstellerin Maria Furtwängler sowie die Frage, ob die Geschichte wirklich mit einer melodramatischen Liebesgeschichte "angereichert" werden musste. Kritiker sind sich uneins, die Bewertung blieb uneinheitlich. Die Zuschauer bildeten sich ihr eigenes Urteil. Zur Erstausstrahlung im Frühjahr 2007 in der ARD verfolgten über elf Millionen Zuschauer das Kriegsdrama an den Bildschirmen.
Der NDR zeigt das 180-minütige Drama in zwei Teilen am 3. Januar und 4. Januar 2011, jeweils um 22.30 Uhr. Im Anschluss strahlt der Sender Dokumentationen zum Thema Flucht und Vertreibung aus.
Produktionsdaten des Filmes "Die Flucht"
Deutschland 2007, 180 Minuten
Darsteller: Maria Furtwängler, Jean-Yves Berteloot, Tonio Arango, Gabriela Maria Schmeide, Jürgen Hentsch, Hanns Zischler, Angela Winkler, Max von Thun.
Regie: Kai Wessel
Drehbuch: Gabriela Sperl
