Editor's Choice

Die Freuden des türkischen Kaffees

Türkischer Kaffee - Nico Kaiser
Türkischer Kaffee - Nico Kaiser
Der türkische Mokka ist mehr als nur ein schneller Muntermacher.

Heiß, stark, verführerisch süß, manchmal auch salzig, aber immer gekrönt mit einer Haube funkelndem Kaffeeschaum, das ist echter türkischer Mokka oder auch Türk Kahvesi genannt. Ein Kaffee, der mehr ist als nur ein schneller Muntermacher. Ein Kaffee, der niemals im Vorbeigehen getrunken wird, ihn in Pappbechern zu servieren eine Sünde an seiner Kultur wäre, als Coffee to go zu verkaufen gar einer Schandtat gleichkäme. Es ist wohl auch der einzige Kaffee, der dem Genießer auch die Zukunft weisen kann. Ebenso der soziale Stellenwert, der ihm nachgesagt wird, ist Bestandteil der türkischen Kaffeekultur. So lautet ein Sprichwort: "Mein Herz will weder einen Kaffee noch ein Kaffeehaus - mein Herz will Unterhaltung. Kaffee ist nur eine Ausrede!"

Der türkische Mokka ist ein Genussgetränk, und es wird keine Gelegenheit ausgelassen, ihn zum Höhepunkt eines gesellschaftlichen Treffens zu erheben. Er ist der Anlass, um mit Freunden zu reden, er ist der krönende Abschluss eines leckeren Essens in geselliger Unterhaltung, er wird beim Kondolenzbesuch als dankende Geste ebenso serviert wie beim Willkommensgruß der neuen Nachbarn. Der Türk Kahvesi begleitet die Menschen im Alltag genauso wie die Politiker oder Manager bei ihren wichtigen Beschlüssen. Er ist ein unverzichtbarer Teil des sozialen Lebens in der Türkei.

Die schwarze Bohne und das Osmanische Reich

Als die schwarze Bohne im 16. Jahrhundert Konstantinopel eroberte, faszinierte dieses neue Getränk nicht nur Sultan Süleyman den Prächtigen, der die Bohne vom Gouverneur von Äthiopien als Gastgeschenk erhalten hatte, sondern der türkische Mokka breitete sich schnell in der Hauptstadt der Osmanen aus. In kürzester Zeit entstanden dort über 600 Kaffeehäuser. Sie erhielten sogar eigene architektonische Formen, die der Kaffeezeremonie einen besonderen Wert gaben. Gesellig, mit Wasserpfeife und auftretenden Musikanten, genossen die Herren der Gesellschaft entspannt den Türk Kahvesi. Es entstanden dabei regelrechte Diskussionszirkel, denen man den Beinamen „Schulen der Erkenntnis“ gab. Das gefiel den Theologen des Landes weniger. Sie brachten Bedenken gegen das berauschende Getränk vor, sodass Sultan Murat IV. 1633 ein Kaffeeverbot erließ. Das Kaffeetrinken wurde sogar unter Todesstrafe gestellt und die Kaffeehäuser wurden abgerissen. Doch schon der nächste Sultan, Mehmet IV. hob diesen Erlass wieder auf und bereits Anfang des 17. Jahrhunderts verbreitete sich der Kaffeegenuss über das gesamte Osmanische Reich.

Die Zubereitung des türkischen Mokka

Die Zubereitung des türkischen Mokka hat sich seit seiner Einführung nicht verändert. Die Bohne selber muss dabei sehr fein gemahlen werden. Gekocht wird der Kaffee in einer Cezve, einem kleinen Stielgefäß, das aus Edelstahl oder traditionsgemäß aus Kupfer besteht. Dabei verwendet man pro Tasse Kaffee einen Kaffeelöffel gemahlenen Mokka. Zu dem Kaffeepulver gibt man so viel Zucker, wie es dem Geschmack des Trinkers entspricht. Entweder sehr süß, dies wird mit „sekerli“ umschrieben, oder „orta“, das entspricht leicht süß, oder „sade“, das bedeutet ohne Zucker. So kann es schon vorkommen, dass die Hausfrau mit mehreren Cezve gleichzeitig unterschiedlich gesüßten Kaffee zubereitet. Wenn der Kaffee mit dem Zucker gut vermischt ist, wird die erforderliche Menge Wasser zugegossen. Und wieder wird das Gemisch gut verrührt. Nun darf der Kaffee langsam aufkochen, ohne dass dabei noch einmal umgerührt wird. Durch das Kochen entsteht der wichtige Kaffeeschaum. Dieser wird nun auf die einzelnen Tassen verteilt und die Flüssigkeit noch einmal kurz aufgekocht. Erst dann wird der fertige Kaffee in die kleinen, oft sehr aufwendig dekorierten Tassen verteilt. Nun kann der Türk Kahvesi auf einem schönen, der Zeremonie angepassten Serviertablett mit einer kleinen süßen Beigabe serviert werden.

Mit dem Türk Kahvesi den Hochzeiter testen

Auch bei der Brautwerbung spielt der türkische Mokka eine wichtige Rolle. Wird dies auch nur noch zum Spaß angewandt, erkennt der Bräutigam doch schnell, wie ernst es seiner Angebeteten ist. Die Familien des jungen Paares treffen sich im Hause der Braut, um um deren Hand anzuhalten. Dazu gehört selbstverständlich, dass die künftige Ehefrau den Türk Kahvesi für die Gesellschaft kocht. Gefällt der jungen Frau der Brautwerber, wird sie ihm den Kaffee kräftig versalzen. Trinkt er den Kaffee ohne mit der Wimper zu zucken aus, wertet sie dies gerne als Zeichen der Zuneigung. Alle anderen Familienmitglieder genießen dabei grinsend ihren süßen Kaffee.

Mit dem Kaffeesatz orakeln

Eine weitere Tradition, die sich in der Türkei um das Kaffeetrinken entwickelt hat und derzeit regelrecht zur Hochform aufläuft, ist das Kaffeesatzlesen. Sitzt man in netter Runde beim Türk Kahvesi zusammen, findet sich mit Sicherheit eine Person, die aus dem Kaffeesatz die Zukunft lesen kann. Dabei dient das Orakeln eher der lustigen Unterhaltung als einer ernst genommenen Vorhersage. Hier kommt nun der Kaffeesatz, der nicht mitgetrunken wird und sich in der Tasse absetzt, zu seinem vollen Einsatz. Man trinkt nur so viel Kaffee, dass der Satz noch leicht mit Flüssigkeit bedeckt ist. Danach bedeckt man mit der Untertasse die Kaffeetasse und stellt das Ganze mit einem kurzen Dreh auf den Kopf. Es braucht schon einige Minuten, bis der Kaffeesatz auf die Untertasse fließt und alles erkaltet ist. In der Tasse verbleiben nun Rückstände des Kaffeesatzes, aus deren Bildern und Symbolen die Zukunft herausgelesen werden kann. Diese Muster sollen dem Kaffeetrinker neue Erkenntnisse zu seiner derzeitigen Situation eröffnen oder auch Ratschläge zu gewissen Lebenssituationen geben. Meist genießt der Kaffeesatz Lesende ein hohes Maß an Gespür und Menschenkenntnis, vielleicht auch ein wenig spirituelle Empfindsamkeit, um damit den Kaffeetrinker glücklich zu machen und in neue Spannung zu versetzen.

Weitere Informationen: Türkischer Mokka und Das Ritual

Bildquelle: Nico Kaiser

Henriette Wild, Rafael Wild

Henriette Wild - Als Schwäbin gehöre ich zu den Menschen, die täglich ihr Profil neu beschreiben, sich immer wieder neu entdecken und ...

rss