
- Haiti: Elend, Hunger, Naturkatastrophen - Dieter Schütz / pixelio.de
27 Jahre lang hatten die USA treu an der Seite des Duvalier-Clans gestanden, zuerst „Papa Doc“, dann „Baby Doc“. Im Februar 1986 jedoch musste Jean-Claude Duvalier auf Druck Washingtons sein Land verlassen. General Henri Namphy übernahm die Regierung, versprach Wahlen und demokratische Reformen. Doch die ersten Wahlen im November 1987 ertränkte er in einem Blutbad, als seine Truppen drei Dutzend Wähler vor und in Wahllokalen niedermetzelten, um neue Wahlen mit genehmeren Kandidaten anzusetzen. Der im Januar 1988 gewählte ehemalige Weltbankökonom Leslie Manigat erfuhr weder die Anerkennung der Bevölkerung, die zu 90 Prozent diese Wahlen boykottiert hatte, noch der Militärs. Im Juni stürzte ihn Namphy, der wiederum wenige Monate später von Generalleutnant Prosper Avril verjagt wurde. Im März 1990 legte der US-Botschafter in Port-au-Prince dem Militärdiktator Prosper Avril nahe, das Land zu verlassen, die USA flogen ihn ins Exil.
Aristide’s Wahlsieg und Programm
Im Dezember 1990 gewann Pater Jean-Bertrand Aristide, der in Kanada, Griechenland und Israel Theologie und Psychologie studiert hatte, neben Französisch und Kreolisch auch Spanisch, Griechisch, Hebräisch und Englisch sprach, und sich besonders in Elendsquartieren wie Cité Soleil oder Carrefour Feuilles großer Beliebtheit erfreute, die ersten freien Wahlen in der Geschichte Haitis. Im Februar trat Aristide, der Kapitalismus für eine „Todsünde“ hielt, sein Amt als Präsident Haitis an. Er leitete eine Landwirtschaftsreform ein, führte ein rudimentäres öffentliches Gesundheitssystem ein, initiierte eine Alphabetisierungskampagne (90 Prozent der Haitianer waren Analphabeten), fror die Preise für Grundnahrungsmittel ein, versuchte Arbeitsplätze zu schaffen, den täglichen Mindestlohn von 38 Cent auf zwei Dollar anzuheben, gegen die Korruption in der Geschäftswelt anzugehen und den Drogenhandel der Militärs einzudämmen.
Vorbereitungen für einen Putsch
Plötzlich kursierten angebliche Brandreden, in denen Aristide seinen Gegnern mit dem Tod drohte. Dann sickerten Dokumente an die Öffentlichkeit, die zu belegen schienen, dass der populäre Pater „geistig instabil“ war. Wie sich später herausstellte, waren die Reden wie die psychiatrischen Gutachten CIA-Fälschungen. Nach weniger als acht Monaten war Aristide gestürzt, und die amerikanische „Major Baseball League“ konnte ihre Bälle auch weiterhin billig in Haiti herstellen lassen.
Zwar waren die USA angeblich nicht beteiligt an dem Coup General Raul Cédras‘, doch CIA-Beamte hielten sich z. Zt. des Putsches im Hauptquartier der Armee auf und Washingtons Favorit Jean-Jacques Honorat, wurde Ministerpräsident unter Cédras. Auf Druck aus dem US-Kongress organisierte die CIA im September 1994 halbherzig einen Umsturzversuch, der scheiterte. Wenig später flogen US-Jets die regierenden Generale in die Länder ihrer Wahl, wo sie mit all ihren Familienangehörigen ins sorglose Pensionärsdasein ziehen durften. Mitte Oktober traf Père Titid, wie ihn die Haitianer liebevoll nannten, unter dem Schutz einer 20 000 Mann starken amerikanischen Besatzungsmacht wieder in Port-au-Prince ein.
Rückkehr zur freien Marktwirtschaft
Aristide war zurückgekommen, sein Programm aber hatte er auf Druck der US-Regierung aufgeben müssen: Er hatte sich für eine freie Marktwirtschaft entscheiden und eine breite Koalitionsregierung akzeptieren müssen, die garantierte, dass seine einstigen Ziele, eine Verbesserung der Lebensbedingungen der überwältigenden Masse der Haitianer zu erreichen, in unerreichbare Ferne rückten. Dreieinhalb Jahre seiner Amtszeit hatte Aristide im Exil verbracht. Die Regierung Bill Clintons zwang ihn jedoch, diese verlorene Zeit als Regierungszeit anzuerkennen und nur noch die beiden verbliebenen Jahre seiner Amtsperiode, die 1996 endete, zu regieren. Im November 2000 wurde er jedoch sehr zum Verdruss Washingtons wiedergewählt.
Vorbereitungen für einen weiteren Putsch
Schon Anfang 2001 begannen die USA eine 600 Mann starke paramilitärische Streitkraft von Aristidegegnern aufzubauen und mit 1,2 Millionen Dollar zu finanzieren. Die Finanzierung lief über das International Republican Institute (ISI) mit dem offiziellen Verwendungszweck „Förderung der Demokratie in Haiti“. Die 600 Mann wurden in der Dominikanischen Republik von 200 Fachkräften der US Special Forces in den Ortschaften Neiba, San Cristobal, San Isidro, Hatillo und Haina trainiert. Unter den Teilnehmern des Programms waren sowohl Mitglieder der ehemaligen Tontons Macoutes, der Prügel- und Mordbrigaden der Duvaliers, als auch Mitglieder anderer Milizen, die grober Menschenrechtsverletzungen beschuldigt werden.
Gleichzeitig überzeugten die USA einige europäische Länder, Hunderte von Millionen Dollar Kredite und Hilfsgelder zu suspendieren, und drängten den IMF, die Weltbank und die EU, Haitis Wunsch nach günstigeren Kreditlinien zurückzuweisen. Die Wiederaufnahme der internationalen Hilfe wurde davon abhängig gemacht, dass Präsident Aristide mit der Oppositionspartei, Demokratische Annäherung, die von rechtsgerichteten haitianischen und amerikanischen Interessen finanziert und kontrolliert wird, zu einer Übereinkunft käme.
Ein inszenierter Bürgerkrieg
Angeführt und gesteuert von Anhängern des einstigen Diktators Duvalier sowie den US-trainierten Milizionären, formierte sich in den Provinzen Widerstand gegen den Priester. Nach bürgerkriegsähnlichen Unruhen intervenierten die USA im Februar 2004 mit einer Invasionsstreitmacht und zwangen Aristide auf Betreiben der französischen Regierung, die den Priester überhaupt nicht mochte, ins Exil: 2001 auf der UN-Rassismuskonferenz in Durban hatten Haitis Repräsentanten von Frankreich die Rückzahlung jener 150 Millionen Goldfrancs gefordert, die das Land einst den ehemaligen Kolonialherren als Kompensation für verlorenen Besitz und entgangene Profite hatte bezahlen müssen. Aristide hatte diese Zahlungen als ungerechfertigt verurteilt und die Rückerstattung zusätzlich der angefallenen Zinsen gefordert. Anders als Italien, das mit Libyen zu einer entsprechenden Vereinbarung gelangt war, oder die USA, die in den letzten Jahren einer Reihe von indianischen Völkern Entschädigungen für in der Vergangenheit erlittenes Unrecht bezahlten, wies Frankreich diese Forderung als Anmaßung zurück.
Hunderte seiner Anhänger wurden nach Aristides Verbannung von der Nationalpolizei ermordet, mehr noch verhaftet. Am 1. März 2004 kündigte Präsident George W. Bush an, US-Truppen nach Haiti zu schicken, um das Land zu stabilisieren. Wenig später stellten die Vereinten Nationen den USA ein 10 000 Mann starkes internationales Truppenkontingent zur Verfügung. Die UN-Truppen wurden und sind bis heute berüchtigt für ihre nächtlichen Überfälle auf schlafende, unbewaffnete Bewohner der Elendsquartiere von Port-au-Prince – immer unter dem Vorwand, die Gewalt zu bekämpfen.
Die endgültige Rückkehr ins Elend
Nach dem katastrophalen Erdbeben verzögerten die US-Truppen den Einsatz internationaler Hilfskräfte um Wochen. Zuerst, so hieß es, müsse die Sicherheit der Helfer garantiert sein. Dann konnten sich die internationalen Helfer nicht auf Prioritäten einigen, bis schließlich zu all dem Elend von Hunger, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit auch noch eine Choleraepidemie kam.
Der neue Präsident Martelly glaubt an Kapitalismus und Globalisierung. „Haiti is open for business“, rief er seinen angelsächsischen Gästen bei seiner Amtseinführung zu.
Quellen:
Amy Wilentz, “Rainy Season: Haiti-Then and Now”, Simon & Schuster, New York, 2010
Randall Robinson, “An Unbroken Agony: Haiti, from Revolution to the Kidnapping of a President”, Basic Civitas Books, New York, 2008
