Die Funktionen des Khalifen / Kalifen entwickelte sich erst nach und nach heraus, jeweils nach den Anforderungen, denen sich das Khalifat / Kalifen zu stellen hatte. So fiel ihm zuerst die Rolle als oberster Heerführer aller Muslime zu. Schnell kamen neue Aufgaben hinzu. Der Khalif / Kalif wirkte als Gesetzgeber und höchste Autorität bei religiösen Richtlinien. Als höchste religiöse Instanz wirkte der Khalif / Kalif bei der Festlegung der Texte des Koran. Eine Verwaltung musste ebenfalls aufgebaut werden. Sah sich der Khalif / Kalif beim Aufbau eines funktionierenden Staates im Widerspruch zum Koran, so konnte er sich auf seine Stellung als Nachfolger des Propheten berufen. Weitere Aufgaben des Khalifen / Kalifen waren die Leitung des Gebets, das Anführen des Djihads / Dschihads gegen die Feinde des Islam und die Reinhaltung der Dogmen des Islam. Außerdem bildete er die letzte Instanz in rechtlichen Fragen und hatte die Richter zu ernennen.
Die Entstehung des Khalifats / Kalifats
Das Khalifat / Kalifat entstand nach dem Tod des Propheten Mohammed. Als Mohammed starb, hatte er keine Vorkehrungen für seine Nachfolge getroffen und auch keinen männlichen Nachkommen hinterlassen. Nach einigen Auseinandersetzungen leisteten die bedeutendsten Mitglieder der muslimischen Gemeinde dem Abu Bakr den Treueeid. Abu Bakr (632-634) der ein enger Berater des Propheten war, trug nun den Titel „Beherrscher der Gläubigen“ und wurde nun als Khalif/ Kalif (von khalifa, was soviel wie Nachfolger oder Stellvertreter bedeutet) bezeichnet. Abu Bakr ernannte Umar zu seinem Nachfolger, der seinerseits ein Gremium von sechs Männern einsetzte, welches seinen Nachfolger aus ihrer Mitte bestimmen sollte. Das Gremium entschied sich für Uthman, der schließlich ermordet wurde. Zwar konnte der Schwiegersohn und Neffe des Propheten Ali zunächst Khalif werden, aber nicht alle erkannten ihn als Khalif / Kalif an. So erlangte dann Alis Konkurrent Muawiya nach der Ermordung Alis das Khalifat / Kalifat.
Das Khalifat / Kalifat der Umayyaden (661-750)
Muawiya gelang es, das Dynastische Prinzip für das Khalifat / Kalifat einzuführen. Unter dieser Dynastie, den Umayyaden, veränderte sich auch das Khalifat / Kalifat. Der Khalif / Kalif war von nun an nicht mehr der Stellvertreter des Propheten Mohammed, sondern ähnlich wie der Papst der Stellvertreter Gottes auf Erden. Allerdings erhob das Khalifat / Kalifat den Anspruch sowohl auf die religiöse wie auf die politische Führung der Muslime. Die Nachfolge unter den Umayyaden konnte jeder der männlichen Söhne des Herrschers antreten. Allerdings schloss man die Söhne der nicht-arabischen Konkubinen von der Thronfolge aus.
Das Khalifat / Kalifat der Abbasiden (750-1055)
Mit dem Beginn des Khalifats / Kalifats der Abbasiden im 8. Jahrhunderts fand eine weitere Veränderung des Khalifats statt. Als legitimer Khalif / Kalif galt nur der, welcher aus der Familie des Propheten abstammte. Die Abbasiden strebten danach, sich als Khalifen / Kalifen zu profilieren, da inzwischen andere Konkurrenzkhalifate entstanden waren.
Niedergang und Ende des Khalifats / Kalifats
Im 10. Jahrhundert hatte die Macht der Abbasiden stark abgenommen. Die wahre Macht lag in den Händen der oft türkischstämmigen Sultane. Hatten die Sultane die Institution des abbasidischen Khalifas noch zur Legitimation gebraucht, so übernahmen die osmanischen Herrscher schließlich selbst den Titel des Khalifen. Allerdings war Khalif / Kalif jetzt nur noch einer der vielen Titel den der osmanische Herrscher trug. Neue Bedeutung erlangte der Titel des Khalifen / Kalifen erst unter dem Eindruck des Imperialismus und der islamischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Der osmanische Sultan Abdul Hamid (1876-1909) versuchte, mittels des Khalifentitels, seinen Vertretungsanspruch aller Muslime zu betonen.
Zwei Jahre nach Absetzung des letzten osmanischen Sultans schaffte Kemal Atatürk 1924 den Titel des Khalifen endgültig ab. Alle Versuche einer Ausrufung eines neuen Khalifen scheiterten bisher.
Quellen:
Islam-Lexikon 1-3 ; Adel Theodor Khoury, Ludwig Hagemann, Peter Heine ; Herder 1999
