Die Geraer Höhler – Unterwelt der Innenstadt

Eine große Touristenattraktion in Ostthüringen liegt untertage

Geras Theater bekannt weit über die Stadtgrenzen - Nils Bräutigam
Geras Theater bekannt weit über die Stadtgrenzen - Nils Bräutigam
Unter Geras Altstadt befinden sich zahlreich durch Gänge verbundene Keller, die in den letzten Jahrzehnten restauriert und für die Öffentlichkeit begehbar gemacht wurden.

Wer möchte denn nicht mal schnell jemanden besuchen, ohne extra auf die Straße zu gehen und ohne gesehen zu werden? In Gera, dem einstigen Sorgenkind Ostthüringens, ist das seit einigen Jahren möglich, denn auf Initiative des Vereins zur Erhaltung der Geraer Höhler e.v. wurden Ende der achtziger Jahre die vielen Keller unter den Häuserrn der Innenstadt ausgebaut und miteinander begehbar verbunden. Insgesamt rund 250 Höhler, wie die Keller in Gera heißen, mit ihren Verbindungen bilden so ein Netz von rund neun Kilometern Länge, welches zwischen drei und elf Metern unter der Erdoberfläche liegt. Sogar ein Veranstaltungsraum entstand, in dem bei 2-8 Grad Celsius auch Sitzungen oder Feiern stattfinden.

Bierlager und Schutzbunker

Entstanden sind die unterirdischen Räume vornehmlich im 16. Jahrhundert als Lagerstätte für Bier und andere Nahrungsmittel. Auf Grund einer "Bannmeile" durften sich keine Handwerker ansiedeln und es war den Bürgern der Stadt vorbehalten Bier zu brauchen und auszuschenken. Da das damalige Grundnahrungsmittel Bier nur über die Herbst- und Wintermonate hergestellt wurde, musste es sachgerecht gelagert werden und so entstand die Idee der kellerartigen Gewölbe unter den jeweiligen Häusern. Die Arbeit verrichteten ehemalige Bergleute, die durch den Rückgang der Bergbautätigkeit im Umfeld Geras nach neuen Tätigkeiten suchten. Heute sieht man deutliche Unterschiede beim Vergleich der Höhlerumrisse mit den Umrissen der darauf errichteten Häuser, denn im Jahre 1780 wütete ein Stadtbrand, der fast die gesamte Stadt dem Erdboden gleichmachte. Beim Wiederaufbau kam es zu Verschiebungen der Grundstücksgrenzen und sogar unter dem heutigen Marktplatz liegen einige Räume. Nicht nur beim großen Brand, sodern auch bei den zahlreichen Kriegen, nicht zuletzt den beiden Weltkriegen, verschafften die Höhler den Menschen Schutz vor der oberirdischen Zerstörung.

Zwischenzeitlich kamen die unterirdischen Lagerstätten aber auch in Vergessenheit oder wurden gar bei einer Neubebauung halbherzig befüllt. Teilweise wurde auch die Fundamente der Häuser einfach auf die Höhler gesetzt. Eine systematische Aufarbeitung des gesamten Gebiets war daher notwendig und bis heute werden noch rund 60-70 unbekannte Höhler vermutet. Dazu kommen noch einmal in etwa so viele verfallene und unzugängliche Räume. Allerdings darf man die Jahrhunderte alten Gewölbe nicht mit den profanen Ausgrabungen der Neuzeit verwechseln, denn die Bezirksleitungen von Staatssicherheit und SED ließen Tunnel von ihren Arbeitsorten zum Bahnhof und noch etwas darüber hinaus anlegen. Diese waren für einen "Notfall" vorgesehen und galten der Evakuierung der Personen. Allerdings sind sie sowohl thematisch als auch geologisch von den innerstädtischen Höhlern weit entfernt.

Denkmal zum Anfassen

Bereits in den Siebziger Jahren begann die kartographischen Aufarbeitung und Vermessung der Höhler. Dennoch dauerte es fast noch einmal eine Dekade bis die museale Aufarbeitung begann. Noch vor dem Fall der Mauer und der Öffnung der DDR wurde im Mai 1989 der erste Höhler "Geithes Passage" für den Publikumsverkehr geöffnet. Damit die Arbeit mit dem einzigartigen Kellersystem auch in Zukunft weiter fortschreitet, haben sich Interessierte zum "Verein zur Erhaltung der Geraer Höhler e.v" zusammengeschlossen und pflegen und betreiben seitdem dieses wertvoller Kulturgut Geras.

Integrierter Teil der Geraer Kultur

Seitdem sind die Höhler nicht mehr aus den Veranstaltungskalendern der Stadt wegzudenken. So findet alle zwei Jahre eine Höhler Biennale statt, bei der regionale, nationale und internationale Künstler in den steinernen „Passepartouts" ihre Kunst zeigen. Dabei bringt vor allem die Abgeschiedenheit vom Treiben der Großstadt die nötige Ruhe zum Betrachten der Kunstwerke. Daneben wird jährlich der "Höhler des Jahres" gekürt, der sich allerdings nicht auf einen der Keller bezieht, sondern Bürger und Geschäftsleute auszeichnet, die einen besonderen Verdienst um die Erhaltung ihrer Höhler geleistet haben. Somit stellen die Vereinsmitglieder einen wichtigen Bestandteil der Geraer Stadtkultur dar und arbeiten weiter mit großem Engagement an der Ausgestaltung des unterirdischen Labyrinths und damit einer interessanten Sehenswürdigkeit Geras.

Portrait Nils Bräutigam, Nils Bräutigam

Nils Bräutigam - Im Journalismus bin ich ein echter Quereinsteiger. Bis jetzt war das Schreiben eine Art Ablenkung oder ehrenamtliche Aufgabe, aber nun ...

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