Kelten und Germanen werden immer wieder miteinander verwechselt. Nationalistisch ersonnene Ideologien in Westeuropa haben stetig die einen oder anderen in den Dienst ihrer propagandistischen und popolistischen Egoismen gestellt - so ist es nicht einfach, diese beiden Völker auseinander zu halten. Genaugenommen nichts Neues- auch die Griechen und Römer hatten damit ihre Probleme ...

Der Anfang

Die „Germanen“ tauchten erst um das Jahr 100 v. Chr. auf, als Kimbern und Teutonen die Alpen überquerten, in Norditalien einfielen, in der Hoffnung Ackerland zu finden. Die Römer reagierten mit militärischer Macht: Die Stärke und Wildheit der Krieger, die fast unbekleidet „mit wildem, grässlichen Geschrei“ kämpften, erschraken die Legionen gewaltig; dennoch waren sie besser ausgebildet und disziplinierter - so konnte die römische Armee Überhand gewinnen.

Ob es sich hier um Germanen, nicht Kelten handelte, ist fraglich: Möglich, dass die Kimbern ein keltoskythischer Stamm waren, den es einst nach Norden verschlug; zumindest trug ihr Häuptling Boiorix einen typisch keltischen Namen: Bojor = Name eines keltischen Stammes; rix = König. Der Name Teutone ist rein keltisch, bedeutet Volk. Mit Kimbern und Teutonen zogen auch drei helvetische Stämme, darunter die Tiguriner. (Zürich = Turicum) (Nack 1977; 58)

Germanen oder Kelten?!

„Germane“ ist keine Eigenbezeichnung, sondern wurde von Cäsar erfunden. Aus politischem Kalkül schilderte er die „Germanen“ als bedrohliche Macht, begründete damit seinen Anspruch auf militärische Ressourcen, Rüstungsgelder. Vor ihm hatte noch niemand von „Germanen“ gesprochen. (Döbler 1975: 89)

Der Geograf Strabo (64 v.u.Z.) fand kaum einen Unterschied zwischen Germanen und Kelten, außer, dass die Germanen östlich des Rheins leben, „noch größer, noch wilder und noch blonder seien“, als die Kelten westlich des Rheins. „Die in Gallien lebenden Römer nennen sie deswegen Germanen, weil sie damit ausdrücken wollen, dass sie die genuinen, die echten, die originalen Kelten sind.“ (Strabo) Diese vereinfachte Einteilung, die dem Machtstreben Cäsars dienlich war, blieb, wenngleich unbegründet, bis heute bestehen.

Wer aber nun waren die Germanen, die in Aussehen und Seele den Kelten so nahe waren?

Es handelt sich um nordeuropäische Ureinwohner, matrifokale Sippen von Megalith-Bauern, die ihre Toten in Hünengräbern begruben, Hackpflugbau und Fischerei betrieben; Südschweden, Jütland, Schleswig Holstein ihr Kerngebiet.

Steinzeitliche und bronzezeitliche Felszeichnungen in Schweden zeigen bereits viele Motive, die bei den Nordgermanen später noch charakteristisch waren: Schiffe, Drachenköpfe, Sonnensymbole, Krieger mit Rundschilden, Pflüge, Hirsche, einen gehörnten Mann mit großem Hammer, vermutlich ein Prototyp des Gottes Donar/ Thor.

Einst glaubten die Vorgeschichtler, dass die indoeuropäischen Invasoren die Megalithbauer ausgerottet, verdrängt hätten. Diese Annahme ist zu verwerfen: Skelette von neolithischen Skandinaviern zeigen keine „grössere Abweichungen von den Schweden unserer Zeit“, sondern „ausgeprägte nordische Rassekennzeichen“. (Strom 1975, 22)

Die deutliche Hellhäutigkeit, weitere physische Kennzeichen deuten (vgl. Darwin) auf eine Anpassung an lichtarmes Klima hin. Nordwesteuropa ist ein Gebiet mit größter Bevölkerungsdichte und wenig Sonne. Helle Haut ist da von Vorteil: Sie absorbiert ein Maximum an ultravioletter Strahlung, die wiederum die körpereigene Synthese von Vitamin D begünstigt. (Anthropologen konstatieren derartige vererbbare Anpassung an geographische Gegebenheiten überall auf der Welt. Quellen: Johnston/Selby 1978; Nickels/Hunter/Witten 1979.)

Eine klimabedingte Auslese und Anpassung bedarf hunderter von Generationen: Sie muss also bereits vor mehreren Jahrhunderten eingesetzt haben, spricht für die kontinuierliche Ansässigkeit der Bevölkerung des Nordens. Daraus kann man schließen, dass es keine massiven Einwanderungen und Besiedlungen von Indoeuropäern, wie 1000 v. Chr. im Süden, gab.

Die Germanen sind somit vor allem Nachfahren bodenständiger skandinavischer Ureinwohner

Ein reger Handel (Bernstein/ Fell gegen Bronze) fand mit den südlicheren Nachbarn statt, schuf neue Ideen: Der Kulturwandel von der Stein- bis zur Bronzezeit fand vor allem durch Akkulturation statt, so der Fachbegriff für die Übernahme fremder Kulturgüter und Lebensweisen.

Schon während der Bronzezeit rückten brandrodende Urgermanen nach Süden, Osten und Westen vor, wo sie vor allem auf Kelten trafen. Diese wurden zu Lehrmeistern der primitiveren Eindringlinge (Nack 1977, 40): Eisentechnik, die Mythologie des magischen Schmieds (Wieland/ Wayland), der Umgang mit Pferden, landwirtschaftliche Techniken. Die Germanen lernten die Getreidemühle, die Töpferscheibe kennen. Und keltischer Einfluss machte sich auch in der Sprache bemerkbar: Auffallend groß die Anzahl keltischer Lehnwörter aus Gesellschaft, Politik und Kultur (Hope 1999, 19).

In der Eisenzeit, der La-Tène-Zeit, verlief die südliche Grenze der germanischen Stämme entlang der Linie Holland-Leipzig-Breslau. Kultureller Austausch intensivierte sich, Märchen, Mythen, Göttervorstellungen überquerten Stammesgrenzen: Der Kult der Mistel gelangte zu den Germanen, wie auch der um Sonnengott Belenus und des ihm geweihten Bilsenkrautes. Belenos, seine Braut, die Blütengöttin, erscheinen bei den Nordstämmen als Baldur und Nanna. Lugus oder Lug wird zum Loki.

Den filigranen Kunststil, den Tier- und Pflanzenstil der La-Tène-Kelten (übernommen von den Skythen und weiterentwickelt) fand sich bald in der Kunst der Germanen wieder. Wie eng die Verbindung war, zeigt sich daran, dass der berühmte keltische Silberkessel aus Gundestrup oder der Bronzekessel aus Rynjeby in dänischen Mooren weit außerhalb des eigentlich keltischen Siedlungsgebietes als Opfergabe versenkt wurde.

Die Kelten waren dennoch nicht einseitig Geber-Kultur. Zur Zeit Cäsars und der gallischen Kriege hatten sich keltische Gruppen auch den Germanen, etwa den Sueben, angeschlossen. Cäsar selbst erkannte, dass bei zahlreichen nordost- und ostgallischen Stämmen germanische Herkunft hohes Prestige besaß (Wolfram 1995, 54). Es kam zur Germanisierung etlicher keltischer Stämme, sodass die beiden Gruppen tatsächlich schwer auseinander zu halten waren.

Mit dem Zusammenbruch des römischen Imperiums kam es zur Völkerwanderung. Die Germanen, dem Druck wandernder Slawen ausgesetzt, drängten nach Süden, überlagerten die romanisierten keltischen Restvölker. Die germanischen Franken übernahmen die Herrschaft in Gallien (Frankenreich); die Markomannen, die sich selbst Bayern (nach dem keltischen Stamm der Boier) nannten, besiedelten von Böhmen aus den bayerisch-österreichischen Raum; die Langobarden schufen die Lombardei im ehemals keltischen Cisalpina; die Burgunder ließen sich an der Rhone nieder; der mächtige Stamm der Alemannen besiedelte Schweiz, Elsass und Baden, gliederte die keltische Restbevölkerung ein. Angeln und Sachsen setzten auf die Britischen Inseln über; Goten, ursprünglich aus Südschweden, zogen bis nach Andalusien und ans Schwarze Meer.

Und dann kamen die iro-schottischen Mönche, um die wilden germanischen Heiden zu einem Christentum zu bekehren, welches durchaus noch keltische Züge trug ...

Quellen:

  • Dr. Wolf-Dieter Storl, Pflanzen der Kelten, AT-Verlag
  • Le Roux/ Guyonvarc'h, Die Druiden, Engerda: Arun 1996
  • Sharkey, John, Die keltische Welt, Frankfurt a. M., Insel 1982