
- Atomkraft nein Danke - Anti-AKW-Bewegung
Die Ereignisse um die havarierten Kernkraftwerke bei Fukushima haben sowohl die Einstellungen der Politik zur Atomkraft völlig umgekrempelt, als auch den Aktivisten der Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland zu deren eigenem Bedauern Recht gegeben und die Zustimmung der Bevölkerung für die baldigst mögliche Abschaltung der risikoreichen Energieerzeuger stark gefördert.
In Wyhl ging es richtig los
Nachdem Ende der 1950er Jahre in Deutschland die ersten Pläne für die Nutzung der Atomenergie aufgelegt worden waren, wurde dies zunächst von allen politischen Kräften begrüßt und eine Welt ohne Energiesorgen ausgemalt. Nachdem aber in den USA und später in Frankreich erste Anti-Atom-Initiativen Protestaktionen gestartet hatten, wurden Anfang der 1970er Jahre auch in Deutschland die ersten Gruppen aktiv. Als die Baden-Württembergische Regierung dann den Bau eines Kernkraftwerkes in Wyhl am Kaiserstuhl genehmigte, wuchs sehr schnell eine starke Bewegung dagegen. 1975 kam es zu einer Demonstration von 28.000 Bürgern gegen die geplante Anlage. Bauern und Studenten wehrten sich Seite an Seite mit verschiedenen Aktionen, unter anderem Besetzungen des Baugeländes gegen den Bau der Anlage und waren letztendlich erfolgreich, das Kernkraftwerk Wyhl wurde nie gebaut. Damals wurde der Protest noch meist als rückwärts gewandte Angstmacherei gewertet und mit Protesten gegen die ersten Eisenbahnen verglichen.
Brokdorf, Grohnde, Kalkar, Wackersdorf und Gorleben...
Trotz dieses ersten Erfolges der Bewegung nahmen die Atompläne der Energiewirtschaft und der Regierung in Bonn immer umfangreichere Formen an und es wurden an zahlreichen Standorten Atomkraftwerke geplant und gebaut. Die Bewegung gegen die Atomkraft organisierte sich darum zusehends sowohl vor Ort in Bürgerinitiativen als auch bundesweit, beispielsweise im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, aber auch andere lockere Verbünde und Netzwerke. Eine Zuspitzung erfuhr der Protest bei Demonstrationen gegen die Kraftwerke in Brokdorf und Grohnde. Sowohl die Polizei als auch vereinzelte radikalisierte Demonstranten wendeten Gewalt an, sodass es zu regelrechten Schlachten mit zahlreichen Verletzten kam. Die Mehrheit der Demonstranten bestanden jedoch auf Gewaltfreiheit und bemühten sich auch, diese durchzusetzen.
Sehr heftige Proteste gab es auch in Bayern gegen die Errichtung der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf Anfang der 1980er Jahre. Diese wurde dann auch schließlich von den Betreibern aufgegeben. Genau so erging es dem Schnellen Brüter in Kalkar und dem Thorium-Hochtemperatur-Reaktor bei Hamm. Solche Erfolge ermutigten die Bewegung und nachdem Probebohrungen für ein Endlager in Gorleben begonnen wurden, konzentrierte die Bewegung sich stark auf den Kampf gegen dieses Endlager. Ein Hüttendorf und die sogenannte Republik Freies Wendland mobilisierten die Menschen vor Ort, aber auch bundesweit.
Weiter bemühte sich die Bewegung auf für die Propagierung alternativer Energien. Literatur über den Selbstbau von Solaranlagen und Windrädern fanden große Verbreitung und wurden in Landkommunen und alternativen Unternehmen auch in die Tat umgesetzt. 1980 wurde die Partei Die Grünen gegründet, die sich den Kampf gegen die Kernenergie auf die Fahnen geschrieben hatte und teilweise aus der Bewegung hervor gegangen war. Auch in der Sozialdemokratie und in den Gewerkschaften wurden die Atom-kritischen Kräfte zusehends stärker.
Die Katastrophe von Tschernobyl
Eine erheblich stärkere Havarie erlebte das Kernkraftwerk Tschernobyl in der heutigen Ukraine, die zu einem so genannten Super-GAU führte, weite Strecken des Umlandes verseuchte und in ganz Europa Radioaktivität verbreitete. Dies führte zu einer verstärkten Ablehnung der Atomkraft in der Bevölkerung. Von den Atomkraftbefürwortern wurde argumentiert, dass die sowjetischen Atomanlagen veraltet seinen und in deutschen Kernkraftwerken so etwas nicht geschehen könne.
Nach dem Fall der Mauer wurde es vorübergehend ruhiger um das Thema Atomkraft, aber Proteste gegen Castor-Transporte gingen weiter. In der Deutschen Demokratischen Republik hatte es bis dahin kaum Proteste gegen die Atomenergie gegeben, aber nach Tschernobyl gab es in der noch jungen Umweltbewegung zirkulierende Flugblätter, die gegen die Atomanlagen im zweiten deutschen Staat protestierten. Zur Wendezeit gründete sich auch hier eine Grüne Partei, die sich später mit anderen Bürgerbewegungen und den westdeutschen Grünen zusammenschlossen.
Atomausstieg unter Rot-Grün
Nachdem 1998 eine rot-grüne Mehrheit die Regierung bilden konnte, trafen sie mit den Energiekonzernen die Atomkraftwerke betrieben eine Vereinbarung zum Ausstieg aus der Atomenergie, nach der die bestehenden Atomkraftwerke nach einer befristeten Laufzeit vom Netz genommen werden sollten, auch das bestehende Atomgesetz wurde novelliert und angepasst. Es wurde geregelt, dass keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden durften und die bestehenden nach Erzeugung einer festgelegten Strommenge abgeschaltet werden sollten. Dieser Ausstieg bedeutete für die Betreiber eine großzügige Übergangszeit. In der Anti-Atom-Bewegung stieß diese Regelung nicht auf ungeteilte Zustimmung, wurde aber als ein kleiner Erfolg gewertet. Auf völlige Ablehnung stieß die Vereinbarung jedoch bei der parlamentarischen Opposition von Christdemokraten und Liberalen.
Der Ausstieg aus dem Ausstieg und nach Fukushima noch ein Ausstieg
Nachdem die damalige Opposition dann 2009 zusammen die Regierung bilden konnte, setzte sie alles daran den Ausstiegs-Beschluss wieder rückgängig zu machen und am 28.10.2010 beschloss der Bundestag mit seiner schwarz-gelben Mehrheit, dass Kernkraftwerke, die vor 1980 errichtet wurden, bis zu acht Jahre weiter betrieben werden konnten und solche, die jünger waren, eine um 14 Jahre verlängerte Laufzeit erhielten. Durch diese Beschlüsse wurde die Anti-AKW-Bewegung wieder stark mobilisiert und führte zahlreiche lokale, regionale und bundesweite Aktionen durch.
Als am 11. März dann durch das schwere Erdbeben in Japan das Atomkraftwerk Fukushima außer Kontrolle geriet und es zu der folgenschweren Havarie kam, vervielfachten sich die Proteste und die Bundesregierung sah sich gezwungen, ihren gerade beschlossenen Ausstieg aus dem Ausstieg wieder zu stoppen und erließ ein Moratorium, um die Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke zu überprüfen. Dass dies das Vertrauen der Bevölkerung in die Beschlüsse der Regierung nicht wieder herstellte, zeigten die Wahlen in Baden-Württemberg, die erstmals einen Grünen an die Spitze einer Landesregierung brachte. Die Bürgerinitiativen zeigen sich überall im Land entschlossener denn je, den Widerstand gegen die Kernenergie fortzusetzen.
